Knips noch ein letztes Mal

Hingucker Der Berliner Fotograf Daniel Biskup macht die schwarzen Flecken Sankt Petersburgs sichtbar

Es gibt Städte, die sind fotografisch abgestanden. Wer heute etwa noch einen Fotoband über New York veröffentlichen wollte, der ist entweder tollkühn oder kreist als einsamer Satellit weit ab von den Umlaufbahnen konventioneller Fotografiegeschichte. Ähnliches dürfte für Fotostrecken von Paris oder London gelten. Mit dem Fall des eisernen Vorhangs hat sich die geographische Linie der Stadtfotografie nach und nach gen Osten verschoben. Überschwemmten nach 1989 zunächst unzählige Berlin-Fotobände den Markt, so geht die Bilderreise längst weiter in den einstigen Einflussbereich Moskaus hinein.

Als in diesem Jahr die prächtige Newa-Metropole Sankt Petersburg ihr 300jähriges Jubiläum feierte, legten die internationalen Buchverlage ihre Bildbände schneller vor, als die Fotografen gucken konnten. Vom Poetischen Sankt Petersburg-Führer" bis zu "Das Bernsteinzimmer - Ein Mythos kehrt zurück. Die Titel derartiger Publikationen mochten sich ändern wie der Name der Zarenstadt an der Newa - von Sankt Petersburg zu Petrograd über Leningrad und zurück.

Ein zusätzlicher Bildband zur russischen Kulturmetropole am finnischen Meerbusen wäre also unnötig. Die Ansichten auf die Isaak-Kathedrale haben sich im Jubiläumsjahr ebenso verbreitet wie die auf den Winterpalast. Und der kapitalistische Radikal-Abklatsch einer Gesellschaft am Rande des sozialen Zusammenbruchs hat sich mit unzähligen Agenturbildern fast so versteinert wie die Museumsbauten der Eremitage.

Der 1962 geborene Berliner Daniel Biskup kann es dennoch nicht lassen, sich im Bücher-Herbst noch einmal an der vermutlich westlichsten Stadt Russlands zu versuchen. Und tatsächlich: In seinem Buch mit dem schlichten Titel St. Petersburg gelingt es ihm auf gut 220 Fotos, Ansichten aufzuspüren, wie sie so noch nicht durch den Verwertungskreislauf zirkuliert sind. Während sich andere wie Postkarten-Fotografen auf die Suche nach einem weiteren Abzug bekannter Vorlagen machen, erwandert sich Biskup die Stadt immer wieder neu; betrachtet Sankt Petersburg wie ein umherschweifender Flaneur, der sich mit der Kamera ein paar flüchtige Momente erhascht.

In seiner fotografischen Herangehensweise sieht sich Biskup in der Tradition Henri Cartier-Bressons. Eine Fotografie, die zunächst nichts sein will als Bildjournalismus und von der man nachher nicht mehr wissen wird: Ist das Reportage oder ist das schon Kunst?

Doch von Letzterem will Daniel Biskup nichts wissen. Selten sind seine Arbeiten konzeptionell. Vielmehr folgen sie Tageslaunen und den viel beschworenen Augenblicken. Der Fotograf, der sonst für den Spiegel, Die Zeit, aber auch den Freitag Illustrationen für den schnellen Konsum beisteuert, sieht seine Arbeitsreisen als Sammeltouren. Morgens zieht er los, liest mit dem Objektiv Dutzende urbane Fragmente auf, um am Abend die reiche Beute auszuwerten.

Auf gleiche Art ist Daniel Biskup auch mit seinen Impressionen aus Sankt Petersburg verfahren. Und so sind am Ende Szenen einer Stadt entstanden, die nicht mit jedem neuen Morgen ihrem eigenen Abbild ähnlicher wird, sondern die hinter jeder Ecke jung und aufregend erscheint. Die Neu-Yuppies aus den alten Seilschaften, die kleinen Waffendealer an den Straßenecken, die Obdachlosen mit den riesigen gestreiften Plastikkoffern - sie alle gibt es hier so selbstverständlich wie die Normalos und die Night-Life-Kids aus der nächsten Keller-Kaschemme.

Biskup dokumentiert eine russische Melange. Besonders seine Aufnahmen von den Feierlichkeiten zum 9. Mai, dem Siegestag über Hitler-Deutschland, unterstreichen die Vielfalt der Stadt im toten Winkel Europas eindrücklich. Während die letzten Veteranen im geputzten Lametta marschieren, nutzen die Jüngeren die alten Dekos des großen Vaterländischen Krieges als popige Retro-Kulisse für private Prêt-à-Porter-Shows. Es ist eine Straßenfotografie ohne Knalleffekte - mit dem einen Auge am Vertrauten, mit dem anderen an den alltäglichen Sensationen.

Daniel Biskup: St. Petersburg. Verlag M. Böhm, Leipzig 2003, 176 S., 49,90 EUR


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00:00 10.10.2003

Ausgabe 38/2020

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