Knollo

Der Richter trug Schwarz, der Nachmittag schaute zu den Fenstern herein, die Sonne schummelte sich an den Gardinen vorbei bis auf den Tisch, schmaler ...

Der Richter trug Schwarz, der Nachmittag schaute zu den Fenstern herein, die Sonne schummelte sich an den Gardinen vorbei bis auf den Tisch, schmaler Streifen Gelb auf Dunkelbraun, alles warme Farben. Zwei Meter neben mir, an einem anderen Tisch, saß Knollo in Stahlbau und Weiß. Eigentlich muss es Oberknollo heißen, dachte mein Kopf, da fing der Richter an zu reden. Knollo kroch in sich zusammen, seine Augen hingen an den Lippen des fülligen Mannes vor ihm. Ich überlegte, ob ihm nicht auch noch die Zunge aus dem Mund hängen würde und starrte gebannt auf diesen dünnen Beamten, der einen so unheimlich krummen Buckel fertig brachte. Das konnte nur schief gehen. Man soll nicht an Charles Dickens denken, wenn ein Richter redet.

Eine halbe Stunde später hatte Knollo gewonnen und ich tauschte Charles Dickens gegen Kafka aus - die Zunge des dünnen Mannes huschte wie ein kleiner blassroter Lappen zwischen den Lippen hin und her, der Zeigefinger seiner rechten Hand wischte über die Tischplatte. Es war nur um Geld gegangen, wahrscheinlich lächerlich wenig für so einen Richter, ein altes Auto mit gerissenem Steuerriemen an der falschen Stelle am Straßenrand abgestellt. Eine Bagatelle, eine Alltäglichkeit für die Frauen in den blauen Uniformen dieser Stadt. Aber Knollo war Sieger und stand jetzt auf. Sein spitzes Gesicht tauchte in die Sonne, der Richter zuckte die Schultern und schaute mich einen Augenblick nachdenklich an. Immerhin hatte ich nicht mit mir handeln lassen. Knollos Gesicht verzog sich zu einem dünnen Grinsen. Er stand wie unter dem Licht eines Theaterscheinwerfers. Der Richter senkte den Kopf und räumte die Akten auf seinem Tisch zusammen. Ich stand auch auf. Knollos Gesicht drehte sich zu mir. Es sah grau aus, grau wie die Herren in Endes Momo. Nur dass dieser hier nicht Zeit, sondern Geld stahl. In einer halben Stunde dreihundert Euro. Ich wandte mich zum Gehen, der Richter atmete aus, Knollos Kopf fuhr herum und plötzlich tat mir der Mann Leid. Sein Rücken, obwohl er stand, wurde krumm, die hervorspringende scharfe Nase sah wie ein Vogelschnabel aus, seine weißen Hände kneteten sich vor dem Bauch. Er hatte gewonnen und sah doch wie der Verlierer aus. Der Richter jedenfalls schien ihn nicht sonderlich zu mögen. Ich ging. Draußen legte die Herbstsonne gelbes Licht über Straßen und Häuser, hinter mir prunkte die Villa des Amtsgerichtes, vor mir dehnte sich nach links und rechts die stille Seitenstraße und der Nachmittag gab sich alle Mühe, schön auszusehen.

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00:00 15.11.2002

Ausgabe 42/2021

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