Knifflige Entscheidungen

Berlinale Während die Filme größer waren als ihr Inhalt, lag die Jury mit ihren Auszeichnungen auf kreative Weise daneben
Gerhard Midding | Ausgabe 08/2017
Knifflige Entscheidungen
Eigensinniger Preisträger: Aki Kaurismäki
Foto: Carsten Koall/Getty Images

In dieser einen Einstellung setzt sich der Film wirklich der Topografie seines Schauplatzes aus. Langsam erklimmt die Kamera einen Bergrücken in Norwegen. Trotz aller Wegbiegungen hält sie an ihrer Perspektive fest, während sich immer dichterer Nebel über die Landschaft legt: eine lange, ungeschnittene Plansequenz, die ihren Gipfel in der Leere erreicht.

In einer anderen Epoche, in einem anderen Land und in einem interessanteren Film hätte diese Einstellung vielleicht eine lebhafte Debatte ausgelöst. Aber da alle drei Bedingungen nicht für Helle Nächte zutreffen, den Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan, konnte die Plansequenz nicht zu einem Stein des Anstoßes werden. Den Zuschauern war sie wahlweise zu lang oder nicht lang genug. Einige ermutigte sie zu nervösem Spott, andere dazu, das Kino vorzeitig zu verlassen. Aber ist sie als ästhetisches Credo provokant genug?

Dieses Spätlicht der Berliner Schule führt in den Bereich der Glaubensfragen, die nur ein Für und Wider, aber keine Nuancen der Urteilsfindung zulassen. In ähnlich lethargischer Weise polarisiert der Minimalismus von On the Beach at Night Alone des Festivallieferanten Hong Sang-soo. Dem Koreaner genügt es, leidlich interessanten Figuren beim Verfertigen banaler Gedanken zuzuhören. Dieses Schauspiel mobilisiert Verehrer ebenso wie einen Rest, der sich wohl schon bei Hongs Ahnen Éric Rohmer gelangweilt hat. Die Internationale Jury schlug der Lagerbildung ein Schnippchen, indem sie Autorschaft ignorierte und die männlichen (Georg Friedrich) und weiblichen (Kim Minhee) Hauptdarsteller auszeichnete. Zwei Indizien dafür, wie die von Paul Verhoeven angeführten Preisrichter auf kreative Weise danebenlagen.

In fast jeder Kategorie düpierte die Jury die Erwartungen. Dana Bunescu, die große, stilprägende Cutterin des jungen rumänischen Kinos, wurde für die komplexe Zeitverschachtelung von Ana, mon amour ausgezeichnet, die aber schon im Drehbuch angelegt ist. Den Silbernen Bären in dieser Kategorie gewann hingegen Una mujer fantástica von Sebastián Lelio. Die Begründung der Jury, der Film ließe Gender-Vorurteile überwinden, hätte mit gleichem Recht die robuste Darstellung Daniela Vegas’ treffen können, die passenderweise auf die Bühne geholt wurde – und deren Auszeichnung als Transfrau die diesmal knifflige DarstellerInnenfrage in beiden Sparten entschieden hätte. Im Wettbewerb herrschte ein Mangel an charismatischen Männern. Indes wäre Mircea Postelnicu aus der rumänischen Ko-Abhängigkeitsstudie Ana, mon amour ein würdiger Kandidat gewesen. Und da deren Regisseur Calin Peter Netzer bereits vor vier Jahren den Goldenen Bären erhalten hatte, schied er als Kandidat für den Hauptpreis aus. Hier bewies die Jury Augenmaß, indem sie On Body and Soul wählte, das erfreuliche Comeback der Ungarin Ildikó Enyedi, das seinen Zauber langsam und nachhaltig entfaltet.

Das Private zurückerobern

Der Silberne Bär für die Beste Regie ging an Aki Kaurismäki, dessen Die andere Seite der Hoffnung gemeinhin als Favorit galt. Das muss man nicht als Trostpreis abtun. Vielmehr führt der Preis vor Augen, wie zwiespältig die Hoffnungen waren, die sich auf ihn richteten. Mit ihm wurde die Handschrift eines Festivallieblings gewürdigt, dessen Humanismus sich nicht im Abgreifen eines aktuellen Anliegens (Flucht/Migration) erschöpft. Dass Aki Kaurismäki nicht auf die Bühne kommen wollte, sondern ihm der Bär hinterhergetragen werden musste, darf man als Geste des Eigensinns feiern.

Mithin konnte die Verleihung dank der listigen Umsicht der Jury nicht zu einer Farce der Gutwilligkeit werden. Vom Losungswort einer„mutigen“ Berlinale, das Festivalleiter Dieter Kosslick ausgegeben hatte, mochte er zwar nicht abrücken und münzte es vollmundig um in das Diktum, die gezeigten Filme hätten „die Welt mit Poesie gerettet“. Gewonnen haben jedoch Filme, die dem Kino das Private zurückerobern, die größer sind als ihr Inhalt und die dennoch atmosphärische Visionen der Gegenwart entwerfen.

17:30 22.02.2017

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