Komm schnell zurück, Geliebte

Magie Professor Malou rettet Liebesbeziehungen, er ist auf das Zurückhexen verflossener Partner spezialisiert. Und sei die Lage noch so hoffnungslos. Ein Selbstversuch

Professor Malou ist ein Zauberer. „Medium, Hellseher“ steht auf dem kleinen Zettel im Briefkasten, „Spezialist für Arbeiten Liebesbeziehungen angesicht jeder hoffnungslosen Lage. Schnelle Rückkehr der personen die Sie lieben. Gibt Schutz gegen alle Gefahren und Verhexungen.“ Endlich.

Ich kannte diese Zettelchen durch einen Freund aus der Schweiz, der sie dort sammelte und später ihre Faksimiles in einem Buch abdruckte. Da war zum Beispiel Professor Soult: „Löse Ihre Dringenden und diskreten Probleme. Nehme ihnen alle Negativen Sachen weg. Sex. Krankheiten. Böser Blick Und spezielle Fälle.“ Oder Professor Herba: „beseitig alle ihre Probleme (sogar hoffnungslose Fälle).“ Professor Tiah wiederum war „Spezialist für: Liebe, Glück, Unverzauberung, Unbekanntes Krankheit.“

Diese Zettelchen, kaum größer als Visitenkarten, bezauberten mich. Durch den kindlich magischen Wunsch, der sich in der ungelenken Sprache spiegelte, durch ihre entlastende Naivität des Vertrauens in Omnipotenz. Durch das Versprechen, auf sicherem Weg, das Glück zu zwingen. Jetzt also liegt so ein Zettel in meinem Briefkasten in Wien. Rechts und links trägt das dünne Papier kindliche Zeichnungen, eine ausgestreckte Hand mit einem Auge in der Mitte, eine Kerze, einen Stern und einen Mond. Und eine Mobiltelefonnummer. „Diskretion und Seriöse Arbeit“, verspricht Malou.

Ich zögere eine Zeit lang, ihn anzurufen, das Zettelchen hängt an meinem Kühlschrank. Es löst eine Mischung von Neugier und Unsicherheit aus. Ich glaube nicht an Magie, aber ich halte auch nichts für unmöglich. Als ich mich endlich entschließe, ist der Professor nicht leicht zu erreichen. Erst ist er in Frankreich und vertröstet mich auf die nächste Woche, dann ist sein Handy nicht an. Ich werde hartnäckig.

Die Straße ist, wie verhext, auf dem Stadtplan nicht zu finden

Malou spricht kaum Deutsch und ist am Telefon äußerst schlecht zu verstehen. Wir veranstalten ein nicht sehr Vertrauen erweckendes Hickhack aus Miss- und Unverständnissen. In den elften Bezirk soll ich kommen, ins tiefste Simmering, gleich am Nachmittag, und er nennt eine Straße, die wie verhext gar nicht mehr auf meinem Stadtplan verzeichnet ist. Es dauert eine ganze Weile um auszutüfteln, wie man dorthin kommt, obwohl der Weg letztlich einfach ist. Ich bin unsicher, was mich erwartet und gebe einer Freundin die Adresse, um, für den Fall aller Fälle, nicht ganz spurlos zu verschwinden. Fünfzig Euro nimmt er pro Sitzung.

Auf dem Klingelschild steht, klar, nicht der Name Malou. Eigenartigerweise hatte ich mir einen älteren gedrungenen Südfranzosen vorgestellt oder einen Osteuropäer, doch vor mir steht ein schwarzer Mann, ein gut aussehender, rund dreißigjähriger Afrikaner.

„Comment allez vous?“ Französisch geht wesentlich besser als Deutsch.

Er führt mich durch die etwas schäbige Küche der Einzimmerwohnung hindurch in einen Wohnraum, dessen Grundbestand aus gewöhnlichster Fertigmöblierung besteht, dunkelbraune Schrankwand, Kunstledersofas, Glascouchtischchen mit einem Laptop darauf. Das Deckenlicht ist fahl. Rechts hinten im Raum ist eine Zauberecke eingerichtet, ein dicker Teppich mit Kerzen darauf und allen möglichen Gegenständen am Boden, fellbezogene Gefäße neben gewöhnlichen, mit einer Art gelblichen Wurzeln befüllten Kunststoffflaschen, eine Ikea Tischlampe dazwischen, Plastiksäckchen, eine kleine Decke mit sieben echten weißen Eiern darauf. Bric-a-brac, ein Sammelsurium aus geheimnisvollen und sehr billigen, profanen Dingen.

Malou ist barfuß. Er zieht sich ein Gewand aus bunt bedrucktem Stoff über, auf das Muscheln und kleine runde Spiegel aufgenäht sind. Er ist freundlich und sanft. Erst müsse er beten sagt er, kniet auf den Teppich nieder, verbeugt sich, steht auf, murmelt unverständliche Laute und wiederholt das Spiel dreimal im selben Rhythmus, während ich angespannt auf der äußersten Kante der Couch sitze und ihm zusehe. Er lässt sich nicht stören.

Er sei gläubiger Muslim, erklärt Malou als er fertig ist, seine Technik verbinde Islam mit alten afrikanischen Traditionen. Fragen beantwortet er höflich und vage.

Seine Methoden? Er habe viele Methoden. Seine Ausbildung? Es gebe Schulen für Heiler in Afrika. Wie bewältigt er die Sprachschwierigkeiten? Oh, er könne auch Englisch und er möge es, andere Sprachen zu lernen, wie zum Beispiel das Deutsche. Er weist auf ein Buch nicht gerade üppigen Umfangs am Rand des Teppichs. Seine Familie seien Heiler, ein Beruf, der vererbt wird. Die Eltern haben Afrika nie verlassen, aber die jungen Leute, wie er, wollten reisen und so behandele er überall, zwischen Afrika und Europa. Wo er sich aufhalte, hänge davon ab, wo man ihn brauche und wie lange. Man kann ihn auch mieten für einen oder mehrere Tage und ihn dann in einem Hotel einquartieren. Zwanzig bis dreißig Klienten hat er ungefähr gleichzeitig. Die Liste für Wien zeigt er mir von weitem, sie ist gut gefüllt. Er inseriert in Zeitungen, auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda gewinne er Kunden. Und natürlich durch die verteilten Zettelchen. Weil der Stil sich so sehr ähnelt, hatte ich insgeheim vermutet, dass es sich um ein und dieselbe Person handle, dass dieser Malou, der mir jetzt in Wien begegnet, derselbe sei wie die Professoren Soult, Herba, Tiah. Nein, sagt Malou, „es gibt viele von uns.“

Wir setzen uns in der Zauberecke auf den Boden. Ich solle ein Foto mitbringen, hatte er am Telefon gesagt. Er brauche, wenn es sich um Liebesdinge handelt, ein Bild, es gehe nicht ohne. Das magische Gesetz der Sympathie, natürlich, Ähnliches ruft Ähnliches hervor, Gegensätze wirken aufeinander, ein Teil gilt fürs Ganze, was sich berührt, ist für immer verbunden. Mir ist anfangs nicht ganz wohl dabei, es fühlt sich an wie Betrug, doch ich gebe Malou das Bild einer verflossenen Geliebten, die nichts mehr von mir wissen will. Ich versorge ihn kurz mit den Eckdaten.

Er beugt sich vornüber und bläst über meine Handflächen

Dass es eine Frau ist, stört ihn nicht. Er sagt, er könne versuchen, etwas zu sehen. Vor ihm liegt auf einem rund ausgeschnittenen Deckchen aus Tierfell ein hässlich silberfarbener Büro-Ringblock. Er legt das Bild der Verflossenen hinein in ein mit Chiffren oder arabischen Zahlen beschriebenes Stofftuch, das zwischen den hinteren Seiten steckt. Dann schreibt er auf das obere Blatt des Blockes arabische Worte, vermutlich Koranverse, eine längere Zeile oben, eine kurze unten. Ich soll unter die Koranzeile oben meinen Namen, mein Geburtsdatum schreiben und den Vornamen meiner Mutter. Unten den Vor- und Nachnamen der geliebten Person, ihr Geburtsdatum und den Vornamen der Mutter.

Während ich schreibe, drückt Malou in schnellem klackenden Rhythmus ein Knöpfchen an einem runden Gerät, das in seiner Handfläche liegt. „Seien Sie unbesorgt“, sagt er, als ich irritiert aufsehe, das sei eine Zählmaschine, die moderne Variante von dem hier, er hebt ein Perlenband hoch, mit dem er früher beim Zählen der Sekunden gearbeitet habe.

Auf ein unliniertes separates Blatt Papier schreibt er noch einmal die Namen in Großbuchstaben untereinander. Er rechnet, streicht durch, schreibt Zahlen. Es ist eigenartig zuzusehen, wie er die gleichen Buchstaben in den Namen, die ein Paar hätten sein sollen, durchkreuzt und aus dem Rest, der übrig bleibt, etwas formt.

Nun soll ich ihm meine Hände geben. Ich lege sie offen, die Handflächen nach oben, in seine, die trocken sind und warm. Er beugt sich vornüber und bläst leicht über meine Handflächen. Er nimmt meine Linke, legt sie auf das Ringbuchblatt zwischen die beschriebene obere und untere Zeile und zeichnet mit einem Plastikkugelschreiber in kleinen durchsetzten Strichen die Konturen der Hand nach. Dann konzentriert er sich, schreibt Zeichen neben die Konturen, malt Striche in die Fingerumrisse, als zähle er etwas, schreibt arabische Zeichen in das Feld, wo meine Handfläche auf dem Papier lag. Ich sehe zu, entspannt und leer. Er macht die Arbeit, ich muss nichts tun, und ich könnte auch nicht unterscheiden, ob er wirklich spirituelle Kräfte sammelt, oder ob er nur so tut als ob.

Es fühlt sich nicht magisch an, eher technisch

Ich sehe einem Mann beim Malen unverständlicher Zeichen zu. Es fühlt sich nicht magisch an, eher technisch. „Magie“, schreibt der Ethnologe Marcel Mauss, „ist immer die leichteste Technik ... Sie meidet die Anstrengung, weil es ihr gelingt, die Realität durch Bilder zu ersetzen.“

Malou lässt sich, wie vorher beim Beten, nicht ablenken. Er beugt sich lange über das Blatt, atmet dann lauter, hebt sich plötzlich ruckartig hoch und sagt diese drei Sätze, schnell und bestimmt, die mich unvermutet frontal treffen wie ein stumpfer Gegenstand. Denn was er da sagt, stimmt.

Er sagt, was ich weiß. Aber woher wusste Malou, was ich weiß?

Und warum wirkt, woran ich nicht glaube? Vor allem trifft mich die Präzision, mit der, aus all dem Zahlengewese heraus, genau diese Sätze kommen, genau in der richtigen Reihenfolge:

Also, die Sache habe keinen Sinn. Ich solle nicht versuchen, diese Person zurück zu bekommen. Sie sei weg. Wenn ich es aber dennoch probieren wolle – und man könne das natürlich, es gibt immer Wege – dann werde das sehr anstrengend und vor allem werde es teuer : „Ca couterait très cher“.

Ob ich sie je wieder sehen werde in meinem Leben? Das könne er nicht sagen, aber wenn, dann sicher nicht so, wie ich das wolle.

Warum man denn immer die falschen Personen liebe? Ah, sagt er „C‘est la nature humaine.“ Wenn ich aber jemand neuen finden wolle, habe er einiges für mich, er könne Mittel zusammenstellen, mit denen man Menschen in sich verliebt machen kann.

Funktioniert das? Na, wenn das nicht funktionieren würde, wär er ja wohl nicht mehr hier, oder? Er kann auch Mittel geben, die ehebrecherische Männer wieder an den heimischen Herd binden, oder machen, dass Menschen in der Nähe von einem fasziniert seien. Das gelinge aber nicht über große Distanzen hinweg, der Blick gehöre dazu, die zu beeinflussenden Menschen müssen einen sehen können.

Er zeigt mir Wurzeln von afrikanischen Bäumen, er zeigt mir verschiedenfarbige Pulver, eine Art Gewürze. Doch wozu er die sieben rohen Eier braucht, die da auch auf dem Boden liegen, will er nicht sagen, und die Zeichnungen, die er angefertigt hat während der Sitzung, will er mir auch nicht überlassen, ich könne sie sowieso nicht verstehen. Aber nein, auch als Souvenir will er sie mir nicht geben, nur das Bild der Geliebten, „seien Sie ganz unbesorgt“, bekomme ich zurück.

Wenn ich wieder etwas brauche, sagt Malou, könne ich mich gerne an ihn wenden.

„Arbeiten Liebesbeziehungen angesicht jederhoffnungslosen Lage“. Fünfzig Euro. Eigentlich ein fairer Preis. Magie, im Gegensatz zum Beten, bittet nicht. Magie wirkt. Das ist ihr großes Versprechen.

Draußen auf der Straße zerknülle ich das Foto der Ex-Geliebten und werfe es weg.

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05:00 18.06.2009

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