Koffein und Kondome

Jede Menge Sünde im Gelobten Land Mormonen in Utah oder: wie Olympische Spiele auch ein "Triumph des Glaubens"sein können

Anlässlich der Olympischen Winterspiele im mormonischen Utah müssen Sportreporter Religionskurse machen: Die Mormonen, in Deutschland oft verspottet, mit Argwohn betrachtet und im Ruf eines hausierenden "Kultes", sind in den USA die fünftgrößte Glaubensgemeinschaft und ein politisches und wirtschaftliches Schwergewicht: Eine wohlhabende, autoritär geführte und konservative Theokratie inmitten Amerikas.

Die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" kann mit einem Feuer missionieren, das trotzkistische Eiferer oder evangelikale Baptisten mit Erfolg in den Schatten stellt: Wohl keine Kirche wächst so schnell wie die Mormonen. Fünf Millionen leben in den USA, sechs Millionen im Ausland, jährlich kommen insgesamt 300.000 dazu. Durch Verkündigung, und man hat viele Kinder. Im Kulturkrieg für "Familienwerte" und gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau und gegen Homosexualität kämpfen die Mormonen ganz vorn mit, fünf der 100 US-Senatoren sind Mormonen, obwohl Mormonen nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Im westlichen Bundesstaat Utah aber zählen zwei Drittel zu den Mormonen, und die Winterspiele passen ins Konzept: Die Kirchenoberen haben für Salt Lake City gekämpft, dem mormonischen Vatikan beziehungsweise Jerusalem oder Mekka. Nach Ansicht von Gordon Hinckley, dem angeblich von Gott ernannten derzeitigen Kirchenpräsidenten, sind die Spiele "ein Triumph des Glaubens".

Sie bestätigten die Prophezeiung von Kirchenvater Brigham Young, der die verfolgten Latter Day Saints Mitte des 19. Jahrhunderts in die Wildnis des damals noch mexikanischen Utah führte. "Wir werden eine Stadt und einen Tempel bauen ..., und Könige und Herrscher und die Weisen der Welt werden uns besuchen, während die Sündhaften und Übeltäter uns wegen unserer komfortablen Wohnungen und unseres Besitzes beneiden". Nur: Missioniert werden die Sportler und Zuschauer nicht auf Anordnung der Kirchenoberen. "Daran müssen sich unsere Leute erst einmal gewöhnen", witzelt ein Kirchenführer.

Die Besucher von Salt Lake City sollen keine Traktate mitbekommen, sondern das glückliche Mormonenland der weißen Mittelschicht erleben. Es gibt nur wenige Afro-Amerikaner in Utah; Schwarze können erst seit 1978 Vollmitglieder der Kirche werden. Salt Lake City hat eine niedrige Verbrechensrate, und die Mormonen leben länger - durchschnittlich etwa zehn Jahre, vermutlich wegen der strikten Verhaltensregeln: kein Alkohol, kein Tabak, kein außerehelicher Sex, kein Koffein. Nur die vegetarischen Adventisten werden älter. Diabetes aber ist weit verbreitet. Die "Heiligen", wie die Kirche ihre Mitglieder nennt, essen zu viel süßes Zeug. Und - wie der Autor Lawrence Wright berichtet, in keinem Staat werden so viele Psychopharmaka verschrieben wie in Utah. Der Pro-Kopf-Konsum liege 60 Prozent über dem nationalen Durchschnitt der USA.

God´s own country - Amerikas Einzigartigkeit theologisch begründet

Kirchenkritikern, "Sündhaften und Übeltätern" und rivalisierenden protestantischen Kirchen macht es Spaß, das Buch Mormon und Glaubensgrundsätze der 1830 im Bundesstaat New York gegründeten Kirche zu sezieren. Etwa die Vorschrift, man müsse bestimmte Unterwäsche tragen. Oder der Glaube, Jesus werde ausgerechnet in Missouri wiederkommen, wo auch das biblische Paradies gewesen sei. Oder die "Taufe" der Toten. Verstorbene Nicht-Mormonen müssten nachträglich getauft werden, um in den Himmel zu kommen. So sollen inzwischen auch alle katholischen Päpste, Elvis Presley und Buddha postum getauft worden sein. Die Praxis geriet vor Jahren unter scharfe Kritik, als sich herausstellte, dass die Kirche jüdische Holocaust-Opfer nachträglich bekehrt hatte.

Das Mormonentum ist die amerikanische Religion schlechthin, eine in den USA entstandene Lehre, die den Anspruch der amerikanischen Auserwähltheit theologisch begründet. Alle anderen Heilslehren seien irrig, will Joseph Smith im Bundesstaat New York beim Gebet direkt von Jesus und Gott erfahren haben. Jesu Werk sei erst durch Smith vollendet worden, glauben Mormonen. Hunderte, Tausende Menschen - Arme und von der Neuen Welt Enttäuschte - wurden ergriffen von Smiths Lehre: Von einer neuen Religion, von den Israeliten, die vor Columbus nach Amerika gekommen und dort von Jesus besucht worden seien, von einer kommunitären utopischen Gemeinschaft schon hier auf Erden.

Propheten waren nichts Ungewöhnliches Mitte des 19. Jahrhunderts im Nordosten der USA. Dort traten neue Sekten auf, die mit den etablierten und den Mächtigen verbündeten protestantischen Kirchen kollidierten. Das passte auch zum politischen Klima: Damals lehnten sich die verarmten Landbewohner zusehends gegen die Großgrundbesitzer auf. Doch bald kam es zu bitteren Konflikten der Mormonen mit ihrer Umwelt, die sich besonders an der von manchen Mormonen praktizierten Polygamie entzündeten. Die "Heiligen" flohen Richtung Westen, Smith wurde gelyncht, und sein Nachfolger, der Schreiner Brigham Young, führte die ersten Gläubigen 1847 über Prärie und Berge in das Gelobte Land - in das Königreich Zion -, in dem die Mormonen ihre Gesellschaft aufbauten. Unternehmungsgeist wurde groß geschrieben, man wollte sich selber versorgen.

Die Kirche verlangt viel. Noch heute. Totalen Gehorsam gegenüber der ausschließlich männlichen Kirchenführung, die ihre Nachfolger immer selber bestimmt. Junge Männer machen zwei Jahre selbst finanzierten Missionsdienst. Der Zehnte des Brutto-Einkommens geht an die Kirche; unentgeltliche Arbeit ist Pflicht und wird auch kontrolliert. Vom Zehnten und kircheneigenen Konzernen nimmt die Kirche nach Schätzungen zirka sechs Milliarden Dollar im Jahr ein. Keine Kirche der Welt kann pro Kopf auf derartige Ressourcen zurückgreifen.

God´s own country - so reich wie sonst keine Kirche dieser Welt

Zur weltlichen Obrigkeit haben die Mormonen ein eher schizophrenes Verhältnis. Einerseits verkündet die Kirchenlehre, die amerikanischen Verfassung sei von Gott eingegeben worden. Andererseits hat jemand, der sich auserkoren fühlt, die wahre Botschaft zu verbreiten, nicht viel Lust auf Streitigkeiten in einer Demokratie, in der die Mehrheit unliebsame Entscheidungen treffen kann. Die Vielehe musste 1890 auf Druck aus Washington abgeschafft werden. Franklin D. Roosevelts New Deal nahm Einfluss auf die freie Marktwirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten Gesetze zunehmend für soziale Vorschriften: Antidiskriminierung, Bürgerrechte, Abtreibung. Kein Wunder, dass Mormonen heute mit überwältigenden Mehrheiten republikanisch wählen.

Neuzugänge, "sie finden Gemeinschaft, sie finden Freunde. Wir sind eine freundliche Kirche, glückliche Leute mit einem unternehmerischen Geist", sagte Kirchenpräsident Hinckley auf die Frage, was Menschen in die Kirche bringe. Greg Johnson war früher Mormone, jetzt ist er evangelikaler Pastor in Salt Lake City. "Als Mormone ist man tief verankert in der Kirche", sagte Johnson. Das ganze Leben dreht sich um die Kirche. Man habe das gute Gefühl, an etwas Bedeutendem teilzuhaben, und schließlich: Ein Mormone glaube, dass seine Kirche allein im Besitz der Heilslehre sei. "Da will kaum jemand weg, und wer geht, verliert auch sein ganzes soziales Umfeld. Das hat auch viel mit der Geschichte zu tun ..."

Die Vorfahren vieler amerikanischer Mormonen seien Teil der gefährlichen Massenmigration nach Utah gewesen, da wolle man nicht seine Großeltern verraten. Richard und Joan Ostling, Autoren des maßgebenden The Power and the Promise: Mormon America hinterfragen allerdings die Erfolge der Mormonen im Ausland. Dort, weit weg vom "Vatikan", drifteten Konvertierte schnell wieder weg. Es fehle die geschichtliche und kulturelle Bindung, und die Mormonen hätten die Kirche nicht "internationalisiert".

Bei den Olympischen Spielen jetzt pochen die Latter Day Saints nicht auf ihre rigorosen Lebensregeln. Es gibt alkoholische und koffeinhaltige Getränke, im Olympischen Dorf liegen Kondome auf, und es wird auch am Sonntag Bob gefahren und die Berge hinuntergerast - obwohl der Sonntag strikter Ruhe- und Familientag ist bei den Mormonen. "Die Kirche wollte die Olympischen Spielen nach Utah bringen", erläutert Johnson, "um ihr in vielen Ländern noch immer negatives Sektenimage aufzubessern, und Kontakte zu knüpfen", die bei der Mission von Nutzen wären. Da verzichte man schon einmal auf den Streit über Kondome, Bier und Kaffee.

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00:00 08.02.2002

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