Kohlendioxid unter Tage verbunkern

Image-Kampagne Mit einer neuen Technologie rechtfertigen Vattenfall und andere den Bau neuer Kohlekraftwerke

Greenpeace verweist darauf, dass sechs der zehn klimaschädlichsten Kraftwerke Europas in Deutschland stehen. Es spricht also viel für eine Modernisierung, sind doch die meisten Anlagen seit 40 Jahren in Betrieb. Zweifelhaft ist freilich, ob mit dem "Erneuerungsprogramm" der hiesigen Energieversorger die geltenden Ziele eines merklich verminderten Ausstoßes von Treibhausgasen und einer Energiewende erreicht werden - der Konflikt zwischen Renditeerwartung und Klimapolitik lässt sich schwerlich übersehen. Vorhandenen Planungen zufolge ist bis 2012 der Neubau von 25 Kohlekraftwerken mit einer Kapazität von 24.000 Megawatt und eine Laufzeit von etwa 40 Jahren vorgesehen. Dabei wäre mit einem zusätzlichen jährlichen Ausstoß von 140 Millionen Tonnen CO2 zu rechnen. Woher - so ist zu fragen - kommt diese zusätzliche Emission, wenn doch mit der Innovation des Anlagenparks technisch überholte Elektrizitätswerke durch eine moderne, klimaschonendere Stromerzeugung ersetzt werden sollen?

Es gibt dafür im Wesentlichen zwei Gründe: Die geplanten Kohlekraftwerke sind erheblich größer als ihre Vorgänger, denn die gegenüber dem nationalen Energiebedarf überdimensionierten Objekte sollen vorrangig Strom für den Export produzieren. Allein 2006 wurden von deutschen Kraftwerken 20 Milliarden Kilowattstunden für den europäischen Energiemarkt produziert. Zudem wollen die Energieversorger deutlich weniger Kraftwerke als erforderlich abschalten. Der ökonomische Vorteil liegt auf der Hand: Die Alt-Anlagen sind ökonomisch abgeschrieben, so dass es sich für die "großen Vier" - EON, Vattenfall, RWE und EnBW - durchaus rechnet, ineffiziente und klimaschädliche Kraftwerke weiterlaufen zu lassen. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) stehen den geplanten 24.000 nur 7.000 Megawatt stillzulegende Kapazitäten gegenüber.

Natürlich haben auch die Energieversorger den Widerspruch zwischen gebotener Kohlendioxid-Reduktion und einem fortgesetzt hohen Ausstoß von Treibhausgasen erkannt. Doch ändern sie nicht ihre Unternehmenspolitik, sondern verlegen sich auf eine groß angelegte Imagekampagne. So wird seit geraumer Zeit versucht, den Neubau von Braun- und Steinkohlekraftwerken mit dem Verweis auf die vermeintliche Chance eines künftig "CO2-freien Kraftwerks" zu legitimieren. Mittels Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid - der technische Begriff lautet Carbon Capture and Storage -Technologie (CCS) - soll der Ausstoß gestoppt werden.

Eigens um diese Technik zu propagieren, haben Alstom Power, EnBW, EON, Hitachi Power Europe, RWE Power, Siemens Power Generation und Vattenfall Europe das Informationszentrum Klimafreundliches Kohlekraftwerk e.V. gegründet. Das IZ Klima soll als "Dialogforum" wirken und "Informationen über die technologischen und wirtschaftlichen Potenziale der effizienten CO2-freien Kraftwerke" bereitstellen. Wer jedoch nach einschlägigen Untersuchungen des Umweltbundesamtes oder von Greenpeace sucht, dürfte beim IZ Klima kaum fündig werden. Weil die Energieunternehmen handfesten ökonomischen Interessen folgen, soll das Zentrum (mit erheblichen Mitteln) eine Öffentlichkeitsarbeit betreiben, die Kritik an Carbon Capture and Storage entgegen tritt. Berechtigter Kritik, denn auch mit dieser Technologie würde weiterhin eine Restmenge CO2 in die Atmosphäre entweichen. Ganz abgesehen davon, dass die CCS-Technologie bislang schlicht nicht zur Verfügung steht. Vattenfall, das in Berlin bis 2014 ein 800-Megawatt-Steinkohlekraftwerk bauen und in Brandenburg drei Dörfer verschwinden lassen will, um seine Braunkohleverstromung fortzuführen, rechnet damit, dass dies erst 2020 der Fall sein wird (bis dahin wären vermutlich alle 25 Kohlekraftwerke fertig gebaut). Darüber hinaus sind bei CCS Transport und Lagerung des abgeschiedenen CO2 sowie deren Kosten vollkommen ungeklärt. Die in Frage kommenden Gesteinsschichten sowie ausgediente Öl- und Gasfelder bieten - eine vollständige Speicherung aller derzeitigen Kraftwerksemissionen vorausgesetzt - rein theoretisch Lagerungskapazitäten für gerade 40 Jahre. Diese rechnerischen Werte vernachlässigen allerdings, dass - wie bei Atommüll - ein Einsatz von CCS Umweltfolgen nicht vermeiden lässt, sondern diese nur verlagert werden.

Greenpeace verweist zu Recht darauf, dass in leeren Öl- und Gasfeldern abgespeichertes CO2 möglicherweise austreten kann. Die Versiegelung der Lagerstätten wäre nach heutigem Stand entweder riskant oder würde erhebliche Kosten verursachen, die nach Angaben der Energieversorger über den Strompreis auf die Versorger umgelegt werden sollen. Hinzu käme der Aufwand für den Transport. So plant Vattenfall bei seinem Brandenburger Modellvorhaben wegen eines fehlenden CO2-Pipeline-Systems zur Nordsee oder zu anderen Lagerstätten, den Transfer des abgeschiedenen Kohlendioxids von der Lausitz mittels Tanklastwagen zu einem ehemaligen Gasspeicher im Havelland. Die norwegische Firma Statoil, die in der Nordsee seit 30 Jahren CCS-Technologien erprobt, rechnet mit rund 100 Euro pro Tonne Kohlendioxid.

Kein Zweifel: Bei CCS handelt es sich bestenfalls um ein Übergangsverfahren, das erst dann in Betracht kommen sollte, wenn es wirklich ausgereift ist und Risiken beherrschbar sind. Da dies nicht absehbar ist, bleibt diese Technologie vor allem eines: Teil einer Imagekampagne der Energieversorger.

Der Autor ist für die Linke Staatssekretär für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz in Berlin.


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