Koloniale Raubkunst

Besitz Beinahe das gesamte afrikanische Kulturerbe steht in europäischen Vitrinen. Jetzt sollen die Museen vieles zurückgeben. Doch die sträuben sich
Koloniale Raubkunst
Felwine Sarr (l.) und Benedicte Savoy (r.) mischen mit ihrem Bericht die Museenlandschaft auf

Foto: Alain Jocard/AFP/Getty Images

Vergangene Woche legten die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr der französischen Regierung ihren 240 Seiten starken Bericht vor. Unter dem Titel Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes erklären sie detailliert den Schluss ihrer Recherchen: die sofortige Rückgabe eines großen Teils der sich in europäischen Museen befindenden Objekte afrikanischen Ursprungs. Eine Erklärung, die Vertreter*innen europäischer Museen nervös werden lässt. Bis zu 95 Prozent des afrikanischen Kulturerbes, heißt es, steht als Raubkunst in europäischen Vitrinen oder liegt in den Depots, vieles davon in Deutschland.

Die Museen sind nun in Zugzwang, die Beweislast ist umgekehrt. Es geht nicht mehr darum, zu entscheiden, was weg muss, sondern darum, was hierbleiben darf. Was nun? Alle Artefakte in Kisten packen und zurückschicken, ist weder mit dem Bericht gemeint, noch wäre es die Wiedergutmachung eines weitreichenden Verbrechens. Am 25. November jährte sich das Ende der deutschen Kolonialherrschaft zum 100. Mal. Das Ende des drittgrößten Kolonialreichs wurde durch den Versailler Vertrag besiegelt. Obgleich es bereits damals heftige Kritik am Kolonialunrecht gab, ist das Ende der Kolonien nicht auf Einsicht, sondern allein auf die Niederlage im Ersten Weltkrieg zurückzuführen.

Die im Vergleich kurze Kolonialzeit Deutschlands war lang genug, um unter dem Deckmantel rassistischer Ideologien Länder auszubeuten und Hunderttausende Menschenleben zu fordern. „Der Platz an der Sonne“ markiert den Fokus des sehnsuchtsvollen Blicks Europas auf reiche Bodenschätze, exotische Artefakte, wilde Tiere, zu bändigende Wildnis, menschliche Körper als Arbeitskraft, Forschungsobjekt und zur Befriedigung diverser Lüste. All das schwelt bis heute fort. Das zeigt sich in der aktuellen Afrikapolitik Europas, im Umgang mit Geflüchteten, darin, Afrika als zivilisatorisch rückständig zu denken. Das zeigt sich auch im beharrlichen Verdrängen kolonialer Schuld und in den Lehrplänen deutscher Schulen, in denen die Kolonialzeit und ihre Folgen fehlen. Das wird auch sichtbar in vielen unserer Museen, deren Ausstellungspraxis bis heute auf eurozentrischen und nationalistischen Ideen des 19. Jahrhunderts basiert und damit eine rassistische Konstruktion des minderwertigeren „Anderen“ fortschreibt.

Die Stimmen, die behaupten, die Herkunftsländer hätten gar nicht die Ressourcen, um die Artefakte entsprechend zu pflegen, haben in Teilen recht. Nur kann die Lösung nicht sein, in paternalistischer Manier, die Objekte zu behalten oder allein virtuell zugänglich zu machen. Savoy räumte bei der Vorstellung des Berichts ein, sie sei der afrikanischen Museumslandschaft mit den üblichen Vorurteilen begegnet. Sie dachte, in Afrika spiele das historische materielle Kulturerbe keine besondere Rolle. Ihre Recherchen widerlegten alles. Geschämt habe sie sich – für ihre „unerträglich ungebildeten“ Vorurteile. Die Besitzverhältnisse der Artefakte sind längst geklärt. Im nächsten Schritt muss es um das Hinschauen gehen, um das Zuhören, um den Dialog, um das Finden gemeinsamer Lösungen. Es muss darum gehen, den Raum zu schaffen für ein respektvolles Miteinander auf Augenhöhe. Die Kunst könnte dazu das schönste Mittel sein.

Mahret Ifeoma Kupka ist Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt

06:00 29.11.2018
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