Kollektives Stoßgebet

Medientagebuch Die Papst-Sause: Werbung für das Gute auf allen Kanälen?

Pater Eberhard von Gemmingen äußerte sich "sehr zufrieden". Die ganze Woche "Papst"! Nicht nur, dass des Heiligen Vater bayerischer Heimatsender BFS von morgens an bis zur "Papst-Nacht" hingebungsvoll sendete. Auch das ZDF ließ sich mit dem täglichen Bulletin "spezial" nicht lumpen; die ARD sagte gleich, worum es ging, nämlich um "den Papst in Deutschland", denn "er ist ein gesamtdeutscher Papst und nicht nur ein Bayer aus Marktl". Der WDR als eigentlich zuständiges Funkhaus meldete täglich den "Weltjugendtag", meinte aber auch Benedikt XVI.; Phoenix wiederholte brav die Bilderfolgen, und alle anderen hatten wenigstens in den Nachrichten den Papa an erster Stelle.

Weltweit "250 Millionen Zuschauer", das kriegt auch Radio Vatikan, wofür Pater von Gemmingen zuständig ist, nicht besser hin. Und schon gar nicht im säkularen, katholisch sperrigen Deutschland, wo doch nicht einmal mehr ein Drittel der Bevölkerung, meistens "nicht praktizierende" Katholiken, die Steuerkarten füllen. Was also trieb die Medien zu der Papst-Sause? Die Quote - bis zu 16 Prozent und mehr - war ja unter den gegebenen Bedingungen nicht absehbar. Werbung für das Gute im Deutschen, den guten Deutschen schlechthin? "Der Papst, ein Deutscher! Seine erste Auslandsreise nach Deutschland!" - sollte zumindest die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nicht so durcheinander bringen, dass sie im Papst-Fieber laufend ihre Programme überzogen. War das etwa vorauseilender Gehorsam, der durch die "Protokoll-Termine" aus dem "Heiligen Vater" einen Staatsgast machte und für stupendes Ablichten sorgte?

Die Redaktionen nannten es tatsächlich "Tagebuch": Ankunft "11.30 Uhr auf dem Köln-Bonner Flughafen", Begrüßung durch den "Herrn Bundespräsidenten", Defilee, der Papst im schusssicheren Papa-Mobil durch die jubelnde Menge, und immer die Bodyguards um den ob der "Be-ne-det-to!"- Rufe anfangs verschüchterten Oberhirten herum. Empfang der Priesteramtskandidaten, Empfang der Politiker von Bundeskanzler (nebst Gattin) bis Oppositionsführerin (nebst Gatten, "15 Minuten dauerte die Audienz"), Empfang beim "Herrn Bundespräsidenten" in der "Villa Hammerschmidt". Schiff-Fahrt auf dem Rhein, wo ER nebst jubelnder Menge vom Kölner Oberbürgermeister begrüßt wurde. Besuch in der Kölner Synagoge, Empfang einer evangelischen Delegation, Empfang einer islamischen Delegation. Gang durch die jubelnde Menge zum Schrein der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom, dort betend, die jubelnde Menge segnend, Fahrt zum Wohnsitz des Kölner Kardinals Joachim Meisner, der dem Papst "sein Zimmer geräumt hat" und "selber ins Gästezimmer" umgezogen ist. Ankunft auf dem Marienfeld, "Vigil" (sage nach diesem Medien-Begleit-Marathon niemand mehr, er wisse nicht, was das ist!), Messe vor "einer Million Menschen aus 193 Ländern". Abfahrt des Papstes, Ankunft auf dem Flughafen, Verabschiedung durch den "Herrn Bundespräsidenten", Dank des Papstes an alle, Einstieg ins Lufthansa-Flugzeug "Regensburg", Warten auf den Abflug ("19.59 Uhr können wir zeigen, dass der Papst angekommen ist"), Start zum Rückflug. Dazwischen jede Menge Hände drücken, segnen, begrüßen.

"Der Papst hat das alles richtig und alles fabelhaft gemacht", schwärmte Pater von Gemmingen, der auf der anderen Seite ebenso begeistert war "von der Qualität der Jugendlichen". Was man vom deutschen Fernsehen nun gar nicht behaupten konnte. Die, um deren "Weltjugendtag" es ursprünglich ging, waren in den Berichten der vor Ehrfurcht stammelnden Berichterstatter so oder so nur "Atmo".

Die bunten Rucksack-Jugendlichen kamen kaum zu Wort bei den Reportern, die in der offiziellen Reporterkleidung Schlips und Anzug lieber selber ins Mikrofon darüber redeten, was man ohnehin gerade sah. Man hätte vor dem Fernseher an allem, was einem sonst den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so wertvoll macht, verzweifeln können, wenn es nicht Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show wieder auf den Punkt gebracht hätte. Information, Bildung, Unterhaltung? Für welche Zielgruppe bitteschön wurde gesendet? Und um Gottes Willen was, in welcher Sprache, mit welchem Tonfall! So gesäuselt wurde daraus ein Papstkult gedreht, der die hochbezahlten Programmmacher total überforderte. Es kam einfach nicht rüber, dass es um ein katholisches Glaubensfest von immerhin einer Million sehr aufgeweckter Jugendlicher ging und nicht um den dämlichen Rest frömmelnd verklemmter Gestriger, wie Monitor sie im Vorfeld prophetisch ankündigte. Sollte man sich noch wundern? Die leitenden politischen Redakteure, die "das moralische Mega-Event mit dem Glaubensthema einer Minderheit" (so ein "Eventforscher" allen Ernstes im ZDF) an den Extra-Pulten von ARD, ZDF etc. innerbetrieblich aufzuwerten meinten, fielen kollektiv in Papst-Starre.

Dabei hatten sie sich schon vorsorglich Verstärkung geholt. Jeder hatte entweder wie Wulf Schönenborn in der ARD einen Pater wie den Radio Vatikan-Apologeten bei sich oder wie Peter Metzger im BR und Peter Frey im ZDF die so genannten Fachredakteure der Kirchenfunk-Redaktionen. Es machte überhaupt nichts besser, sondern führte gemeinsam zu einer salbadernden Ergebenheit und einem erschütternden Bild von Beschränktheit in deutschen Fernsehanstalten. Mein Gott! Es geht doch: Erst denken, dann reden. Der ORF2 machte es mit der kommentierten Messe am Sonntag vor. Die ARD zog Sonntagabend in einer anständigen "Zusammenfassung" Bilanz. Sogar der Pop-Musiksender Viva zeigte mit Klaas, dass man dort, wo es um Jugendliche geht, auch ganz neugierig auf Gläubige sein kann. Oder wollen wir wirklich wissen, was aus der Espressomaschine in Kardinal Meisners Wohnung geworden ist? Ob der arme Benedikt wirklich "nur Nudeln" in Rom essen muss? Wer sich von dem frustrierten "Wir sind Kirche"-Völkchen ein Kondom aufdrängen ließ? Stoßgebete, nur noch Stoßgebete.


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00:00 26.08.2005

Ausgabe 38/2020

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