Kollektive Unschuld

Deutsche als Opfer Anmerkungen zu Funktion und Intention der neuen Debatte um Flucht und Vertreibung

Der Spiegel hat nicht unbedingt immer recht. Gewiss aber in diesem Fall: "... die Zeiten, in denen es schlicht als ungebührlich galt, nicht allein das vom NS-Terror der Welt zugefügte, sondern auch das selbst erlittene Leid zu diskutieren, gehen nun offenkundig zu Ende." Endlich, so war in den vergangenen Wochen nahezu unisono in der bundesdeutschen Presse zu lesen, sei das Tabu gebrochen, endlich könne über "die Deutschen als Opfer" geschrieben, gesprochen und getrauert werden. Im neuen deutschen Opferdiskurs ist nach einigen Irrungen und Wirrungen sowie Umwegen der Projektion in den letzten Jahren damit der Gegenstand unzweideutig benannt: die Flucht und Vertreibung der Deutschen.

Freilich wolle man nicht den Nationalsozialismus verschweigen und gewiss auch ganz offen und ohne Vorbehalte über die Geschichte befinden. Nur müsse Schluss sein mit Rechthaberei und Denkverboten, schließlich wolle man doch endlich unbefangen mit seiner Geschichte umgehen. Und auch nicht von gar zu faktenverliebter Seite ständig vorgehalten bekommen, Täternation zu sein, während man doch so gern endlich auch Teil der internationalen Opfergemeinschaft sein möchte. Wichtig an der Debatte sei, so der Historiker Hans-Ulrich Wehler, dass sie "befreiend" wirkt.

Das Ziel der neuerlichen Debatte um Flucht, Vertreibung und Umsiedlung der Deutschen infolge des Nationalsozialismus ist dabei vor allem eines nicht: eine Auseinandersetzung mit den individuellen Schicksalen und Traumatisierungen der Menschen, die es - das hat der Sozialpsychologe Alfred Krovoza jüngst überzeugend gezeigt - unabhängig von einer Kategorisierung des Opfer-Täter-Verhältnisses gab. Denn die Traumatisierung bezieht sich gleichermaßen auf erlittene wie ausgeübte Gewalt und beinhaltet als Ergebnis von Gewalterfahrungen zunächst keine politische oder moralische Wertung oder Schuldzuweisung. So konnten sich auch die Deutschen als eine "derart in ihren Wahnzielen bloßgestellte, der grausamsten Verbrechen überführte Population" in der unmittelbaren Nachkriegszeit um nichts anderes kümmern, "als um sich selbst", wie Alexander und Margarete Mitscherlich es in Die Unfähigkeit zu trauern so treffend formuliert haben.

Die in der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu attestierende Schuldabwehr und Vergangenheitsverleugnung ging einher mit einer geradezu rituellen Kultivierung der eigenen Unschuld und des eigenen Opferstatus. Dass dies zwar wissenschaftlich, politisch und literarisch bis in die Gegenwart zu einem nicht mehr überschaubaren Berg an Büchern zum Thema Flucht und Vertreibung geführt hat, es aber zugleich keine kritische Reflexion über die verdrängten Ursachen gab, erklärt die absurde Behauptung, es habe ein gesellschaftliches Tabu gegeben, über das Thema zu sprechen. Man müsste nicht extra Marcel Reich-Ranicki als prominente Autorität und glaubwürdigen Zeugen aufbieten, der gegenüber der FAZ auf die Inexistenz eines solchen Tabus hingewiesen hat; es genügte bereits ein offener Blick auf die Vergangenheit, um zu wissen, dass es innergesellschaftlich mindestens ein Thema gab, das in der Bundesrepublik zu keinem Zeitpunkt mit einem Sprechverdikt belegt gewesen ist: die Flucht und Vertreibung der Deutschen.

Die jüngsten Fernsehserien von ARD (Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer) und ZDF (Die große Flucht), die derzeit etwas ruhiger gewordenen Diskussionen über das von den Vertriebenenverbänden geforderte "Zentrum gegen Vertreibungen", ja auch der mediale Rummel um die Novelle Im Krebsgang aus der Feder von Günter Grass zeigten vielmehr, dass hier ein Thema mühsam aus seinem geschichtlichen Kontext herausgebrochen werden soll, der zwar zum sicher besterforschten, aber zugleich auch am wenigsten kritisch reflektierten Abschnitt der deutschen Geschichte gehört: Man will über "deutsche Opfer" reden, ohne tatsächlich über den Nationalsozialismus zu sprechen. Der historische Kontext soll verschwinden, die ursächlichen Zusammenhänge von deutscher Volkstums- und Vernichtungspolitik auf der einen und Umsiedlung der Deutschen in Konsequenz auf diese Politik auf der anderen Seite sollen aus dem Gedächtnis herausredigiert werden, ohne dass sie jemals ernsthaft im gesellschaftlichen Diskurs reflektiert worden wären.

Dem stets halluzinierten Vorwurf einer deutschen Kollektivschuld, den es tatsächlich von alliierter und assoziierter Seite nicht gegeben hat, wird mit einer Geschichtsinterpretation begegnet, die geradewegs auf die Schaffung eines Mythos deutscher Kollektivunschuld zusteuert. Dazu muss freilich der Nationalsozialismus historisch entsorgt werden, was keinesfalls die Leugnung der Geschichte bedeutet. Dazu muss in der Gegenwart auch von schier unüberbietbaren Grausamkeiten in aller Welt berichtet werden, womit die Singularität von Auschwitz zu exportieren versucht wird - etwa nach Jugoslawien. Und dazu muss vor allem eine Kollektivierung individueller Schicksale von deutschen Flüchtlingen vorgenommen werden, die den Blick frei gibt auf eine ausschließlich moralisierende und damit entpolitisierte Sicht auf die Geschichte.

Unabhängig von den individuellen, sicher oftmals auch erschütternden Schicksalen der Flüchtlinge stellt die damit forcierte Generalisierung von Flucht und Vertreibung der Deutschen infolge des Zweiten Weltkriegs als Unrecht keine historisch adäquate Interpretation dar. Der Versuch zur Durchsetzung dieses Postulats ist vielmehr die bewusste Entkontextualisierung der Vergangenheit. Durch die Vermengung von Individuellem und Kollektivem, von Narrativem und Faktischem, von Interpretation und Wirklichkeit wird die Auflösung der gesellschaftlichen Wahrnehmung von historischer Kausalität erstrebt. Denn eine fragmentarisierte Geschichtsdarstellung, bei der Ursachen und Akteure, vor allem aber auch Motive und Interessen aus dem Bewusstsein getilgt sind, erlaubt eine sich auf Beliebigkeit gründende Politik in der Gegenwart, die aufgrund ihres Ahistorismus zwar entpolitisiert, aber damit alles andere als unpolitisch ist.

Problematisch an dem neuen deutschen Opferdiskurs ist dabei nicht, den Gegenstand Flucht und Vertreibung als solchen zu thematisieren und sich um eine adäquate Einordnung und Interpretation zu bemühen. Zu kritisieren ist vielmehr die Art und Weise, in der diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geschieht. Denn es geht in dem neuen deutschen Opferdiskurs gerade nicht um die Auseinandersetzung mit dem individuellen Schicksal und Leid der betroffenen Menschen, sondern um den Versuch einer Interpretation von Flucht und Vertreibung als kollektiv zu sanktionierendes Unrecht. Dabei steht selbstredend nicht die Aufklärung über die Vergangenheit im Zentrum, sondern das Bestreben nach Schaffung und Formung einer kollektiven Opferidentität.

Der Charme des Opferstatus ist dabei so verlockend, dass schon fast als Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer geziehen wird, wer es wagt, auf die Inkorrektheit der Klassifizierung von Flucht und Vertreibung als Unrecht hinzuweisen. Nicht nur, dass die Umsiedlung der Deutschen in Konsequenz auf den Nationalsozialismus und in Konsequenz auf die Massenvernichtung der europäischen Juden erfolgte. Sie wurde in dem bis heute gültigen Potsdamer Abkommen (Artikel XIII) völkerrechtlich verbindlich festgelegt. Dass mit einer Anerkennung von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung als Unrecht auch materielle Konsequenzen verbunden sein würden, ist aufgrund des Rechtscharakters des Begriffs evident. Wie diese Konsequenzen im einzelnen aussehen könnten, darauf gibt der aktuelle Kampf gegen die Benes?-Dekrete - von denen nur einige wenige überhaupt die Behandlung der deutschen Minderheit zum Gegenstand hatten, während sie im Kern die Staatlichkeit und Souveränität der Tschechoslowakei und in deren Folge die der heutigen Tschechischen Republik garantier(t)en - einen Vorgeschmack. Unabhängig von der noch nicht abschließend geklärten normativen Bedeutung dieser Diskussion in Bezug auf den EU-Beitritt der Tschechischen Republik verdeutlicht ein Großteil der aktuellen politischen Erklärungen den besonders bei konservativen Kräften bestehenden Unwillen, die geschichtliche Realität anzuerkennen und sich mit den historischen Reaktionen auf die nationalsozialistische Volkstums- und Vernichtungspolitik abzufinden. Und das hieße anzuerkennen, dass trotz allen individuellen Leids und aller individueller Ungerechtigkeit die Umsiedlung der Deutschen die notwendige Konsequenz auf eine NS-Politik war, in der eben jene deutschen Minderheiten soziale und politische Konflikte geschürt haben, die eine wesentliche Voraussetzung für die Zerschlagung der osteuropäischen Nationalstaaten darstellten.

Die versuchte Konstruktion einer kollektiven deutschen Opferidentität stellt somit auch nicht weniger in Frage als die Gültigkeit des zentralen rechtlichen Fundaments der europäischen Nachkriegsordnung: des Potsdamer Abkommens, in dem die Umsiedlung der Deutschen wie bereits erwähnt völkerrechtlich verbindlich festgelegt wurde. Denn die Klassifizierung von Flucht und Vertreibung als Unrecht würde einen Teil des Potsdamer Abkommens für nichtig erklären und damit grundsätzlich dessen rechtliche Verbindlichkeit in Abrede stellen. Nicht zufällig haben der britische Premierminister Tony Blair und der russische Präsident Wladimir Putin kürzlich auch entsprechenden Revisionsbestrebungen deutlich widersprochen, denn diesmal wird dieses Fundament nicht nur - wie noch vor der osteuropäischen Transformation 1989/90 - symbolisch in Frage gestellt. In dieser Hinsicht wäre die "befreiende" Wirkung der aktuellen Debatte durchaus wert, problematisiert zu werden.

Samuel Salzborn ist Diplom-Sozialwissenschafter und Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft in Gießen. Kürzlich erschien von ihm Heimatrecht und Volkstumskampf. Außenpolitische Konzepte der Vertriebenenverbände und ihre praktische Umsetzung (Offizin Verlag)

Erich Kuby:

Der Zeitungsleser

Der Titel über dem Leitartikel der FAZ vom 20. 4. lautet: "Gleichheit und (Wehr-)Gerechtigkeit". Vor kurzem habe ich in dieser Kolumne geschrieben, ich würde darauf wetten, dass die allgemeine Wehrpflicht das nächste Jahrfünft nicht überstehen werde. Dieser Ansicht bin ich nach wie vor, aber offenbar lässt das Thema die Medien nicht ruhen.

In dem erwähnten FAZ-Leitartikel ist zu lesen, die Wehrpflicht sei "unmittelbar mit der Existenzfrage des Staates" verknüpft. Soll das heißen, die Existenz des deutschen Staates hinge von seiner "Wehrhaftigkeit" ab, in welcher Form auch immer? Das ist eine Behauptung, die in das, was öffentliches Bewusstsein genannt werden könnte, nicht eingegangen ist. Ich bin weit davon entfernt, Deutschland eine "Spaßgesellschaft" zu nennen, denn sie hat immerhin, und das wissen alle, den Klotz von vier Millionen Arbeitslosen am Bein, von denen keiner hungert und jeder ein Dach über dem Kopf hat. Weshalb wir im Selbstverständnis und von außen betrachtet ein reiches Land sind. Vielleicht sogar das reichste in Europa.

Der Artikel von Herbert Riehl-Heyse in der SZ am Wochenende (20./21. 4.) hat den Titel "Die vielen Fratzen eines Monsters". Ihm ist nicht anzusehen, dass er von "neuen Formen der Friedensfindung" handelt, in neun nummerierte Kapitel gegliedert, von denen das achte und neunte überschrieben sind "Frieden braucht Mut" und "Wir sind das Friedensvolk". In letzterem ist zu lesen, es sei ein Fortschritt, dass es gelungen sei, Völker in großen Organisationen und Sicherheitskonferenzen zu vernetzen. Wer diesen Satz geschrieben hat, klammert Bush und seine Kriegspolitik aus, wo der Militärhaushalt, ohnehin gigantisch, noch einmal um 13 Prozent erhöht worden ist.

Politikern, gerade auch amerikanischen, müsse bewusst gemacht werden, dass sie mit dieser Militär- und Kriegspolitik nicht wiedergewählt würden. Schön wär`s! Im Gegenzug schlägt der deutsche Politiker Eppler vor, eine "Weltpolizei" zu schaffen (für die Bush nur ein Hohnlächeln hätte), "die auf Beschluss der Vereinten Nationen eingreifen müsste, wo immer es nötig ist".

Noch nötiger als im Israel-Palästina-Konflikt, der kein Konflikt sondern ein Krieg ist, wäre es nirgends. Aber sich diese Zumutung gegenüber der derzeitigen Regierung Israels vorzustellen, wäre der Ausflug in einen Staat Israel, den es so jetzt und wohl auf lange Zeit nicht mehr gibt. Ein kritischer Blick auf Israel ist schwierig, weil das "Dritte Reich" der Geburtshelfer für Israel war. Die Phrase von der "besonderen Verantwortung" hat in der deutschen Politik gegenüber Israel eine ganz besondere Bedeutung.

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00:00 26.04.2002

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