Körperkapitalismus

Aufruf Prostitution ist kein Markt wie jeder andere: „Mythos Sexarbeit“
Körperkapitalismus
„Die geschälte Banale“ heißt die Reihe der Illustratorin Jill Senft. Mehr über die Künstlerin in der Infobox

Prostitution ist keine Arbeit, sie ist Gewalt an Frauen. Und sie gehört verboten. So jedenfalls sehen es die Verfechterinnen des Abolitionismus. Das sind diejenigen, die sich für ihre gänzliche Abschaffung und ihr Verbot einsetzen. Eine von ihnen ist Katharina Sass, Jahrgang 1986, Doktorandin der Soziologie an der Universität Bergen und Mitinitiatorin des Netzwerks „Linke für eine Welt ohne Prostitution“. In Mythos „Sexarbeit“ beschreibt Sass den Abolitionismus als radikal-feministisches, linkes Projekt, das sich dezidiert gegen das liberale, im Juli 2017 in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz wendet. Das Gesetz hatte – ähnlich wie bereits das Prostitutionsgesetz von 2002 – Prostitution als Arbeit definiert und somit professionalisiert. Das aber schütze Prostituierte in ihrer Notlage nicht, findet Sass.

Die Notlage: Neun von zehn Frauen prostituieren sich nicht freiwillig – das gilt nicht nur für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution, so Sass, sondern auch für die, die aus wirtschaftlicher Not und Mangel an Alternativen ihren Körper verkaufen. Liberale denken dagegen noch immer gerne, dass Prostituierte und Sexkäufer „freie Marktteilnehmer“ sind, die freiwillig und selbstbestimmt miteinander einen Vertrag eingehen. Dafür muss es aber erst einmal einen Markt geben. Es gibt ihn in Deutschland auch, mit etwa 400.000 Prostituierten – von denen laut Mythos „Sexarbeit“ aber gerade einmal 44 sozialversicherungspflichtig und als Selbstständige gemeldet sind. Was zeige, dass bereits das Prostitutionsgesetz von 2002 nicht die gewünschte Legalisierung gebracht habe.

Was wäre, wenn es diesen Markt nicht mehr gäbe? Sass führt das „nordische Modell“ an: 1999 wurde Sexkauf in Schweden verboten, 2009 zogen Norwegen und Island nach – mit dem vielleicht für einige erstaunlichen Ergebnis, dass Prostitution hier nicht nur nicht „in den Untergrund“ abgewandert ist, sondern auch die Nachfrage nachgelassen hat. Es scheint also möglich, dass junge Männer in andere Rollen als „die Rolle des Sexkäufers hineinsozialisiert werden“. Und dass sich die Einstellung von Männern zur Prostitution (denn es sind zu 99 Prozent Männer, die Sex kaufen, selten von anderen Männern, meist von Frauen) schon dadurch wandelt, dass kein Markt dafür vorhanden ist.

Zur Untermauerung der These, dass Prostitution niemals selbstbestimmt, sondern „brutaler Ausdruck von Kapitalismus und Männerherrschaft“ ist, lässt Mythos „Sexarbeit“ unter anderem eine Traumatherapeutin und zwei „Prostitutionsüberlebende“ zu Wort kommen: Ingeborg Kraus betreut einige der wenigen „freiwilligen“ (also versicherten) Prostituierten in Deutschland. Auch Kraus ist mittlerweile Teil der abolitionistischen Bewegung – seit sie bemerken musste, dass eigentlich alle Prostituierten, die sie behandelt, Symptome posttraumatischer Belastungsstörung zeigen. Die sind jenen, die man bei Vergewaltigungsopfern beobachten kann, zum Verwechseln ähnlich, sagt die Therapeutin.

Bei Vergewaltigungsopfern liegt die Wahrscheinlichkeit, PTBS auszubilden, bei 50 Prozent, während sie beim Verkehrsunfall oder sogar im Krieg gerade einmal 15 beziehungsweise 20 Prozent beträgt. Laut einer Studie der amerikanischen Psychologin Melissa Farley leiden 68 Prozent aller Prostituierten unter PTBS.

Der letzte Teil des Buches versammelt Dokumente, etwa den Aufruf „Linke für eine Welt ohne Prostitution“ und innerparteiliche Reaktionen darauf. Sie machen deutlich, dass auch in der Linken teilweise noch an ein „Recht auf (gekaufte!) Sexualität“ geglaubt wird. Der Mythos der „freiwilligen Sexarbeiterin“ lebe auch hier fort.

Info

Mythos „Sexarbeit“. Argumente gegen Prostitution und Sexkauf Katharina Sass (Hg.), PapyRossa 2017, 159 S., 13,90 €

Die Bilder des Spezials

Die geschälte Banale, das sind absurde Kurzgeschichten der Berliner Illustratorin Jill Senft. „Warum einfach nur die Wirklichkeit wiedergeben?“, fragt Senft. „Illustration erlaubt es mir, mir alles vorzustellen.“ Die geschälte Banale ist eine Kombination aus dem, was sie sieht und erlebt. Bei Senft verrutschen die Größenverhältnisse, winzig klein, riesig groß, korrekte Perspektiven werden gebrochen. Senft arbeitet zuerst im Skizzenbuch mit Acrylfarben. Das lässt ihr die Freiheit, unverfänglich auszuprobieren, und fühlt sich weniger endgültig an. Danach werden die Entwürfe auf Papier oder Pappe überarbeitet.

Entstanden ist die Reihe Die geschälte Banale als Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Acryl auf Pappe und Papier, 2017

Christina Borkenhagen arbeitet als freie Übersetzerin, Lektorin und Autorin in Köln

06:00 15.10.2017

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