Kollektivkörper im Schüttelfrost

Post-Territorial denken Die Debatte um das Scheitern von Multikulti hat nichts mit den realen Verhältnissen zu tun. Plädoyer für einen kritischen Okzidentalismus

In der BRD leiden wir im Moment am Scheitern einer "Gesundheitsreform", die in der vorgeschlagenen Form ohnehin nie stattgefunden hätte. Weiterhin schmerzt uns aktuell ein so genanntes "Scheitern" des Multikulturalismus, ohne dass wir hierzulande einen Anlass, einen Attentat oder dergleichen vorzuweisen hätten, das das Zusammenleben mit eingewanderten Bevölkerungsteilen vergiftet. Der Kollektivkörper gibt sich fröstelnd einer Art von Phantomschmerz hin. Gemeinhin nennt man die Fixierung auf Symptomatiken, die keine organische Ursache haben, Hysterie. Wie man aber aus vielen Studien zu sozialen Pathologien weiß, sind (Massen-)Hysterien nie gegenstandslos, sondern Krisensymptome sich verändernder Gesellschaften.

Anlass für die Problematisierung von Multikulturalismus ist der Mord an dem provokanten Filmemacher und Islamismuskritiker van Gogh in Holland und eine Serie von Rache-Attentaten und Mobgewalt durch aufgebrachte nationale Kräfte. Man glaubt den Zusammenbruch einer Zivilgesellschaft zu beobachten, um die man den Nachbarn (jedenfalls jenseits des Fußballfeldes) immer beneidet hatte, und richtet den Blick zurück auf die eigene Nation. Entsteht jetzt ein Raum für die lang fällige Selbstkritik? Wird uns erst jetzt bewusst, dass wir die Frage der Staatsbürgerschaft viel zu spät angepackt haben, dass das Einwanderungsgesetz eher ein Aussperr-Regime als eine Integrationshilfe darstellt, dass das Bildungssystem seine bedürftigste Klientel, die Migrantenkinder, systematisch vernachlässigt und ein Teil der Bevölkerung nicht davon überzeugt werden kann, dass wir schon lange ein Einwanderungsland sind und dass es muslimische oder schwarze Deutsche gibt?

Ein Blick in die Schlagzeilen macht voreilige Hoffnungen auf eine notwendige Bewegung der Selbstreflexion zunichte. Die ausgedehnte Mediendiskussion hat einen klaren Tenor und stellt folgende Diagnose: Dass der Multikulturalismus "gescheitert" ist, liegt eindeutig an den Migranten, den Ausländern, den Anderen, deren angebliche Fremdheit die Gastgesellschaften mehr und mehr als Problem sehen. Das holländische Exempel hat offensichtlich weniger die Frage der Integration als die der Abgrenzung aufs Tapet gebracht. Nach dem französischen Philosophen Michel Foucault bilden sich herrschende Denkgewohnheiten und Identitätskonzepte von Gesellschaften über Ausschlüsse. Man erklärt jemanden oder etwas zum "Anderen" und definiert damit das bis dahin noch nicht fest umrissene Eigene. In Anlehnung daran lässt sich behaupten, dass derzeit gegen das "andere" muslimische Außen ein neuer Okzidentalismus gesetzt wird, der sich über die Zugehörigkeit zum christlichen Abendland zusammenfindet, eine Zuordnung, die in gegenwärtigen Debatten um Leitkultur und politische Kopftücher eine große Rolle spielt. Warum aber ist ein Bezug zum Abendland plötzlich wichtig geworden? Zwei Punkte wären da zu nennen. Zum einen wird mit zunehmendem weltpolitischem Gewicht und wachsender Konkurrenz zur USA neben nationalen Identitäten eine europäische Identität immer wichtiger, und zum zweiten hat sich das, was bislang eine europäische Identität ausmachte, dramatisch verändert.

Europa hatte sich bis Ende des 20. Jahrhunderts als freie Welt in Absetzung zum "Ostblock" definiert. Es ging um Freiheit versus Zwang, Demokratie versus Diktatur, Wettbewerb versus Plan, persönliches Eigentum versus Staatsbesitz. Die alten Selbstpositionierungen waren vollständig säkular orientiert und folgten politischen und ökonomischen Parametern. An die Stelle der Ost-Westspaltung sind in den letzten zehn Jahren verschiedene andere Außengrenz-Definitionen getreten. Die "Festung Europa" zum Beispiel grenzt sich vorwiegend gegen Armutsmigration aus Asien und Afrika ab und damit definiert sie auch den Zivilisationsvorsprung der ersten Welt gegenüber der so genannt unentwickelten dritten. Auch die USA nehmen als Außengrenze an der Formierung des neuen Europa teil, indem das geschmähte "alte Europa" die Erfahrung zweier Weltkriege zur Demonstration von Friedensreife nutzt.

Den aber wahrscheinlich gravierendsten Part an Europas neuer Selbstdefinition übernimmt nun ein kulturalistisches Paradigma, das "orientalische" Außen. Der palästinensisch/amerikanische Theoretiker Edward Said, der Gründungsvater "postkolonialer Theorie", hatte schon 1978 von einem "Orientalismus" des Abendlandes gesprochen. Er hatte damit die Phantasien und Bilder der Kolonialkulturen über angeblich effeminierte Paschas und unterwürfige Haremsdamen gemeint, den Anteil, den die so genannten Orientwissenschaften am imperialistischen Unternehmen hatten, und die Zentralität, die diese Phantasien für die Selbstwahrnehmung des weißen Kolonialisten hatten. Die heutige orientalische Außengrenze sieht anders aus. In den Nachwehen des 11. September 2001, den Nahostkriegen und diverser Terrorismen kombiniert ein Neo-Orientalismus Ängste vor religiösem Fanatismus und politischem Terrorismus mit Vorstellungen von autokratischem Patriarchat. Über diese Abgrenzung kommt im Okzident plötzlich der Bezug auf eine "christliche Kultur" wieder zum Vorschein, die lange Zeit in den politischen Debatten keine Rolle mehr gespielt hatte.

Nun führt die Tendenz, ein abendländisches Europa über ein orientalisches Außen zu begründen, zu einem inneren Dilemma. Die europäischen Nationen beherbergen große muslimische Diasporas, die durch das neue nun "kulturell und religiös" definierte Europa unter Druck geraten. Auch wenn sich im sozialen Profil und dem Grundverhalten Migranten nichts Wesentliches verändert hat, mutieren sie im zunehmend okzidentalistischen Blick der Mehrheitskultur vom bescheidenen Dienstleister zur Gefahr für das christliche Abendland. Der Vorwurf der Abkapselung muslimischer Bevölkerungen in Parallelgesellschaften spiegelt den Wunsch nach Einkapselung des Fremden.

Ähnlich paradox ist auch die Rede vom Scheitern des Multikulturalismus. Eine horizontale Multiplizität, eine Vielheit, würde die gewünschte hierarchische Abgrenzung zwischen abendländischer Hochkultur und orientalischer Barbarei (sichtbar an Terrorismus und Patriarchat) verunmöglichen. Der Tod von Multikulti wird nicht deshalb proklamiert, weil die Bundesrepublik an der Schwelle zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen steht, sondern weil in diesem neuen Bildungs- und Formationsprozess einer europäischen Identität an einer orientalischen Außengrenze, ein integriertes und möglicherweise sogar "hybridisiertes" orientalisches Innen nicht mehr gewünscht wird. Aus diesem Grund passen die holländischen Unruhen auch in einen so bereitwilligen einheimischen Deutungshorizont. Sie nehmen den Rang eines strategischen Beispiels ein, sie sind ein Kondenskern, an den sich mangels ähnlich manifester nationaler Evidenzen ein bereitliegender Diskurs anschmiegt. Außerdem stärkt das Affiziertsein durch die Sorgen des Nachbarn das noch prekäre europäische Wir-Gefühl.

Aber es sind nicht nur die wertkonservativen Diskurse, die die gegenwärtige Beunruhigung über die Einwanderungsgesellschaft mit ihrer Agenda von Leitkultur füllen. Leider verfallen auch die meisten liberalen und progressiven Strategien gegen Fremdenfeindlichkeit okzidentalistischen Grundannahmen. Der aufgeklärte Bürger ist sich des "Selbst" gewiss und sucht die Gesellschaft davon zu überzeugen, das "Andere" zu akzeptieren. Insofern heißen dann zentrale progressive Anthologien wie die von Uli Bielefeld Das Eigene und das Fremde. So wie das Eigene als fixierte und fixierbare Größe angenommen wird, so ist auch das "Fremde" in seiner Andersheit vordefiniert. Solche Haltungen konzentrieren sich zum Beispiel auf Sozialtechniken wie "Toleranz". Danach geht es darum, den Fremden aggressionsfrei zu dulden. Im Toleranzprinzip gibt es immer jemanden, der die Norm verkörpert. Diese Instanz entscheidet auch, wann die "Grenzen der Toleranz" erreicht sind, und was die Gruppen definiert, deren Verhalten auf Tolerierbarkeit überprüft wird.

Auch das Paradigma des Multikulturalismus selbst streift diesen hierarchisierten Vorstellungsraum. Vordefiniert unterschiedliche Kulturen sollen in einen sich gegenseitig akzeptierenden Austausch gebracht werden. Multikulti wird als eine Bereicherung der Gastkultur durch exotische Andere begriffen. So muss auch der Antifa-Slogan "Ausländer, lasst uns mit den Deutschen nicht alleine" verstanden werden. Kultur ist hier durchaus territorial gedacht. "Unsere" Kultur ist auf unserem Boden gewachsen und hat damit eine gewisse Natürlichkeit, während die "andere" Kultur auf einen ihr eigentlich fremden Boden eingewandert ist. Und ihre Quelle - und Authentizität - ist auch weiterhin in ihrem Herkunftsterritorium zu suchen. Auch eine Multikulti-Ideologie nimmt nur unter Schwierigkeiten wahr, dass es schon längst zu Vermischungen und zu Hybridisierungen gekommen ist, die sowohl die Migranten als auch - und das ist viel entscheidender - die Gastgesellschaften betreffen und in ihrer sozialen Praxis jeglichen Reinheits- und Herkunfts-Dogmatismen widersprechen. In der neueren Theoriebildung zur Migration spricht man deshalb lieber von transnationalen als von multikulturellen Subjekten, wobei man auch innereuropäischen Vernetzungen von Diasporabevölkerungen besser gerecht wird.

Was wir bräuchten, ist ein "Kritischer Okzidentalismus". Dieser Begriff steht in der Tradition selbstreflexiven Denkens aus der Perspektive einer privilegierten Position - so wie in den "Masculinity-Studies" auch Männer an dem Projekt arbeiten, hinter die Logik der männlichen Herrschaft zu kommen oder in den "Critical Whiteness Studies" weiße AkademikerInnen die gesellschaftliche Macht reflektieren, aus der "unmarkierten Position" eines weißen Privilegs zu sprechen. Hegemoniekritische Ansätze untersuchen, mit welcher Vorstellung von Anderen, Fremden ein "eigener" Diskurs - beim okzidentalistischen ein christlich abendländischer - produziert wird, und wie er sich "unsichtbar" in eine herrschende Position manövriert. Ein "Kritischer Okzidentalismus" würde sich demnach in der derzeitigen Hysterie über das "Scheitern des Multikulturalismus" nicht mit dem Versagen und der Unintegrierbarkeit des Fremden auseinandersetzen, sondern sich die Frage stellen: Warum produziere (erkenne) ich zu welcher Zeit welche Besonderheit am Fremden und welche Funktion hat diese Erkenntnis für mich?

Die hier kurz anskizzierte Antwort auf diese Frage würde lauten: Europa befindet sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und diversen amerikanischen Nahost-Kriegen in einer Phase der Neudefinition seiner "Identität" an einer imaginiert orientalischen Außengrenze. Auf der ideologischen Ebene gerät es deshalb zunehmend in Schwierigkeiten mit dem orientalischen Innen seiner muslimischen Migrantenbevölkerungen. Einem "Kritischen Okzidentalismus" fiele die Aufgabe zu, fremdenfeindliche Abkapselung und Austreibung des orientalischen Innen - die im Übrigen zur reaktiven Bildung neuer Traditionalismen und Fundamentalismen führt - zu untergraben und auf transnationale soziale Praxen aufmerksam zu machen, die sich schon längst jenseits der ewig wiederholten Pole Religion-Säkularität, Familie-Individuum und Freiheit-Tradition abspielen. Die jetzige Diskussion ist vollständig auf die "Fehler" der anderen und die "Duldungsbereitschaft" der als monokulturell verstandenen Kernbevölkerung fixiert. So wie sie im Moment geführt wird, kann die Debatte keineswegs zur Verbesserung des Zusammenlebens beitragen, sondern nur zu einer Verschärfung der Lage. Und genau das erleichtert jene Grenzziehungen, die für die Renaissance des Abendlandes gebraucht werden.

Gabriele Dietze unterrichtet Cultural- und Gender Studies an der Humboldt Universität Berlin und arbeitet zusammen mit der Linguistin Antje Hornscheidt an einem Schwerpunktprojekt "Kritischer Okzidentalismus".


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00:00 03.12.2004

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