Knut ist gut

Berliner Abende Letzte Woche brachten die Zeitungen des Qualitätsjournalismus auf ihren Vermischtes-Seiten, dass Eisbärkind Flocke sich in Nürnberg immer noch eines ...

Letzte Woche brachten die Zeitungen des Qualitätsjournalismus auf ihren Vermischtes-Seiten, dass Eisbärkind Flocke sich in Nürnberg immer noch eines regen Publikumsinteresses erfreue. Angesichts dieser Spitzenmeldung fragte ich mich: Was macht eigentlich Eisbär Knut im Berliner Zoo?

Bisher habe ich mich immer erfolgreich vor Zoobesuchen gedrückt. Zoo ist etwas für Wochenendväter, die ihre Kinder ausführen, um sie am Abend mit Eis bekleckert wieder zu Hause abzugeben.

Bis auf ein paar einsame ältere Männer vor Käfigen mit seltenen Tieren gibt es kaum Singles im Zoo. Er wird von Schulklassen, Rentnergruppen und Eltern mit Kinderwagen dominiert. Warum letztere in den Zoo gehen, obwohl ihre Säuglinge aus ihrer Perspektive die Tiere gar nicht sehen können, bleibt ein Rätsel. Aber vielleicht haben sie in irgendeinem Säuglingsberater gelesen, dass ihre Kinder durch die spätere Erinnerung an den Geruch von Stinktieren bessere Menschen werden.

"Erst die Antilopen und dann Knut", sagt der Kleine mit der Brille, Anführer der fünfköpfigen Gruppe dunkelhaariger Jungs, die vor mir gehen. Sie bleiben vor dem Antilopengehege stehen und schreiben in ihre Kladden. "Aber Schönschrift, Ali", sagt der Anführer. Ali schreibt, die Zunge zwischen den Lippen. "Mohammed, bist du fertig?", fragt der Kleine. "Scheiße, Alta, doofe Antilopen." - "Mach hin, Knut wartet nicht." Mohammed springt auf, die Jungen rennen los, vorbei an einer Gruppe weißhaariger, sehr langsamer Menschen. Ihre Rucksäcke wackeln bei jedem Schritt auf ihrem Rücken. Atemlos kommen sie an dem Gehege an und drängeln sich zwischen den starrenden Erwachsenen vorbei zur Plexiglasscheibe, durch die man den besten Überblick hat.

Knut macht Männchen. Er überragt die Besucher, die nur durch ein Wasserbecken von ihm getrennt sind. "Den hab ich mir auch anders vorgestellt, jedenfalls nicht so riesig", sagt eine grauhaarige Frau zu einer anderen und macht ein Foto mit dem Handy. Die andere streicht ihr T-Shirt glatt. "Mann, ist der dreckig. Der sieht ja aus wie ein Braunbär." Vier Mädchen stürzen aufgeregt auf die Grauhaarige zu und wedeln mit Zetteln. "Ich habe ein Autogramm." - "Ich auch." - "Ich hab zwei." - "Wat denn, von Knut?", fragt die mit dem T-Shirt. "Nein, von seinem Pfleger." - "Der existiert noch? Ick dachte, der Bär hätte den gefressen." - "Ich hol noch eins für meine Freundin." - "Lasst doch mal den armen Mann in Ruhe", sagt die grauhaarige Frau.

Inmitten eines Pulks von Schulkindern steht der Pfleger und unterschreibt die Zettel, die ihm zugereicht werden. "Ist das nicht der, der immer im Fernsehen war?", zischt eine jüngere Frau einem Mann zu. - "Ja." - "Der sieht aber doch gut aus. Guck mal, die Muskeln." Ein kleiner dunkelhaariger Junge hat sich an die Hüfte des Pflegers geklammert. Ein blonder hält eine Postkarte mit Knut als Baby hoch und sagt zum Pfleger: "Der sieht aber auf den Postkarten viel schöner aus." - "Da kann ick ooch nich helfen", antwortet der. "Gibst du mir noch deine Telefonnummer?" - "Wozu brauchst du die Telefonnummer?" - "Na, um zu telefonieren." - "Kriegste aber nicht."

Knut lässt sich geräuschvoll ins Wasser gleiten. "Ich muss jetzt wieder arbeiten", sagt der Pfleger und versucht sich aus der Umklammerung des kleinen Jungen zu lösen. Er stellt ihn auf die Erde. Der Junge sackt zusammen und weint. Die Lehrerin zieht ihn hoch. "Los Händewaschen, alle Mann." Die Kinder machen Platz für die nächsten. "Ist das etwa Knut", fragt eine korpulente Frau. Wie auf Bestellung taucht Knut auf. "Der gute Knut!"

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00:00 06.06.2008

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