Komm mal klar

Psychologie Ist die Verhaltenstherapie den Menschen eine Hilfe? Alain Ehrenberg ist da eher skeptisch
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Abb.: Mecimage / Imago Images

Dass jede einigermaßen avancierte Technologie irgendwann von Magie ununterscheidbar wird, war bekanntlich das Credo von Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke. Jeder, der einmal der Werbung der Technikbranche auf den Leim gegangen ist, kann das am eigenen Leib bestätigen. So dünn! So leicht! So schnell! Simsalabim, und weg ist das Geld.

Nach der Lektüre von Die Mechanik der Leidenschaften, dem jüngsten Buch des französischen Soziologieprofessors Alain Ehrenberg, kommt man zu dem Schluss, dass sich nicht nur Menschen, sondern auch ganze Wissenschaften von neuen Techniken bezaubern lassen, selbst wenn deren praktischer Wert fragwürdig ist.

Ehrenbergs Schwerpunkt als Soziologe ist die Geschichte der Psychiatrie. Doch er ist ambitionierter: Psychologie ist für ihn nur ein Beispiel, anhand dessen er die Individualisierung der Gesellschaft untersucht. Einer „biologischen, kognitiven, verhaltenswissenschaftlichen Version“ unserer Vorstellung von Autonomie ist Ehrenberg dabei auf der Spur.

Bereits 2011 fing er an, diese Geschichte anhand der Psychoanalyse zu untersuchen. Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, behauptet er in Das Unbehagen in der Gesellschaft (Suhrkamp 2012), hätten Psychoanalytiker immer mehr Interesse an den individualistischen Problemen des Narzissmus entwickelt – das heißt an der Rolle der Selbstliebe in der Entwicklung des gesunden, aber auch des pathologischen Menschenverstandes. Währenddesssen habe der Ödipuskomplex, der mit Beziehungen zu anderen und damit mit dem Sozialen zusammenhängt, als Untersuchungsgegenstand deutlich an Bedeutung verloren. Mit seinem neuen Buch knüpft sich Ehrenberg jetzt den großen Gegenspieler Psychoanalyse vor: Die Mechanik der Leidenschaften handelt vom Siegeszug verhaltenswissenschaftlicher Ansätze in Psychologie und Psychiatrie. Die Verhaltenstherapie fußt auf der kognitiven Neurowissenschaft. Deren Biologismus geht davon aus, dass alle geistigen Probleme schlussendlich körperliche Probleme sind, deren Ursachen im Gehirn liegen.

Die Fähigkeit, das Gehirn mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) und anderen Techniken zu scannen, sollte der Psychologie seit den 1980ern eine wissenschaftliche Grundlage geben. Doch leider ist der Erfolg bisher begrenzt: Laut einer von Ehrenberg zitierten Studie hat die Magnetresonanztherapie „keine belastbare Entsprechung zwischen einem psychischen Krankheitsbild und einem Komplex zerebraler Bereiche und Kreisläufe entdeckt“. Auf dem Stand von 2011 konnten MRTs und andere Techniken, die versprachen, die Funktionen des Gehirns bildlich wiederzugeben, im besten Fall andere diagnostische Kriterien unterstützen. Die Aussagen sowie das Verhalten der Behandelten blieben jedoch entscheidend für die Diagnose. Wenn es um die Diagnostik geht, sprechen selbst die strengsten Befürworter eines bildlichen Ansatzes in der Psychologie eher vom Versprechen dieser Techniken als von ihren Leistungen.

Obwohl der Nutzen bei der Behandlung psychischen Leidens also eher fragwürdig war, fingen Wissenschaftler an, die Ansprüche der auf MRT und ähnlichen Techniken basierenden kognitiven Neurowissenschaft zu erweitern. 1988 hielt der Psychiater Samuel Guze einen Vortrag am Mausley Hospital in London. „Biological Psychiatry: Is there any other kind?“, fragte der Amerikaner. Das war eine rhetorische Frage, denn für Guze war die Antwort glasklar: Es könne nur „philosophische, politische, oder ideologische“ Gründe für eine nicht biologische Psychiatrie geben.

Das Beispiel stammt nicht aus Ehrenbergs Buch, sondern aus einer englischsprachigen Neuerscheinung zum neurowissenschaftlichen Boom: Anne Harringtons Mind Fixers: Psychiatry’s Troubled Search for the Biology of Mental Illness (Norton 2019). Harrington, Professorin für Geschichte an der Harvard University, teilt jedoch viele von Ehrenbergs Ansichten. Sie betrachtet die Entwicklung der biologischen Psychiatrie in den 1980ern als eine Rückkehr zum vorfreudianischen Biologismus, der Ende des 19. Jahrhunderts vor allem die deutschsprachigen Universitäten beherrschte. Die Neurowissenschaftler des 20. und 21. Jahrhunderts verstehen sich in der Tradition von Forschern wie Emil Kraepelin (1856 – 1926) und Theodor Meynert (1833 – 1892).

Modell ohne Moral

Die psychoanalytische Dominanz auf dem Gebiet der Psychiatrie verstanden diese frühen Psychologen als einen Coup d’État, der den wissenschaftlichen Fortschritt gefährdete, wenn auch nur vorübergehend. Allerdings hatten diese Psychologen eine wichtige Tatsache übersehen, oder besser gesagt, verdrängt: Die Psychoanalyse bot eindeutig bessere Behandlungsmöglichkeiten.

Ehrenbergs Geschichte geht nicht so weit zurück wie die von Harrington. Er fängt mit amerikanischen Behavioristen wie John B. Watson (1878 – 1958) an, der die Ansicht vertrat, dass „Organismen durch Versuch und Irrtum lernen“. Der Mensch wird so mit seinem Verhalten gleichgesetzt, als Einzelgänger verstanden, dessen Handeln sich aus psychologischen Bedingungen herleiten lässt. Ehrenberg interessiert sich sehr für die philosophischen Grundlagen dieser Vorstellung und betont Parallelen mit dem Denken der schottischen Moralisten des 18. Jahrhunderts.

Zu Kants kategorischem Imperativ steht der Behaviorismus hingegen in krassem Widerspruch. Denn idealistische Programme, die menschliches Handeln einem moralischen statt einem physischen Gesetz unterordnen wollen, haben im Behaviorismus nichts zu suchen. Absicht und Gefühle, Sozialzusammenhänge und kulturelle Kontexte werden dem Verhalten untergeordnet. Allein die Physiologie des Gehirns ist hier Herr im Haus.

Ironischerweise haben die Erkenntnisse der Neurowissenschaften viel häufiger durch psychosoziale und nicht durch rein physiologische Eingriffe psychisches Leiden gelindert. Die Untersuchung der physiologischen Grundlagen von Autismus oder des Tourette-Syndroms zum Beispiel führten nicht etwa dazu, dass pharmakologische oder chirurgische Behandlungsmöglichkeiten gefunden wurden. Und auch die Ansätze, die mit der Verhaltenstherapie aktuell wurden, linderten die Symptome dieser Krankheiten nicht effektiver als tiefenfundiertes Vorgehen – also Versuche, psychologische Leiden durch die Erforschung ihrer Ursachen im psychischen Leben des Patienten zu verstehen.

Der Erfolg der Verhaltenstherapie basiert viel eher darauf, Patienten zu helfen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen oder gar die Krankheit selbst neu zu definieren.

Insbesondere Autismus wird dementsprechend oft nicht mehr als Krankheit verstanden, sondern als eine spezifische Art des Andersseins.

Die Neurobiologie bietet „Konzepte und Ressourcen“, die dem Individuum helfen, sich „eine Nische einzurichten“, in der es funktionstüchtig bleibt, glaubt Ehrenberg. Und wer funktionstüchtig ist, ist nicht wirklich krank.

Ärzte und Patienten hätten sich sicherlich andere Ergebnisse von der Therapie erhofft – Heilung nämlich. Doch es stehe außer Frage, dass verhaltenstherapeutische Ansätze das Leiden vieler gelindert hätten, betont Ehrenberg. Ebenso klar sei, dass die Informationen, die MRTs liefern, für die weitere Erforschung psychischer Leiden von großem Interesse seien. Wenn Ehrenberg aber schreibt, dass der Erfolg der kognitiven Neurowissenschaft eher damit zu tun habe, dass sie „unsere meistgeschätzten sozialen Konzepte der Regelmäßigkeit, Berechenbarkeit und Konstanz in eine wissenschaftliche Sprache übersetzt“, bekennt er sich klar zu denen, die die Souveränität des Gehirns über den Geist in Frage stellen.

In solchem Geist hat er auch sein wichtiges Buch geschrieben, dessen größtes Verdienst es ganz zweifellos ist, zu zeigen, wie die Psychiatrie sich viel zu lange vom Versprechen der Wissenschaftlichkeit verzaubern ließ.

Info

Die Mechanik der Leidenschaften. Gehirn, Verhalten, Gesellschaft Alain Ehrenberg Michael Halfbrodt (Übers.), Suhrkamp 2019, 429 S., 34 €

06:00 21.09.2019
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