Kolossaler Klangkörper

Eine Stimme, die so singt, als hätte sie alles gesehen Zum 60. Geburtstag von Van Morrison

Was diesen von allen anderen seines Berufszweigs unterscheidet: Der Mann verkörpert Musik. Die in sein Feld gehören, seine Klasse ausmachen, sind wenig. Von den Zeitgenossen Bob Dylan, Neil Young, Lou Reed vielleicht, um von den Einzelgängern, als die sie angesehen werden, zu reden.

Niemand verkörpert so sehr Musik und ihr Wesen wie Van Morrison. Wenn wir von Pop reden, wie er in die Welt gekommen ist, als Blues, und groß geworden ist als Rock. Wenn Morrison noch irgendwie mit Pop in Verbindung zu bringen ist, dann durch den Umstand, dass der Pop ihm in einem erratisch überladenen Feld seinen Monolithen verdankt. Er selber spricht nicht in Metaphern, er verkörpert die Allegorie. Er sieht sich als Sammler, als dauernd Suchenden, dem kein Umweg zu weit, kein Gipfel zu hoch, kein Abgrund zu tief ist, keine Ebene zu plan auf seiner Suche nach Erfüllung. Der Suche nach dem vielleicht endgültigen Lied, dem nicht wiederholbaren Moment der Durchdringung, wenn der Sänger, das Lied und die Masse der Hörer eins werden im Rausch. Oder im Kunstwerk, das er ist, der Moment.

Give me my rapture today, singt er da, wenn er singt und steht und nur mehr Medium ist für uns alle. Ein Mann im Jackett am Mikrophon, am Saxophon, an der Gitarre. Ein Klumpen schwarzes irisches Plasma, wie Ray Manzarek ihn 1966 sah, als Morrison mit Them in San Francisco spielte und einem anderen Morrison eine Vorstellung davon gab, was ein Sänger auf einer Bühne sein kann. Nichts weniger als jemand, der sich ganz aufgibt. In diesem Fall ein besessener Kelte, ein irrer Spielmann auf der Suche nach dem Instrument in sich. Einer, der jetzt, an der Schwelle des Alters, das alles in minimaler Bewegung seines kolossalen Körpers vereint.

Und was tut er? I´m a songwriter and I write about men and women. Morrison, der jede Begriffsfindung verweigert, der sich als Musiker, Sänger, Songschreiber sieht und nicht mehr, hat von seinen Anfängen an den Horizont des Pop erweitert durch beharrliches Zitieren zurückliegender Formen. Durch Repetieren früher Bluesstrukturen, der Variationen des Jazz und sämtlicher Klangsphären der Volksmusik vor Rock´n´Roll und Pop. Durch immer, immer wiederkehrendes Beschwören der Formeln, die für Durchdringung und Erkenntnis durch Erfühlen stehen wie es nur einem Schmerzensmann von Gnaden zukommt. Durch nonverbale Exerzitien, durch Vokalexzesse. Durch Arrangements, die das einzelne Lied ausstülpen zum Komplex aus Improvisation und Komposition, der im besten Fall seinen Hörer des Bewusstseins enthebt und wieder absetzt auf einer nächsten Etage, dem höheren Selbst. Niemand, der den Popsong extrahiert, dekonstruiert hat wie er. Und plötzlich erkennt man, welche Tiefe in dieser Art Musik steckt, die so alle Art Musik geworden ist, und den Hörer selbst zu Musik macht. Nicht weniger spielt sich im Weltraum dieses Musikers ab.

Morrisons Stimme, die seit je singt, als ob sie alles gesehen hätte, kennt diese Lieder. Orpheus hätte so Musik machen müssen, Orpheus ist der Mann. Das Hohe, das Tiefe, das Dunkle am Lied, von den Funken der Mythenmaschine nur dürftig erhellt, entzieht sie dem Markt, der den Pop handelt wie schnell verderbliche Ware oder Busse im Berufsverkehr. Cyprus Avenue, Tupelo Honey, Listen To The Lion, Streets Of Arklow, And The Healing Has Begun, Sense Of Wonder, Got To Go Back, Orangefield, So Quiet In Here sind solche Lieder - nicht jedem kompatibel, aber haltbar, weil ihre Wirkung nicht im Erfolg, sondern im Erfahren liegt. Selections, Auszüge aus einem Werk, wie er sie nennt, nicht eigentlich songs. Ohrwürmer, Hits von Van Morrison gibt es zuhauf, wir kennen sie.

Ancient Highway nennt Morrison seine Straße nach Damaskus, die ihn am Blues vorbei führte. Seine Straße nach Jerusalem, nach Avalon, nach Tir Na Nog, nach irgendeinem irdischen Himmelreich, das sich den Grenzen der Zivilisation, wie wir sie leben, entzieht. Auffällig an Morrisons Lyrik - die oft der Improvisation entsprungen scheint, die flach, die ungeheuer sein kann, auf hölderlinsche Art entrückt, oder, näher, wild und verzückt wie William Blake - auffällig ist die völlige Abwesenheit von Gewalt. Gewaltmetaphern, Drohgebärden, brutale Episoden fehlen ganz. Der Weg zur Harmonie allerdings ist Exorzismus an sich selber, den er für uns alle übt, ein Hetzen und Streunen über die Bühnen der Welt. Eine Reise, die er immer wieder mit Allegorie der Karawane, des Nomaden, des Zigeuners kommentiert: It´s just the gypsy in my soul.

Niemand verkörpert den Gestus des Musizierens aus sich selbst, niemand ist zum Instrument seiner selbst geworden wie er, der gestaltgewordene Gestus des Pop, wie wir ihn begreifen als Musik aus dem Geist des Aufbegehrens gegen die Verhältnisse. Vorausgesetzt immer, man nimmt diese Art Musik an als Lebensentwurf über Protest und Unterhaltung hinaus. Angenommen, Pop ist Mittel und Medium für Ekstase und Kontemplation; angenommen Pop ist die Kunstform, die den multimedial durchsetzten Alltag reflektiert und erträglich, lebenswert macht.

Wenn Morrison die Urkeime des Blues, wie sie vor zehntausend Jahren aus keltischen Stammesriten trieben, anruft, stellt er sich nicht als Mythenlehrer dar, sondern stellt diese Mystik, den Mythos erst her, gibt diesen Wurzeln Blut. Der Mann verkörpert den Kosmos des angelsächsischen Blues. Ein Mystagoge im antiken Sinn ist er doch, ein Priester mit oder ohne Publikum. So sieht er sich, so sieht sich Bob Dylan. So sehen sich beide, wenn sie, zum Beispiel, über dem Smog von Athen in den Trümmern der Akropolis sitzen. Zwei, die alles andere scheinen als ausgerechnet song and dance men, die, egal wo sie sitzen, eine Klanglandschaft erzeugen, die unsere Neuzeit verbindet mit der Geschichte, der Zukunft. So sieht er sich, wenn er mit John Lee Hooker auf einem Steg im Mississippi wie im Schoß des Blues sitzt und ihn spielt. Und wenn es auch nur für die Kamera ist, ist es doch Morrisons Auftrag, dem er sich verpflichtet sieht, nämlich ein auf weite Strecken auch namenloses Erbe weiterzutragen. Um die Namen derer fortzuschreiben, die ohne ihn vergessen wären oder ein Fall fürs Archiv. Die Namen der Urväter des Blues, wie er beidseits des Atlantik gespielt wurde.


George Ivan Morrison, geboren am 31. August 1945, ist der Phänotyp einer Kultur, die nach dem letzten Weltkrieg aus den Erschütterungen der Gesellschaft erstand. Und niemand hat wie er die in der populären Musik des Nachkriegs sich niederschlagenden Eruptionen gebündelt. Jede Klassifizierung versagt vor der Legierung, die der Musiker Morrison zur Kontinentalplatte zwischen den nicht überschaubaren Strömungen zusammengefügt hat.

Kontinuität ist das erste Gebot. Van Morrison hat das Gesetz der Serie als Grundlage der Popkultur daran gekoppelt. Es ist das Immerweitermachen, das uns die Geschichte als beschreibbare und dadurch verständliche Folge von Brüchen erkennbar werden lässt. Einer der großen Geschichtsschreiber in diesem Sinn ist Van Morrison. Er braucht dafür keinen Protestsong, keine tagesaktuelle Reminiszenz, keinen Bezug zur Politik und ihren Spielweisen, kein Kommunique, er braucht keine Reklame dafür. Er ist seit seinem zweiten Album, Moondance (1968), sein eigener Produzent. Auch das wie niemand anders auf diesem Gebiet. Und ist doch - soweit sein Dilemma - Bestandteil der Industrie, die den Pop eben erst möglich gemacht hat.

Morrison besteht auf Komik und dunklem Humor, auf Plattheiten und den Unfällen des Alltags wie sie noch jedem zustoßen, sei es, weil ihn niemand versteht. Weil der Nichtverstandene immer und immer erklären muss, worum es ihm geht. Tell me why (why why why why) must I always explain.

Der Mann, der sein mächtigster Klangkörper ist, der seinen Text würgt und beißt und durch die Mundharmonika stopft, der seine Melodien aus den Gelenken schüttelt ohne äußere Bewegung, pfeift aufs Entgegenkommen vor Publikum, weil es auf nichts als auf die Intensität ankommt, wie in der Oper, wo es um Leben und Liebe und Tod geht und sonst nichts. Hoffnung und Verzweiflung sind Kategorien der Realität, die jeder mit seiner Wirklichkeit abgleichen muss.

Die musikalisch durchtränkte proletarische Herkunft hat ihn als 14-Jährigen auf die Bühne getrieben. Wo der Beginn das Hören und Empfinden statt Verstehen war, kam das Singen, das Spielen - Saxophon, Gitarren, Mundharmonika, Klaviere - hinzu. Der Furor des Getriebenen - an dem er sich abarbeitet, seit er ein Kind in der Hafengegend von Belfast war, und seither seinen Körper, seine gesamte physische Existenz als Voraussetzung dionysischen Musizierens zu Musik verarbeitet hat - der Furor ist die Geste der Musik, die auf einen Nenner zu bringen nicht ist. Sicher, es ist Blues und sicher, es ist Soul und Rock´n´Roll und Funk und Jazz und Folk und wieder Blues und alles ist Pop. Aber was es ist, außer Musik, elektrisch und elektrifizierend, transzendierend und äußerst irdisch überhaupt, was es ist, kann sicher niemand sagen. Am wenigsten ihr Urheber selbst. It ain´t why, why why why, why / It just is.


Aller Pop ist Zitat. Nach Brecht macht sich das junge Genie an der Menge der zu Kunst verarbeiteten Plagiate erkennbar, der Kunst des Zitierens. Kein Konzert, keine Aufnahme Morrisons ohne das Spektrum des Pop zu umreißen. Zitate sind Räuber am Weg, die dem Müßiggänger die Überzeugungen abnehmen, sagt Walter Benjamin, Prophet des Pop. Morrisons Räuberbande hat stattliche Namen: Leadbelly, Lonnie Johnson, Sonny Terry and Brownie McGhee, Lonnie Donegan, Chris Barber, Jimmy Rodgers, Lightnin´ Hopkins, Louis Armstrong, Ray Charles, Jerry Lee Lewis und weiter das Mantra auf dem Pfad, den er geht wie Baudelaires Verdammter zwischen Himmel und Erde im Namen der Hoffnung. Sie ist die Chimäre auf dem Rücken jedes einzelnen und saugt sein Mark aus den Wirbeln. Ein Bild davon findet sich auf Common One (1980), Morrisons homogenstem Werk seit seinem Debüt Astral Weeks (1967): der Wanderer zwischen den Welten, sein Gepäck, die Chimäre, wie ein Buckel auf dem Rücken. Frei ist, wer keine Hoffnung mehr braucht. Freiheit der Ort, wo die Hoffnung abzulegen ist, einzutauschen gegen ein Lied, ein Gedicht, ein Stück Kunst. Die Liebe, natürlich, kann es auch, deswegen wird sie in allen Tonarten besungen. Musik wie sie Van Morrison macht, wird gemacht, um die Steine auf dem Weg durch die Hoffnung zum Tanzen zu bringen, die Steine sind wir.

Inzwischen ist Morrisons Liedgut selbst Erbe geworden, von seinen Exegeten ins Patrimoniale entrückt, vereinnahmt wie die Psalmen der Bibel. Die Forschung spricht mehr Bände als Morrisons Texte, die, sagt er selbst, einzudampfen wären auf einen schmalen Taschenband. Andere Bände stehen dahinter. Wieder Namen: Blake, Yeats, T. S. Eliot, Pound, Beckett und Joyce. Morrisons Werk verhält sich zum zeitgenössischen Pop wie Ezra Pounds Poesie zur Dichtung der Moderne, unfassbar. Wenn jemand Eliots Vier Quartette vertont haben will, dann arbeitet Morrison daran, seitdem er arbeitet. Time present and time past / Are both perhaps present in time future, / And time future contained in time past. Vergangene Zeit und zukünftige Zeit, und nichts, was sich jemals ereignet, ist für die Geschichte verloren, und erst der erlösten Menschheit fällt ihre Vergangenheit zu. Van Morrison arbeitet an der Erlösung und jenem Ziel zu, das uns die Geschichte von unsrer Position aus erreichbar macht. Kleiner lässt es sich nicht sagen.


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00:00 26.08.2005

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