Koks, ja bitte?

Kriminalität Die Drogenmafia ist unter uns. Bis in den Wohnungsmarkt spürt man ihre Expansion. Eine Legalisierung von Haschisch wird sie nicht bezwingen. Denn im Zentrum der Geschäfte steht Benzoylecgoninmethylester, besser bekannt als Kokain
Koks, ja bitte?

Grafik: der Freitag, Material: iStock

Europol schlägt Alarm. Europas oberste Kriminalbehörde warnt vor der eskalierenden Unterwanderung der Union durch die Drogen- und Kokain-Mafia. Hunderte Tonnen des weißen Pulvers sickern jährlich via Rotterdam, neuerdings auch Hamburg, ein. Die Polizei spricht von einer „Kokain-Pandemie“ mit ungebremst boomender Nachfrage. zwischen den Banden entbrennen immer mehr Revierkämpfe. Mit Enthauptungen und Folterkammern. Unlängst wurde der führende Kriminalreporter der Niederlande, Peter de Vries, in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Szenen wie in Kolumbien. Die Netflix-Serie um den berüchtigten kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar, Narco-Terrorist, Auftraggeber schrecklichster Anschläge und Tausender Morde, erlebt eine Live-Inszenierung in Europa. Das meiste Kokain stammt aus dem südamerikanischen Land. Klima und Andentopografie lassen die Kokapflanze wie Unkraut sprießen. Dschungelgebiete bieten unergründliche Verstecke. Die Aussicht auf große Kasse hat schier magische Kraft. Escobars Grabinschrift, „Du warst Eroberer unvorstellbarer Träume“, bringt immer neue Capos hervor.

Dieser Tage machte die Festnahme des Chefs des Golfkartells, Otoniel, weltweit Schlagzeilen. Begleitet von haarsträubenden Erkenntnissen: Junge Mädchen, 13 Jahre alt, hält die Mafia als Sexsklavinnen; Bauern, die Kaffee statt Koka anbauen, erwarten Hinrichtungen; Bestechungsgelder machen Politiker zu Mafia-Hanswürsten; alte und neue Guerillakämpfer finanzieren sich mit Kokainschmuggel.

Der international mühsam ausgehandelte Friedensprozess mit der FARC zerbröselt. Glyphosat, das Äcker vernichtet und Armut weiter verschärft, stoppt den Anbau nicht. Der „War on Drugs“ der USA, größter Kokainmarkt, kapituliert vorm organisierten Verbrechen. Unterdessen warnt Europol vor der zersetzenden Kraft der Narco-Kraken. Sie investieren ihre Milliarden in Immobilien, so der Vorsitzendes des Bundes deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, jetzt für die SPD im Bundestag. Das macht den Wohnungsmarkt noch volatiler. Gewalt, Geldwäsche, Korruption: Politische Stimmen mehren sich, außer Cannabis auch Kokain zu legalisieren. So bei Berlins Grünen, aber auch der als vorsichtig bekannte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach regte in der Welt an, leichte und schrittweise härtere Drogen zu legalisieren, auch mit Kokain zu testen, „wie das funktioniert“.

Als Leitbild gilt Portugal. Es entkriminalisierte vor 20 Jahren Cannabis und Kokain für den Eigenverbrauch, mit guten Erfahrungen. Die Vertriebswege könnten dieselben sein wie für Cannabis, etwa Apotheken oder Spezialverkauf. Viele Sprecher der Polizei, wie Fiedler, begrüßen eine Reform des Betäubungsmittelgesetzes. Das Verfolgen von Kiffern und Schnupfern bindet erhebliche Kräfte, die fürs Zerschlagen der Banden und Dealer frei würden.

Für die Unionsparteien bleibt die Liberalisierung der Drogenpolitik ein No-Go. Derlei Bedenken zerstreut Stephan Peters, Friedensforscher der Universität Gießen und Direktor des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts CAPAZ, gegründet 2016 vom damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Das Einzige, wovor die Koka-Mafia Angst habe, sei die „Legalisierung ihrer Illegalität“, sagte Peters dem Freitag. Diese Ungesetzlichkeit sichere ihr Milliarden-Profite. Wie die Forschung zeige, hätten alle Verbotspolitiken der Vergangenheit „desaströs“ gewirkt. Das Problem sei ein „strukturelles“, mit einem Erzeugerland im Kern, für dessen sozial Benachteiligte der Schmuggel oft der einzige Weg des Aufstiegs ist. Hier eine Lösung zu finden, sei der „Knackpunkt“ der internationalen Beziehungen.

Wolfgang C. Goede ist Wissenschaftsjournalist. Er lebt in Bayern und Kolumbien

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06:00 17.11.2021

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