knoten am nordpol in tollwut

Kehrseite 1 auf dem weg zum briefkasten, der terrorist im versteck, befühle ich harmloses papier, das tribunal lauert im umschlag. stapele die rechnungen hinter ...

auf dem weg zum briefkasten, der terrorist im versteck, befühle ich harmloses papier, das tribunal lauert im umschlag. stapele die rechnungen hinter den anderen rechnungen. hot flashes backwärts. ich gehe zur bank.

unter der stadt, auch kein spürbarer lustgewinn.

beliebigkeit in formloser masse. so, wie ich. ohne ticket gilt es die situation zu überwachen. keiner da. die gelbe bahn schmettert rasant durch den tunnel und stoppt keuchend. türschlunde öffnen sich, schmutziges ockerlicht strömt hervor, ich spähe vorsichtig umher und setze mich in einen waggon mit langen bankreihen, ganz nach links. es ist früher nachmittag, trübe maschinengeräusche rauben mir den letzten mut, eines bereits verdorbenen tages, körper umgeben mich, die sich von fahrtschwingungungen bewegen lassen, gesicht zum boden. aufgehängte hüllen im sarg. so, wie ich. wir fahren aus dem tunnel ins tageslicht, ich wechsele bei halt ins nächste abteil.

hier stehen sie dicht gedrängt, lebhaft schwatzend. gleichgültig greife ich nach einem metallgriff. unbestimmtes geht vor sich. einige deuten mit hochgezogenen augenbrauen oder nickbewegungen in richtung einer isolierten gestalt. ich beobachte was geschieht.

ein menschlicher ausstoß zusammengedrückt, beine zum körper gespannt, dazwischen eine bierbüchse. eine plastiktüte an sich gepresst, lallt er von sinnen in die eigene sphäre, in die ihn umgebende aura der anderen welt, die nur er kennt, ein einstiges wesen im unantastbaren zaubermantel aus dem reich der unsichtbaren. niemand wagt seinen radius der un- un- un-tiefen zu überschreiten. unberührbar er. die gespräche verstummen, in der gemeinschaft will man sich nicht mit angst infizieren. rattengift.

nächste station, ein großer umsteigebahnhof, viele plätze werden leer, ich befinde mich ihm gegenüber. irrsinnige dinge durchzucken mein hirn. der zug steht beharrlich, ein scharfer geruch bringt mich zu ihm zurück. ich schaue auf meinen mantel. der mann hebt nun langsam den kopf.

mein mantel ist grau und aus kunstfell, an den ärmeln abgeschabt. ich spüre seinen unverschämten blick, wie er sich direkt in meine augen gräbt. ich denke an nordpol. er rülpst. unendlichkeit empfängt mich schauerlich. ich fixiere meinen mantel in einer unangemessenen weise. ich kann mich nicht entziehen. die nähte sind an einigen stellen aufgerissen.

die augen fuchteln wild aus dem kadaver, wahnsinnsspiralen und rudimentäre lüste, den eigenen atem fressen, ausgetrocknetes hoffen im verbrannten wald, erloschenes dasein, der deckel zum oberlicht geschlossen, im keller, kellerassel, nichts zu machen. täglich, die beschaffungsaufgabe, den denkmechanismus zu zerstören, der andere trieb, sich zu erhalten, zu halten in der schräge. gier.

kann meine augen nicht im zaum halten, seine wiederum rammen mich in die unerträglichkeit, in eine vision mit ihm in einer grotte zu hausen, ich befürchte, dass wir nach unten fallen, in einen uferlosen müllberg. hervorkriechende existenznöte als käfer getarnt, bemächtigen sich unserer körper. wir sehen zu, wie wir lebendig verfaulen.

der mann streckt seinen rumpf, richtet sich empor und stemmt den hals nach vorn. sein gesicht droht zu platzen, rotgeäderte kanäle bespannen den korpus gleichsam mit lack, ein chemiewerk in betrieb. eine purpur apfelnase in die mitte gestülpt, glüht rot in krapp. dem anschein nach wurde er falsch montiert. mein hals ist trocken, verwüstet. der mann wird steif und kehrt sich aufmerksam dem inneren tempel seiner dunklen seele zu. die dreckige eisenhand zuckt. das anschwellende gesicht, kurz vor dem höhepunkt. ich wende mich um, betrachte mein spiegelbild, höre ihn hinter mir aufatmen, sehe, wie er sich behäbig hoch windet und die bahn verlässt.

in höhe seines gesäßes hat sich ein ovaler fleck gebildet, die türen schlagen zu, eine nassspur führt von der stelle, wo er stand, zu dem leeren ort seines sitzplatzes. das schaukeln im wagen bringt einiges in bewegung. die pfütze tropft von der bank auf den boden, teilt sich in mehrere rinnsale, die allmählich durch die gesamte länge des zuges fließen. über seinem sitz im fenster, eine mitteilung, eingeritzt in glas, fuck the norm.

fuck the norm über mehrere stationen.

hier gibt es keine revolutionen.

ich hüpfe von insel zu insel, raus aus dem schacht, zum geldautomaten, benehme mich, wie ein dieb oder irgendein täter-opfer, trage den mann auf meinem rücken, alle können es sehen.

wieder öffnen sich türen und ich stehe vor der maschine, die mir anweisungen gibt, hab allerhand skrupel gebissen zu werden vom maul der maschine, schiebe die karte in den spalt und ziehe meine hand rasch weg, wie war nochmal die nummer ..., zweiter versuch, und beim dritten mal ... aufgefressen.

(hab ich doch gewusst)

ich schiebe mich über den teppich durchs großraumbüro, schiebetüren, unsichtbares glas, schlange stehen, dann sitze ich einem phantom im anzug gegenüber. sein text: kein problem. ich bemerke, dass ich ihn imitiere. überflüssigerweise lächelt er in die richtung, in der ich nicht sitze. das beunruhigt mich. er schielt. das linke auge streift meine person. er brilliert durch eine sonderbar violette maskierung, als hätte er den richtigen auftritt verpasst. vermehrter speichelfluss in seinen mundwinkeln. ich reiche ihm meinen personalausweis, meine hand ist schmutzig, er zieht den ausweis mit spitzen fingern zu sich, schluckt.

ich bin in ungnade, hab das gefühl zu stinken. er geht weg, grabesstille, ich denke an banküberfall bei stromausfall, drehe mich um und sehe in das auge einer videokamera. als er zurückkehrt, mache ich wohl eine falsche bemerkung, die er freundlich überhört.

ich stehe auf, er ebenso, unsere köpfe stoßen aneinander, ich schaue auf den spärlichen bewuchs, schwarz gegeelt lotrecht und sehe in den herbst abgemähter felder mit streumusternen heuhaufen. das stimmt mich freundlich (naturereignisse in der metropole).

unterwegs, werfe ich den mann von meinem rücken auf die türschwelle und begutachte aus einiger entfernung schadenfroh, dass die anwesenden nun über ihn steigen müssen.

Sylvia John, geboren 1960 in Weimar, Lehrberuf: Wirtschaftskaufmann, studierte Malerei in Leipzig, geht verschiedenen Tätigkeiten nach, u.a. als Szenenbildnerin. Schreibt und arbeitet im Café.


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00:00 19.11.2004

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