Koalition der Lügen

Kino Johannes Naber erzählt in „Curveball – Wir machen die Wahrheit“ die Farce der Suche nach Saddam Husseins Waffenarsenal
Koalition der Lügen
Biowaffenexperte Dr. Wolf (Sebastian Blomberg) ist kein einsichtiger Einzelkämpfer

Foto: Sten Mende

Nur weil man an einem bestimmten Ort nichts findet, heißt das nicht, dass es dort nichts zu sehen gibt. Nehmen wir zum Beispiel eine mit UN-Mandat ausgestattete Gruppe von Waffeninspektoren, die 1997 im Irak nach Massenvernichtungswaffen sucht. In orangefarbenen Overalls durchstöbern sie keuchend mit beschlagenen Schutzbrillen eine Lagerhalle mitten in der Wüste. Denn man kann ja nicht wissen, wo der Diktator seine biologischen Kampfstoffe versteckt hält. Zu sehen bekommen sie allerdings nur sein Konterfei, das an einer Hausmauer prangt. Auf der Rückfahrt nach Bagdad.

Diese ersten Bilder von Johannes Nabers Curveball schlagen eine findige Brücke zum finalen Schauplatz des Films: ins verschneite Oberammergau, einen Ort, den man der CIA erst buchstabieren muss, damit sie ihn findet. Glaubt jedenfalls der Biowaffenexperte Dr. Wolf (Sebastian Blomberg), der als BND-Mitarbeiter in der irakischen Wüste nichts finden konnte und nun, sechs Jahre später, in den Bayerischen Alpen alles auf eine Karte setzt, um der Welt ebendas mitzuteilen. Denn die „Koalition der Willigen“ scharrt bereits in den Startlöchern, als Rechtfertigung für das Bombardement Bagdads müssen die angeblichen Beweise für Saddams mobiles Waffenarsenal herhalten. Aber weil mittlerweile 9/11 dazwischengekommen ist, interessiert Blombergs Wahrheit niemanden mehr. „Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Gerechtigkeit“, bekommt Wolf von der US-Agentin Leslie (Virginia Kull) erklärt. „Wir machen die Fakten.“ Mit „wir“ meint sie natürlich die USA. Mit der Ex-Kollegin hatte Blomberg im Irak eine Affäre, nun steht sie ihm am verschneiten Berggipfel gegenüber. Allerdings nicht mehr im orangefarbenen, sondern wie ein Bondgirl im weißen Overall.

Curveball ist eine auf Tatsachen beruhende, aber ins Groteske verzerrte Politsatire über den Bundesnachrichtendienst und dessen Rolle bei der Suche nach Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen, die nie gefunden wurden, weil es sie nie gab, deren angebliche Existenz aber den Dritten Golfkrieg legitimierte. Es ist also ein schmaler Grat, auf dem sich Johannes Naber und sein Co-Autor Oliver Keidel hier bewegen, der er aber über weite Strecken, bis auf kleine Ausrutscher, geschickt bewältigt wird. Was vor allem daran liegt, dass Curveball erst gar nicht versucht, US-amerikanischen Vorbildern wie Wag the Dog nachzueifern, sondern sich seiner eigenen Stärken besinnt und auf ein vertrautes Milieu setzt, das eine nahezu heimelige Atmosphäre verbreitet.

Irak, ein Knaller für die Amis

Denn so wie es in der Pullacher BND-Zentrale Ende der neunziger Jahre aussieht, so funktioniert auch der deutsche Geheimdienst. „Grüß Gott, Doktor Wolf, Sie Wüstenfuchs“, begrüßt der Vorgesetzte Schatz (Thorsten Merten) seinen Biowaffenexperten mit kräftigem Handschlag und sieht dabei aus wie Dieter Hallervorden. In der Kantine gibt es Milchschaumkaffee und Kuchen auf dem Plastiktablett, und so braun und grau wie die Anzüge, Pullover und Einbauschränke beim BND ist auch die Stimmung – jedenfalls bis zu dem Augenblick, als man meint, mit einem irakischen Asylbewerber eine heiße Spur gefunden zu haben: Rafid (Dar Salim) gibt an, als Ingenieur für Saddams Waffenprogramm tätig gewesen zu sein, für einen Beweis genüge ihm ein deutscher Reisepass. Koffeinhaltiges Brausegetränk und Zigaretten bekommt er schon mal vorfinanziert.

Curveball setzt auf Sprach- und Situationskomik, stößt dabei manchmal an seine Grenzen, verkommt aber – dafür ist das Thema dann doch zu ernst – nie zum Klamauk. Wie schon in seinem Kammerspiel Zeit der Kannibalen über Finanzjongleure im Hotelzimmer versucht sich Naber erst gar nicht an einer Psychologisierung seiner Charaktere, sondern macht sich deren Schablonenhaftigkeit zunutze: Wie Schachfiguren vollziehen alle ihre Züge im Dienste anderer Interessen, die bestenfalls mit den eigenen korrelieren. „Das Kanzleramt will den Irak den Amis als Knaller bringen“, weiß Schatz. Und wer wie Wolf das Spiel durchschaut, wird gnadenlos als Bauernopfer geschlagen.

Deshalb kommt Curveball, obwohl im Hintergrund weltpolitische Entscheidungen ablaufen, ohne die Darstellung von Politikern und Politikerinnen aus. Das ist auch nicht notwendig, denn erstens sieht man das ohnehin in fast allen US-Politsatiren, und zweitens interessiert sich dieser Film ausschließlich für jene Menschen, die deshalb Dreck am Stecken haben, weil sie die Drecksarbeit machen: für die Handlanger und Besserwisser, die Opportunisten und Enttäuschten. Also genügt es gänzlich, hin und wieder in der zweiten Hälfte des Films kurze Archivaufnahmen von George W. Bush, Barack Obama, Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Colin Powell zu zeigen. Der eine kündigt Vergeltungsschläge an (Bush), der andere Entschlossenheit (Obama); der eine will mit dem Irakkrieg nichts zu tun haben (Schröder), der andere schweigt im UN-Sicherheitsrat (Fischer). Und der US-Außenminister und Vier-Sterne-General (Powell) präsentiert ebendort jenen angeblichen Beweis für Saddams Vernichtungswaffen, der Rafids Papierservietten-Zeichnung, die er für Wolf gekritzelt hat, zum Verwechseln ähnlich sieht.

Doch Curveball erzählt nicht die Geschichte des einsichtigen Einzelkämpfers, der dem System, dem er selbst so lange gedient hat, geläutert den Rücken kehrt, weil er dessen menschenverachtende Skrupellosigkeit durchschauen würde. Natürlich schimmert das klassische Motiv des Widerstandskämpfers durch, wenn Wolf erkennt, dass das Lügengebäude zusammengestürzt ist, die Fassade jedoch – bis in die höchste Etage des Kanzleramts – weiterhin aufrechterhalten wird. Doch die Rolle des Whistleblowers liegt ihm, der sich im gestreiften Schlafanzug dem Selbstmitleid und Alkohol hingibt, noch weniger. Als Hund, der seinem Knochen hinterherjagt, bezeichnet ihn Leslie, die ihr unmoralisches Handeln immerhin eingesteht. Und tatsächlich geht es Wolf, selbst als er den drohenden Krieg zu verhindern sucht, bis zuletzt ausschließlich um das eigene Wohl.

Die Frage nach der Wahrheit, die Curveball zu Beginn mit sonorer Erzählerstimme an sein Publikum richtet, beantwortet der Film am Ende selbst, indem mehrere Texttafeln von der Vertuschung beziehungsweise mangelnden Aufarbeitung der BND-Affäre berichten. Es ist dieselbe Wahrheit, der bereits Matthias Bittner in seiner TV-Dokumentation Krieg der Lügen nachspürte, für die er 2015 mit Rafid Ahmed Alwan sprach. Ob sie als die einzige Wahrheit aber tatsächlich bloß eine Tochter der Zeit ist, bleibt dahingestellt.

Curveball – Wir machen die Wahrheit Johannes Naber Deutschland 2020, 108 Minuten

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06:00 09.09.2021

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