Kokain und Radiowellen

Entdeckung Tom McCarthys Romanepos „K“ ist eine so voluminöse wie eindringliche Mentalitäts­geschichte der technologie­begeisterten Moderne

Der 1969 geborene Tom McCarthy gilt in Großbritannien seit dem Erscheinen seines Romans C vor zwei Jahren als einer der literarischen Newcomer. Unter dem Titel K ist das quasi als unübersetzbar geltende Romanepos nun auf Deutsch erschienen. „K“ steht unter anderem für Krieg, Kokain, Kommunikation und für den Helden des Buches Serge Karrefax. Diese K-Wörter (im Original: „C“-Wörter – statt Krieg gibt es dort „carnage“ Gemetzel) fungieren als motivische Verknüpfungen und Leitlinien eines schier ausufernden Bildungsromans, der Ende des 19. Jahrhunderts auf einem englischen Landgut einsetzt und den Leser über mehrere Jahrzehnte hinweg durch halb Europa und nach Ägypten führt.

Im Zentrum der Erzählung steht mit Serge Karrefax der Sohn eines Erfinders, der auf einem Landgut seine behütete Kindheit verlebt, als junger Mann einige Zeit in einem osteuropäischen Sanatorium verbringt, dann Flieger im Ersten Weltkrieg wird, danach Architektur studiert, jede Menge Drogen zu sich nimmt und schließlich als Kommunikationsexperte in Ägypten für das britische Empire den Bau von Sendemasten überwachen soll. Der Upper-Middle-Class-Sprössling Serge Karrefax personifiziert als technologiebegeisterter historischer Akteur der Jahrhundertwende quasi die Moderne. Im Ersten Weltkrieg jagt Serge Flieger in einem nie endenden Kokain- und Morphinrausch als Teil einer mordenden Kriegsmaschine durch den Himmel. Nach dem Studium in London reist er mit einigen Archäologen den Nil hinunter. Von jedweder Technologie und der Anordnung von Wellen und Kraftfeldern ist Serge genauso abhängig und fasziniert wie von den diversen Drogen, die er sich ganz naiv in einem fort in die Venen pumpt.

Allround-Künstler

Auch wenn der Anfang des Romans gewisse Längen aufweist, setzt Tom McCarthy seine Geschichte als stilistisch durchkomponiertes kinoartiges Epos in Szene. An einigen Stellen gerät das etwas zu glatt. Neben den an eine Comicfigur aus Tim und Struppi erinnernden Serge Karrefax ist die Technologie als eine Art Gespenst, dessen Funktionieren von der Forschung erst noch gänzlich durchdrungen werden muss, der eigentliche Hauptakteur dieses Romans. Die Moderne, die bei ihm in Form geheimnisvoller Schallwellen und unsichtbarer elektrischer Strömungen in die Welt tritt, wird erst mit Kindheitsfantasien und karnevalesken Spielen in bilderbuchartigen Parkanlagen verbunden, später im Krieg ist sie ein Werkzeug zum Morden. Dabei moralisiert McCarthy aber nicht, vielmehr bildet K in einem weitgespannten Erzählbogen eine Mentalitätsgeschichte der technologiebegeisterten Moderne ab.

K lässt sich ebenso als historischen Roman lesen wie auch als Technologie-, Ideen- oder Bildungsroman. Gleichzeitig strotzt das Buch vor literarischen Verweisen, die von Thomas Mann über Kafka bis zu Proust und Hölderlin reichen. Tom McCarthy wurde in Deutschland bisher bei Diaphanes verlegt, wo vor drei Jahren sein Roman 8½ Millionen in dem kleinen aber exquisiten Literaturprogramm des Verlags herauskam, der sonst vornehmlich philosophische Werke vertreibt. Zusammen mit dem englischen Philosophen Simon Critchley unterhält Tom McCarthy die „Necronautical Society“, eine eher satirische Institution, die an der Schnittstelle von Kunst und Theorie operiert. Ebenfalls bei Diaphanes ist gerade eine Textsammlung der „Necronautical Society“ erschienen inklusive eines Essays von McCarthy, die eine Kommunikationstheorie enthält, die sich an Jean Cocteaus Film Orphée orientiert. Dieser Film war auch Grundstein einer Installation, in der Tom McCarthy vor acht Jahren im Institute for Contemporary Art in London zerstückelte Texte über Radiofrequenzen und Internet aussandte. Auch zum Comic Tim und Struppi, der für den Roman K unter anderem Pate gestanden haben dürfte, hat McCarthy einen literaturwissenschaftlichen Essay verfasst (siehe Freitag v. 1. 3. 2012). Insofern bildet K die voluminöse literarische Umsetzung einiger zentraler Themen des Schriftstellers und Allround-Künstlers.

K: RomanTom McCarthy DVA 2012, 480 S., 24,99 .

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12:00 11.03.2012

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