Kollektivscham für Lausbübereien

VOR 50 JAHREN Theodor Heuss hielt seine Rede gegen die Kollektivschuld

Es habe keinen Sinn, um die Dinge herumzureden: "Das scheußliche Unrecht, das sich an dem jüdischen Volk vollzogen hat, muss zur Sprache gebracht werden", sprach vor fünfzig Jahren, im Dezember 1949, der sieben Wochen zuvor zum ersten Präsidenten der gerade erst entstandenen Bundesrepublik Deutschland gewählte Theodor Heuss vor der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Wiesbaden. "Sind wir, bin ich, bist du schuld, weil wir in Deutschland lebten, sind wir mitschuldig an diesem teuflischen Unrecht? Das hat vor vier Jahren die Menschen, die Seelen, vor allem die Zeitungen bewegt, die Besatzungsmächte, als sie von der Kollektivschuld des deutschen Volkes gesprochen haben, an dem, was geschah."

Nur wenige Tage vor der Heuss-Rede hatte der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Hedler auf einer öffentlichen Parteiversammlung erklärt: "Man macht zuviel Aufhebens von der Hitlerbarbarei gegen das jüdische Volk. Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen sei, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere gegeben." Hedler gehörte der mitregierenden Deutschen Partei an, die ihn erst nach langem Zögern ausschloss, Hedler wurde der Volksverhetzung angeklagt, aber in erster Instanz freigesprochen - danach brachte ihm auf der Straße eine große Menschenmenge stürmische Ovationen dar.

Das geschah wenige Wochen nach der Rede gegen eine Kollektivschuld der Deutschen, in der der Bundespräsident fortfuhr: "Das Wort Kollektivschuld und das, was dahinter steht, ist eine zu simple Vereinfachung, eine Umdrehung, nämlich der Art, wie sie die Nazis gewohnt waren, nämlich anzusehen, dass die Tatsache, Jude zu sein, bereits das Schuldphänomen in sich eingeschlossen hat."

Niemand protestierte. Erst nahezu vier Jahrzehnte später schrieb der deutsche Jude Ralph Giordano in seinem Buch "Die zweite Schuld" über die Heuss-Rede von 1949: "Das ist in mehrfacher Hinsicht ungeheuerlich. Da werden also erstens jene, die sich um die Kollektivschuld Gedanken machen, sei es gar im Sinne ihrer Bejahung, in eine Reihe gestellt mit dem mörderischen Antisemitismus und seinen Anhängern, die sich in Auschwitz ausgetobt haben. Die Verlogenheit dieser Gleichsetzung ist unüberbietbar. Und dann wird, zweitens, noch so getan, als würde im Zusammenhang mit der Kollektivschuldthese angeklagt, weil es sich um Deutsche handle - nicht um reale Geschichte."

Niemals hat es einen Richterspruch gegeben, der mit einer deutschen Kollektivschuld begründet worden wäre, niemals war die Nachkriegspolitik der Alliierten von einer Kollektivschuld ausgegangen, wohl aber von einer Kollektivverantwortung der Deutschen für das, was ihr Gemeinwesen den Juden und nicht nur ihnen angetan hat. Bundespräsident Heuss, den der Adenauer-Historiker Hans-Peter Schwarz ohne Arg zum "obersten Leitartikler der Nation" ernannte und der tatsächlich in seinen Reden das erwachende Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik artikulierte, Theodor Heuss ging vor fünfzig Jahren offensichtlich von einer Kollektivunschuld der Deutschen aus und sah nur einen Alleinschuldigen: "Aber etwas wie Kollektiv scham ist aus dieser Zeit gewachsen und geblieben. Das Schlimmste, was Hitler uns angetan hat - und er hat uns viel angetan - ist doch dies gewesen, dass er uns in die Scham gezwungen hat, mit ihm und seinen Gesellen den Namen Deutsche zu tragen."

Wir, die Deutschen, waren also das erste Opfer Hitlers - auch die, die ihm zugejubelt, auch die Volksvertreter, die ihn ermächtigt hatten? Theodor Heuss war - hatte er es am 7. Dezember 1949 schon verdrängt? - einer von ihnen. Im Reichstag hob er am 23. März 1933 als Abgeordneter der liberalen Deutschen Staatspartei die Hand für das Ermächtigungsgesetz, zu dem die Sozialdemokraten geschlossen Nein sagten - die Kommunisten wurden bereits gejagt. Das Ermächtigungsgesetz lieferte den Staat an Hitler aus - seit seinem misslungenen Putsch zehn Jahre zuvor legte er großen Wert auf einen legalen Rahmen.

Heuss war einer der fünf Abgeordneten der Deutschen Staatspartei und hatte sich innerhalb der Fraktion zunächst gegen ein Ja gewandt. Er hatte schließlich 1931 ein nicht unkritisches Buch über Adolf Hitler geschrieben. Doch sein Freund, der Fraktionsvorsitzende Reinhold Maier, überzeugte ihn zuzustimmen. Theodor Heuss nahm sich sein Ja für Hitler nicht übel. Es sei seine "feste Überzeugung", schrieb er, dass das Ermächtigungsgesetz für den "praktischen Weitergang der nationalsozialistischen Politik keinerlei Bedeutung" gehabt habe. Noch 1963, in seinem Todesjahr, verteidigte er sich: Das Ja zum Ermächtigungsgesetz habe eigentlich nur für die "Parteienpolemik nach 1945" eine Rolle gespielt, vor allem - "bis es den Leuten zu langweilig wurde" - bei den Publizisten der Sowjetzone.

Den von Heuss verkündeten Begriff der Kollektivscham hielt Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, für "wahr und nicht wahr" zugleich. Natürlich schämte er sich, so beschied er einen US-Journalisten, der ihn auf die Heuss-Rede ansprach, dass "so etwas bei uns vorgekommen" sei. Er selbst sei, so behauptete Adenauer, "im Konzentrationslager" gewesen. Aber in der amerikanischen Geschichte habe es auch "schwere Sachen gegeben". Womöglich erinnerte er sich auch, was ihm Heuss ein Vierteljahr vor seiner Kollektivschamrede geantwortet hatte: "Er hat geantwortet, die Frage nach meiner Stellung zum Ermächtigungsgesetz ist im württembergischen Landtag ein ganzes Jahr lang untersucht worden. Es ist eine alte Jacke."

Eine Jacke, die er sich nicht anziehen wollte. Keine vier Wochen nach seiner Kollektiv schamrede bezog Heuss in seine erste Silvesteransprache auch die in Landsberg einsitzenden NS-Kriegsverbrecher ein. Und viereinhalb Jahre später begründete der Bundes präsident in seiner Rede "Das Recht zum Widerstand", warum auch eine Kollektivscham für die Deutschen längst nicht mehr zu gelten brauchte. Bezogen auf die Männer des 20. Juli 1944 erläuterte er, warum ihr "stolzes Sterben" den Dank der Nation verdiene: "Die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt."

Weggewischt - die Scham. Hitler allein war der Verbrecher ... Auf Antrag sämtlicher Fraktionen des Bundestages wurde diese Rede als Broschüre an alle Lehrer sowie an die Schüler der mittleren und höheren Lehranstalten verteilt. Dass auch unter den Männern des 20. Juli Generale waren, die sich an der Judenvernichtung beteiligt hatten, dies nicht erwähnt zu haben, darf man Heuss nicht anlasten, die Historiker hatten sich viel Zeit gelassen, bis sie das in den achtziger Jahren aufdeckten.

Aber zurück zur Kollektivschamrede vom 7. Dezember 1949. Heuss spricht über die Juden, die das überlebten, was allein Hitler zu verantworten habe: "Hier in Deutschland, dessen Sprache ihre Sprache, dessen Landschaft auch ihre Landschaft war, sind die Erinnerungen ihrer Jugend, ihrer wachsenden Jahre verwurzelt, hier liegen die Gräber ihrer Eltern. Dann aber lesen sie in der Zeitung, dass die Steine dieser Gräber umgeschmissen werden, dass Schändungen jüdischer Friedhöfe jetzt noch vorkommen. Ich habe neulich einmal dazu dies gesagt: Jede solche Friedhofsschändung ist für Deutschland in seinem Kampf um seine Stellung unter den Nationen eine verlorene Schlacht; aber sie hat nichts zu tun mit Antisemitismus, sondern das ist die bewusste politische Lausbüberei von Menschen, die diesen Staat, in dem es Juden als Mitwirkende erst wenige gibt, die die Stellung dieses Staates zwischen den Völkern gefährden will."

Lausbüberei - begangen von Lausbuben, politischen Lausbuben, die es nur darauf angelegt haben, uns, den Deutschen zu schaden, in einer Welt, die das Schänden von Friedhöfen nicht als übermütigen Streich dummer Jungen begreift, sondern die so etwas - warum auch immer - übel nimmt. Scham?

Das Schänden jüdischer Friedhöfe hat Tradition in Deutschland. Das Würzburger Juliusspital ist errichtet mit Grabsteinen des 1446 angelegten jüdischen Friedhofs. Der Fürstbischof Julius hatte den "auf ewige Zeiten" verkauften Friedhofsplatz abgeräumt und sich auf einer Inschrifttafel gerühmt, dass eine Kultstätte der Ungläubigen nun dem Werk christlicher Barmherzigkeit diene. Die Juden, die Würzburg nicht mehr betreten durften, auch nicht mit dem schon damals verordneten gelben Fleck auf der Brust, hatten sich vergebens an den Kaiser um Hilfe gewandt. Im Verlies des Regensburger Rathauses nehmen seit 1533 die Abortbenutzer auf dem Grabstein der Gutel, der Tochter des Herrn David Platz, die 1337 gestorben war. Und so geht die Schändung der jüdischen Friedhöfe, begangen von christlichen Deutschen, durch die Jahrhunderte weiter. Die Grabsteine wurden vielerorts als Baumaterial benutzt.

Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts werden aber immer häufiger die Grabsteine zertrümmert und mit Exkrementen beschmiert. Eine Dokumentation des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hält für die Jahre 1923 bis 1931 107 Ausschreitungen gegen jüdische Friedhöfe fest. Selbst für das Jahr 1945 werden mindestens zehn Schändungen verzeichnet, und bis zum Jahr 1980 sind es dann auf dem Boden der Bundesrepublik 503.

Zum diesjährigen 3. Oktober, dem nationalen Feiertag, an dem die Deutschen ihre Wiedervereinigung begehen, waren die "Lausbuben" wieder unterwegs. 103 umgestürzte oder zerstörte Grabsteine im Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, Hakenkreuze am Denkmal für die deportierten Juden an der Putlitzbrücke in Berlin-Moabit mit dem Riesen-Transparent: "Holocaustdenkmal. Nein!!".

Was hatte Heuss vor 50 Jahren gesagt? Jede solche Friedhofsschändung sei für Deutschland in seinem Kampf um seine Stellung unter den Nationen eine verlorene Schlacht; aber mit Antisemitismus habe sie nichts zu tun.

Als Heuss seine Rede hielt, 1949, bekannten sich 23 Prozent der Deutschen als antisemitisch, 1952 waren es 34 Prozent. Weitere 15 beziehungsweise 18 Prozent zeigten sich "reserviert gegenüber Juden". Als "tolerant" bezeichneten sich 1949 41 Prozent und 1952 nur noch 23 Prozent. Sechs bis sieben Prozent nannten sich judenfreundlich. Und 15 beziehungsweise 18 Prozent wollten lieber gar nichts sagen. Heute ist natürlich alles ganz anders. 1999, vor wenigen Wochen, erschien die Welt mit der Schlagzeile "Die antisemitische Stimmung in Deutschland wächst". Der andauernde Streit um die Entschädigung der Zwangsarbeiter - endlich nach einem halben Jahrhundert - habe "offenbar" zu mehr Judenfeindschaft geführt. Die Welt: "Es wäre falsch zu sagen: Die Deutschen sind Antisemiten. Aber zu viele Deutsche sind offenbar immer noch oder wieder für antisemitische Vorurteile empfänglich."

Das ist - um Theodor Heuss fortzuführen - Jacke wie Hose. Die Umfrage, die dem Welt-Kommentar zugrunde liegt, ergab, dass, je nach Bildungsstand, weniger als 50 Prozent der Deutschen sich von antisemitischen Aussagen distanzieren.

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00:00 24.12.1999

Ausgabe 44/2020

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