Kofi Annan weiß, wovon er spricht

Wiederaufbauhilfe für Südasien Sie sollte nicht auf Kosten Schwarzafrikas gehen

Der UN-Generalsekretär hat die Gemeinde der Geberstaaten regelrecht beschworen, mit ihren Hilfsaktionen zu Gunsten der Tsunami-Opfer keine anderen Entwicklungsziele zu stornieren oder vollends aufzugeben. Und es ist nicht vermessen, die schlichte Frage zu stellen, woher die zugesagten deutschen 500 Millionen Euro für Südasien eigentlich kommen? Vielleicht aus den ohnehin nur kargen Budgets der Entwicklungshilfe? Es wäre nicht das erste Mal, dass in Berlin Nothilfe aus diesem Etat entnommen wird. Geht die aktuelle Hilfe gar zu Lasten des Beistands für Schwarzafrika? Blufft der Kanzler nur mit seinem so plötzlich entdeckten Thema "langfristige Entwicklungshilfe"?

Die Killerwellen haben aufgeschreckt - eine sich globalisierende Welt erlebt ihre erste globale Katastrophe: Reiche Urlauber aus der "Ersten" sind ebenso betroffen wie Millionen Arme aus der "Dritten Welt". Auch deshalb steigt die globale Spendenbereitschaft in bisher nicht gekannten Dimensionen - in Asien ebenso wie in den USA und in Europa. Doch wer seit Jahrzehnten über Naturkatastrophen berichtet, der weiß, wie rasch ein rein emotional geprägter Hilfsimpuls wieder nachlassen kann. Und erfahrene Entwicklungspolitiker wissen, dass Geld zwar wichtig ist, aber nicht das Wichtigste. Am wichtigsten erscheint die Nähe zu den Betroffenen. Effektive Entwicklungspolitik muss ganz unten beginnen - in den meisten Entwicklungsländern heißt das: in den Dörfern. Der Erfolg kleiner Hilfsorganisationen wie von Rupert Neudecks Grünhelmen oder der Andheri-Hilfe Bonn ergibt sich aus eben dieser Tuchfühlung mit Millionen Betroffenen. Mit wenig Geld und einer minimierten Bürokratie erreichen sie viel. Das Geheimnis ihres Erfolges ist, dass sie mit den Menschen vor Ort arbeiten und nicht nur für sie. Wenn Hilfsbedürftige nicht eingebunden sind, kann Hilfe zur Selbsthilfe nicht funktionieren.

Die Intensivstation unserer Erde liegt in Schwarzafrika

1970 haben sich die reichen Staaten erstmals verpflichtet, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialproduktes (BSP) für Entwicklungspolitik zu geben. Die skandinavischen Länder wie auch Luxemburg und die Niederlande haben als einzige dieses Ziel erreicht oder leicht überschritten. Deutschland gibt zur Zeit 0,28 Prozent des BSP. Ein Armutszeugnis für ein reiches Land. Wenn sich alle Industriestaaten so verhalten, können die Vereinten Nationen ihre Millenniumsziele, nämlich die Zahl der Hungernden und Verhungernden zu halbieren, nicht - wie beschlossen - bis 2015, sondern allenfalls bis 2115 erreichen.

Vorzugsweise Indien (s. unten), aber auch Thailand und Indonesien können sich bereits weit eher selbst helfen als Somalia, der Sudan oder der Kongo und Eritrea, denn die Intensivstation unserer Erde liegt in Schwarzafrika. Zweifellos gibt es in dieser Hinsicht Hoffnungszeichen, so haben Frankreichs Nationalversammlung und das belgische Parlament einer Tobinsteuer auf Spekulationsgewinne zugestimmt, um entwicklungspolitisch effizienter operieren zu können.

Allein im Sudan und im Kongo verhungern täglich tausend Menschen

Zusagen, künftig der erwähnten 0,7 Prozent-Regelung zu folgen, liegen für 2007 von Island vor, für 2010 von Belgien, für 2012 von Frankreich und Spanien und für 2013 von Großbritannien. Tony Blairs Schatzkanzler Gordon Brown hat soeben einen "Marschallplan für Afrika" vorgeschlagen. Nichts erscheint politisch dringlicher, soll unser Nachbarkontinent Elend, Korruption und Chaos entkommen. Es kann einfach dem reichen Europa niemals wirklich gut gehen, wenn es dem armen Afrika immer schlechter geht. Hunger ist das größte Umweltgift und die furchtbarste politische Zeitbombe. Im letzten Sommer war Europa nicht einmal fähig, die im Mittelmeer vom Schiff Cap Anamur geretteten Boat-People aufzunehmen! Wir wissen sehr wohl, dass jedes Jahr mehrere 1.000 afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken und lassen sie bewusst ertrinken, um ein Problem zu verdrängen, das immer größer wird.

Wiederaufbauhilfe in Südasien ist dringend geboten, aber sie sollte nicht auf Kosten Schwarzafrikas gehen. So wie die USA nach 1945 erfolgreich einen Marschallplan zum Wiederaufbau Westeuropas organisierten, so muss und kann Europa heute einen Marschallplan für Afrika auf die Beine stellen. Alle großen europäischen Nationen haben eine koloniale Vergangenheit in Afrika, allen voran England und Frankreich, aber auch Belgien und Italien, Spanien und Portugal sowie - wenn auch weniger gewichtig - Deutschland in Namibia. Und so wohlfeile wie pflichtgemäße Lippenbekenntnisse über koloniale Schuld allein vertreiben die Geister der Vergangenheit nicht.

Richtig ist, dass der Westen Afrika immer wieder zu mehr Eigenverantwortung auf dem eigenen Kontinent ermuntert. Richtig ist aber auch, dass wir Europäer uns in Afrika nicht aus dem Staub machen dürfen. Afrika braucht Europa noch lange, nachdem Europa Afrika über Jahrhunderte hinweg ausgeplündert hat. Ein effektiver Marschallplan für Afrika kann freilich nicht heißen, wir verdoppeln oder verdreifachen einfach unsere Entwicklungshilfe und geben das Geld den oft korrupten Regierenden. Europäisches Humankapital für Afrikas Entwicklung ist wichtiger - Europas Jugend muss Afrika entdecken.

Die beispiellose Hilfsbereitschaft für die Flutopfer Asiens erscheint wie das Wetterleuchten einer gerechteren Welt. Statistisch gesehen gibt es inzwischen für jedes Flutopfer eine Zusage von 1.000 Dollar. Doch für Afrika fließen die Gelder spärlich. Der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, freut sich über die Spendergelder für die Tsunami-Opfer, sagt aber: "Ich sorge mich mehr und mehr über all´ die anderen Notstandgebiete die vergessen und vernachlässigt werden."

Allein im Sudan und im Kongo sterben täglich 1000 Menschen an Hunger und Seuchen. Solange auch in Deutschland der Militärhaushalt etwa sechsmal höher ist als der Haushalt für Entwicklungspolitik, sind die Prioritäten noch immer falsch gesetzt.

www.sonnenseite.com / www.globalmarshallplan.org / www.andheri-hilfe.de / www.gruenhelme.de


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00:00 14.01.2005

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