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Eventkritik Am 1. Mai sollten Migranten in Berlin-Mitte aus selbstverfassten Geschichten lesen. Eine Marketingkomödie
Franziska Weigelt | Ausgabe 19/2015

Bücher für alle, unter freiem Himmel und kostenlos. Schöne Idee eigentlich. „StadtLesen“ heißt die Aktion, die Anfang Mai begonnen hat und nun mit mehr als 3.000 Büchern durch 24 Städte tourt, in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien. Erster Halt ist Berlin-Mitte. Der Bezirk war selbst schon Schauplatz einiger Weltromane, nicht nur von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Für diesen 1. Mai haben die Veranstalter ihren eigenen Aktionstag ausgerufen, den „Integrationslesetag“. Migranten sollen sich aufs Podium stellen und dort in ihrer Muttersprache verfasste, eigene Texte vortragen, hieß es in der Veranstaltungsbeschreibung. Eine interkulturelle Bühne sollte es werden, so der Plan von Initiator Sebastian Mettler. Er betreibt eine Werbeagentur in Salzburg und ist Besitzer eines „Bibliotels“ in Österreich – ein Hotel, das sich auf Literaturliebhaber spezialisiert hat.

Das Medium Buch mit Integration zu verbinden, klingt erst einmal einleuchtend. „Durch das Buch, nicht durch das Schwert, wird die Menschheit den endgültigen Bruderfrieden unter den Völkern erobern“, schrieb im 19. Jahrhundert der Romancier Émile Zola. Und lautet nicht einer der Schlüsselsätze der Bundesregierung „Integration durch Bildung“?

Willkommen beim Chill-out

Die Realität sieht anders aus. „Bürgerlich und weiß“, bringt es ein Jura-Student, der auf einem der knallbunten Sitzkissen liegt, die auf dem gesamten Platz verteilt sind, auf den Punkt. Ein Podium mit Mikrofon wurde an der Stirnseite des von einem Teppich umrahmten Veranstaltungsbereichs aufgebaut. Ein guter Ort, um seinen Text öffentlich vorzutragen. Warum tut das dann niemand?

Auf dem Bebelplatz sind alle Kulturen der Welt vertreten. Eine Touristin aus China hat es sich auf einem pinkfarbenen Sitzkissen gemütlich gemacht und chattet mit ihrer Freundin zu Hause. Etwas weiter liegt eine Gruppe italienischer Jugendlicher in der Sonne. Eine Gruppe US-amerikanischer Rucksackträger steht am Rand und hört den historischen Erzählungen der Stadtführerin zu. Das Hitler-Regime ließ hier am Bebelplatz, am 10. Mai 1933, Hunderte Werke von Freidenker, Philosophen und Schriftstellern verbrennen.

Zwischen dem eindrucksvollen Gebäude der juristischen Fakultät der Humboldt-Universität und einem Baustellenzaun (ein neues Parkhaus für Berlin!) wurden für ein paar Tage die Sitzsäcke und die Hängematten installiert. Umgeben vom noblen Hotel de Rome, überteuerten Restaurants und der Bundessteuerberaterkammer, wirkt der Bebelplatz an diesem sonnigen Tag mehr wie eine Chill-out-Lounge. Fehlt nur noch eine Cocktailbar.

Ein Integrationslesetag? „Oh, davon wusste ich nichts“, wundert sich ein Besucher, der in einem der schicken Regale stöbert. Hier in der Berliner Mitte gebe es doch überhaupt keine multikulturelle Wohngegend. Und es fehlten auch migrantische Gruppen, die sich für solche Belange engagieren könnten.

Noch immer hat niemand die Bühne betreten. Und niemand scheint zu wissen, wofür sie eigentlich das teht. Dafür füllt sich eine leere Skigondel, die eine weitere Sitzgelegenheit bietet. Eine deutsche Studentin ist mit ihren Mitbewohnern hergekommen, einfach um zu lesen. „Durch Literatur kann man andere Welten kennenlernen, wird dafür sensibilisiert“, sagt sie.Braucht man womöglich gar keine Migranten, die einem von Migration erzählen, solange man die passenden Bücher hat?

Willkommen in Kitzbühel

Ein junger Mann ist in Bismarcks Biografie vertieft. Neben dem preisgekrönten Roman Das Ungeheuer der deutsch-ungarischen Schriftstellerin Terézia Mora kann man in den Regalen auch Ratgeber wie Paleo für Einsteiger, Balkonpflanzen oder diverse Krimis finden. Man fühlt sich wie in einer öffentlichen Buchhandlung, oder besser Bibliothek. Eine junge Frau, die beim Regal steht, steckt sich einen Fünf-Euro-Schein in ihre Gürteltasche. Sie wurde als Verkäuferin von den Veranstaltern engagiert und hat gerade einen der glänzenden Bände, die in dem Regal stehen, an eine Besucherin verkauft. Gegen eine Spende von fünf oder zehn Euro kann man hier also Literatur erwerben. Einen Büchermarkt hatten die Veranstalter nicht angekündigt.

Ich komme mit einer Österreicherin ins Gespräch, schnell geht es um die Frage, ob die Hymne ans gedruckte Buch noch zeitgemäß sei in der E-Book-Ära. Als der Begriff „Büchersterben“ fällt, kommt sie in Fahrt: „Dagegen kämpfen wir an!“ Sie ist als Teil des Projekts StadtLesen extra mit vier Kolleginnen aus Österreich angereist, ehrenamtlich, und ist seit 2009 dabei, seit Sebastian Mettler die jährlich stattfindende Veranstaltung organisiert. StadtLesen wird von mehreren Sponsoren unterstützt, darunter 40 Verlage aus Deutschland und Österreich, die ihre Werke zur Verfügung stellen, sowie Ikea, Fritz-Sitzsack und Chico-Hängematten.

Auf der Integrationslesebühne steht noch immer niemand. Dafür thront in der Mitte des Platzes die Skigondel. Sie wirbt für eine Reise in die Kitzbüheler Alpen. In den Regalen liegen Werbeflyer für die Bibliotel-Kette und die Sitzsack-Firma. StadtLesen entpuppt sich immer mehr als Marketing-Event. Die österreichische Verkäuferin, eine angehende Lehrerin, betont immer wieder, im Mittelpunkt stehe das Lesen. Allein das sei doch ein Integrationsprogramm.

„Wir saßen neben vier Franzosen, die sich ein deutsches Bilderbuch angeschaut haben“, erzählen zwei Frauen und lachen: „Kartöffel und Frösch haben sie gesagt.“ Zumindest gibt es ein bisschen bilaterale Verständigung. Die meisten Besucher wollten einfach nur mit einem Buch in der Sonne sitzen. Vielleicht ist das heute ja auch schon ein Statement.

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08:30 07.05.2015

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