Komm ins Offene, Freund

Nicht nur ein Neinsager Wie man in einem bewegten Leben den Überblick nicht verliert und den Glauben an eine positive gesellschaftliche Entwicklung

Er war schon zu seinen Lebzeiten eine Legende. Anfang der siebziger Jahren galt die von Willi Hoss (Jahrgang 1929) gegründete "Plakat"-Gruppe - eine gewerkschaftskritische Betriebsratsliste bei Daimler-Benz (Stuttgart) - als basisnahe Alternative zu selbstherrlichen Vertrauensleuten und Gewerkschaftern. Als der unbeugsame Betriebsrat und seine Mitstreiter 1972 aus der IG Metall ausgeschlossen wurden, löste dies republikweite Proteste aus. 1980 gehörte Willi Hoss zu den Gründungsmitgliedern der Grünen, drei Jahre später trat er sein erstes Bundestagsmandat an, im November 2001 verließ er die Partei wieder, nachdem diese dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zugestimmt hatte. Er engagierte sich für die Freilassung Nelson Mandelas und unterstützte die streikenden Daimler- und Bosch-Arbeiter in Brasilien. Weniger bekannter ist sein Schicksal, das vor diesen spektakulären Ereignissen liegt: Als kommunistischer Kader bis zum KPD-Verbot 1956, seine DKP-Mitgliedschaft und sein Ausschluss aus der Partei.

Im September 2000 hat Hoss dieses bewegte Leben - vom Hitler-Jungen bis zum Ehrenhäuptling der Ka´por-Indianer - im italienischen Urbino erzählt. Peter Kammerer, Freund und Autor, hat die erlebte Rede aufgezeichnet und Willi Hoss, der vor einem Jahr, am 20. Februar 2003, starb, eine posthume Stimme gegeben. Wir dokumentieren aus der Autobiographie Komm ins Offene, Freund ein Kapitel, das die Erfahrungen von Willi Hoss als Betriebsrat und sein Engagement für eine human verträgliche Arbeitswelt beleuchtet.

"Die neuen, elektronisch gesteuerten Maschinengenerationen verkörpern in sich die Herrschaft über den Bediener. Die Erfahrungen der Arbeiter und Angestellten, ihre Fähigkeiten, ihre kreativen Möglichkeiten, sind weitgehend in diesen Maschinen materialisiert worden. Die Informationen und Entscheidungsmöglichkeiten sind von ihnen weg, weiter nach oben verlagert, zentralisiert worden. Die Rationalisierungsingenieure der Autoindustrie sagen das so: Überall da, wo noch Produktionsmaschinen vom Tempo eines Bedienungsmannes abhängen, gibt es noch etwas zu rationalisieren."

Willi Hoss, Rede vom 15. 1. 1983 in Sindelfingen

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00:00 20.02.2004

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