Kniebeugen in Kairo

Kehrseite II Am 14. Mai muss ich immer an dich denken. Auch jetzt noch, acht Jahre später. Oder sind es sogar schon neun? Jedenfalls ist für mich der 14. Mai so ...

Am 14. Mai muss ich immer an dich denken. Auch jetzt noch, acht Jahre später. Oder sind es sogar schon neun? Jedenfalls ist für mich der 14. Mai so eng mit dir verbunden wie der 6. Dezember mit dem Nikolaus. Ich habe keine Ahnung, ob du noch manchmal an mich denkst, denn das mit uns ging nicht sehr lange. Sieben gemeinsame Nächte verteilt über fünf Wochen. Ich war eigentlich nicht dein Typ, dir gefielen Männer mit orientalischen Augen und Bartschatten, und ich bin blond und habe eine glatte Haut.

Das Letzte, was ich von dir über drei Ecken gehört habe, ist, dass du zum Studieren nach Kairo gegangen bist. Ins Kleopatraland. Mittlerweile haben die Jahre bei mir eine Menge Erinnerungen, die mit dir zusammenhängen, weggespült, aber es gibt eine Sache, die werde ich nie vergessen: Wie du, nachdem wir das erste Mal miteinander geschlafen hatten, aus dem Bett stiegst und anfingst Kniebeugen zu machen. Ich lag zwischen den Laken und sah mit offenem Mund zu, wie dein Hintern sich vor meinen Augen auf und ab bewegte. Die Muskeln, die sich an- und entspannten. Deine Waden, die Oberschenkel. Die nach vorne gestreckten Arme mit den Handflächen, die nach unten zeigten, und deine Brüste, die leicht schwangen. Den Rücken, den du sehr gerade hieltst. Du zähltest laut mit. Elf, zwölf, dreizehn. Und vierzehn.

Dann warst du fertig, gabst mir einen Kuss auf die Nasenspitze und krochst zu mir zurück unter die Decke. Es waren die ersten nackten Kniebeugen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Es hatte ganz natürlich gewirkt, aber ich war trotzdem sprachlos.

"Ich mache immer genau so viele Kniebeugen wie das Tagesdatum", sagtest du. Und als ich dich weiter verständnislos ansah. "Ich brauche das. So wie Raucher die Zigarette."

Heute ist der 14. Mai, Jahre später, und ich laufe über den Arkonaplatz und denke an Palmen und an dich. Ich stelle mir vor, wie du in Kairo gerade aus einem Bett steigst, um mit einem Lächeln auf den Lippen Kniebeugen zu machen, und ein Mann mit orientalischen Augen und einem dunklen Bartschatten sieht dir dabei zu.

Daniel Klaus wurde 1972 in Wiesbaden geboren. Er war Stipendiat der Akademie der Künste und Preisträger des Walter-Serner-Preises. Seine Geschichten sind in Literaturzeitschriften, Zeitungen und im Rundfunk veröffentlicht.


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00:00 25.05.2007

Ausgabe 44/2020

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