Koexistierend

Utopie Der Philosoph Zhao Tingyang erklärt in „Alles unter dem Himmel“ die Theorie des Tianxia
Koexistierend
Alles, was unter dem Himmel ist: Konfuzius-Statue

Foto: Shotshop/Imago Images

Für Zhao Tingyang hat die westliche Weltanschauung viel mit dem Monotheismus zu tun, namentlich dem christlichen, dem eine „Feindseligkeit gegenüber Fremdkulturen“ innewohne. Die fuße vor allem auf zwei Ebenen: auf Dogmatismus und auf dem Recht der „alleinigen Verehrung“. Heißt: Anspruch auf Alleingültigkeit der eigenen Weltsicht.

Aus Zhaos Perspektive wurde diese westliche Weltsicht in Thomas Hobbes’ Philosophie zur Grundlage der Politiktheorie. Der ging davon aus, dass der (Ur-)Mensch in erster Linie an der Sicherung der eigenen Bedürfnisse interessiert ist, was zwangsläufig zu Interessenkonflikten führe. Der Urzustand nach Hobbes ist also Konkurrenz, vulgo Krieg aller gegen alle. Heute bedeutet das, so Zhao: „Der Starke etabliert eine auf Macht gegründete Herrschaft und sorgt dafür, dass sich die Außenstehenden der hegemonialen Ordnung unterwerfen. Das ist die Logik der Unterwerfung des „Außen.“ „Außen“ steht bei Zhao für das Andere; für den anderen Menschen, die andere Ethnie, den anderen Staat, die andere Kultur, die andere Weltsicht. Die politische Logik des Westens führte letztlich zu Aufrüstung und Kriegen, zu Kolonialismus und Imperialismus. Wirtschaftliche Expansion, als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, wurde zur Globalisierung unter amerikanisch-europäischer Dominanz.

Hobbes’ wölfische Weltsicht

In diesem Sinne gibt es keine Geschichte der Welt, sondern nur eine Geschichte der Expansion des europäischen Einflusses. Zhao stellt Hobbes’ wölfischer Weltsicht die des Tianxia (Aussprache: Tiänchia) gegenüber, die spätestens von dem Konfuzius-Adepten Xunzi (circa 300 bis circa 240 vor unser Zeit) entwickelt wurde und seither in verschiedenen Variationen die chinesische Geistesgeschichte geprägt hat. Tianxia wird meistens wiedergegeben mit „Alles, was unter dem Himmel ist“. Das ist in jeder Hinsicht wörtlich zu verstehen, also geografisch, biologisch, physikalisch und auch spirituell oder philosophisch-weltanschaulich. Tianxia ist ein zentraler Begriff in der chinesischen Philosophiegeschichte, die mindestens bis in die sogenannte Achsenzeit zurückreicht, als Laotse (vermutlich 6. Jahrhundert vor unserer Zeit) und Konfuzius (vermutlich von 551 bis 479 vor unserer Zeit) darüber nachdachten, Letzterer fast noch Zeitgenosse Platons. Und Buddhas, dessen Lebenszeit nicht genau bekannt ist.

Das Modell Xunzi geht davon aus, dass im Urzustand vor allem Kooperation für das Überleben entscheidend war. Ursprung menschlicher Gesellschaften sei die Sippe, da das Individuum alleine nicht überlebensfähig war. Und genau diese ursprüngliche Kooperationsstrategie ist der Kern von Zhaos Tianxia. Das nun möchte Zhao auf die Weltpolitik übertragen, die erst noch entstehen muss, denn bisher gebe es nur nationalstaatliche Politik, die eben in erster Linie auf Konkurrenz baue. Der Staat bildet dabei die größte Entität, die allerdings nicht in der Lage ist, globale Probleme zu lösen oder wenigstens globale Politik-Konzepte zu entwickeln.

Das moderne Prinzip Tianxia dagegen baut auf Integration von allem unter dem Himmel: Kulturen, Ethnien, Spiritualitäten. Auf Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit und so weiter. Nun ist aber der Ursprung von Xunzis Tianxia-Lehre ein zutiefst religiöser, jedenfalls spiritueller und Tianxia im chinesischen Altertum eine politische Theologie, die weltliche Macht und die von ihr vertretene Ordnung ganz ähnlich wie im Westen „himmlisch“ legitimiert. Zum Prinzip Tianxia gehört in dieser Frühzeit das Einhalten der sich daraus ergebenden Regeln, die letztlich auf „vom Himmel“ per se gegebenen Gesetzmäßigkeiten beruhen. Dazu gehören Disziplin, Unterordnung, Zurückstellen eigener Bedürfnisse und Interessen gegenüber dem Gemeinsamen: Kooperation eben. Im Hinblick auf heutige Gesellschaften steckt in Zhaos Interpretation des Tianxia ein kritisches Hinterfragen des westlichen Individualismus-Paradigmas und damit verbunden eine stärkere Gewichtung des Gemeinsinns zugunsten des Ganzen. Darin kann man auch eine Rechtfertigung des starken Staates wittern und an die jüngsten Unruhen in Hongkong denken oder an die chinesischen „Ausbildungszentren“ für uigurische Abweichler. Zugespitzt: Tianxia – Integration der Unterschiede – könnte durchaus mit autoritären Maßnahmen in Einklang gebracht werden, wenn es um die Ordnung des großen Ganzen geht. Aspekte, gegen die aus westlicher Sicht ein lautes Aber! steht. Plausibel dagegen: Alle großen Probleme auf diesem Planeten lassen sich nur durch globales Denken lösen, in dem alle Egoismen zurücktreten. Zhao: „Das Konzept des Tianxia zielt auf eine Weltordnung, worin die Welt als Ganzes zum Subjekt der Politik wird, auf eine Ordnung der Koexistenz (...), welche die ganze Welt als eine politische Entität betrachtet.“

Mehr als eine große, schöne Utopie kommt am Ende nicht dabei rum. Denn – ob es nun der Kant’sche Ansatz vom ewigen Frieden durch Bündnisse freier Staaten oder die Tianxia-Theorie als Integration des Außen ist: Die Geschichte beider Kulturbereiche zeigt, wie langsam sich das Bewusstsein der Individuen und damit auch das Kollektive verändern; von der Sippe zu Staatengemeinschaften wie Europa oder den USA dauerte es bekanntlich – und letztlich ist auch China eine solche Staatengemeinschaft, wie die an internen Kriegen und Machtkämpfen reiche Geschichte zeigt. Selbst wenn man an die Beschleunigung der Geschichte glaubt, dürfte noch viel Wasser den Jangtsekiang hinunterfließen, bis aus der UNO die Vereinigten Staaten der Erde werden. In jedem Fall müsste sich Tianxia-Denken immer wieder und noch lange Zeit gegen Staaten durchsetzen, die von Typen wie Trump regiert werden, der offensichtlich nichts anderes kennt, als Stärke zu zeigen, um andere zu beherrschen oder jedenfalls zu übervorteilen. Wie solche Gegensätzlichkeiten in der Praxis unter Tianxia kooperativ zu einem Ganzen integriert werden könnten, dazu hat auch Zhao keine konkrete Idee.

Info

Alles unter dem Himmel: Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung Zhao Tingyang Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Suhrkamp 2020, 266 S., 22 €

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06:00 08.08.2020

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