Komm, tanz mit mir

Fest in Wuppertal Bei Pina Bausch ist der Tanz die dialogfähigste der Ausdrucksformen

Ob ich zufrieden mit dem Fest bin? Ich bin glücklich." So gelöst und strahlend hat man Pina Bausch, Chefin des Wuppertaler Tanztheaters selten gesehen. Als vor drei Jahren das Wuppertaler Tanztheater seinen 25. Geburtstag mit Künstlern aus aller Welt feierte, hatte Pina Bausch eine Fortsetzung versprochen. Jetzt war es soweit. Einen besonderen Anlass gab es diesmal nicht, man feierte - einfach so. Dass man in Wuppertal zu feiern versteht, zeigte die Gästeliste mit Highlights wie dem japanischen Tänzer und Choreografen Saburo Teshigawara, der Primaballerina assoluta Sylvie Guillem oder der Amerikanerin Meg Stuart, die seit langem in Deutschland arbeitet. Mit dabei waren auch die Filmemacher Pedro Almodóvar und Philippe Decouflé, die Choreografen Mats Ek und Sasha Waltz, die Musiker des Moscow Art Trio, der Sänger Caetano Veloso und die Tänzerin Ana Laguna.

Sie alle sind vor allem persönliche Freunde, die Pina Bausch während ihrer eigenen Welttourneen kennen und schätzen gelernt hatte. So kam ein disparates Programm zusammen, das auf den ersten Blick unvereinbar Erscheinendes zusammenfasste. Das reichte von den rituellen Tänzen der Tanzenden Derwische aus Istanbul über die bombastischen Trommeltänze der National Dance Company aus Korea bis hin zum klassischen indischen Tanz. Dann wieder spannte sich der Bogen vom klassischen Flamenco über den Stil-Mix der französischen Compagnie Montalvo-Hervieu bis hin zum sozialkritischen Trash-Theater des Belgiers Alain Platel. Jeder hatte seine Arbeit als das für ihn Typische, Eigene als Gastgeschenk mitgebracht.

Der Tanz gilt seit je her als eine der dialogfähigsten künstlerischen Ausdrucksformen, sowohl innerhalb der eigenen Kultur als auch im Kontakt mit anderen. Kaum ein anderes Medium kann das sogenannte Andere über tatsächliche und über Sprachgrenzen hinweg so transportieren wie der Tanz. Deshalb erstaunte es nicht, auch Traditionelles bei einem zeitgenössischen Tanzfest vertreten zu sehen. Der indische Tanz kennt ohnehin nicht die Trennung in klassisch und zeitgenössisch. Er sieht sich in einem permanenten Veränderungsprozess und spiegelt, nicht anders als das Tanztheater auch, die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände wieder.

Zu einer außergewöhnlichen Performance trafen die indische Tänzerin Shantala Shivalingappa und der Flamenco-Star Eva La Yerbabuena zusammen. Sie zeigten symbolhaft, wie nah sich verschiedenartige Kulturen sein können. Während La Yerbabuena ihren Flamenco zu den Rhythmen indischer Instrumente tanzte, wurde - ohne stilistischen Bruch - der indische Kuchipudi-Tanz von der Flamenco-Gitarre begleitet. Musikalisch und tänzerisch verband sich der Ausdruckstanz der beiden fast nahtlos zu einem Gemälde weltumspannender Menschlichkeit.

Die Symbolkraft dieser Begegnung stand exemplarisch für das "Fest in Wuppertal". Der kulturelle Dialog ist für Pina Bausch und ihr international besetztes Ensemble nicht erst aufgrund der tagespolitischen Ereignisse wichtig geworden, sondern gehört schon lange zum selbstverständlichen Anliegen ihrer Arbeit. Auch ihre eigenen Tanzstücke produziert Pina Bausch seit Jahren jeweils in einer anderen Region der Welt. Hongkong, Palermo, Budapest, Madrid waren Stationen ihrer Tanzstücke. Das neue Brasilienstück Aguá gehört ebenso dazu, wie Masurca Fogo von 1998, das im portugiesisch-kapverdischen Lebensumfeld entstanden ist. Mit diesen und der Wiederaufnahme älterer Stücke wurde das Fest auch zu einer kleinen Bausch-Retrospektive mit Abschied und Wiederbegegnung. Lutz Förster gab in 1980 seine letzte Vorstellung auf Wuppertals Tanzbühne. Für Die sieben Todsünden von 1976 zur Musik von Kurt Weill wurde Jo Ann Endicott zweieinhalb Jahrzehnte nach der Uraufführung noch einmal zu dem verzweifelten Mädchen aus Louisiana, deren Leidensgeschichte sie nun mit ausdrucksvoller Reife tanzte.

Wohl auch heute noch zu den stärksten Tanzstücken der Wuppertaler gehört der Brecht-Weill-Abend. Wo die späteren Stücke auf Musik-Collagen aufbauen, arbeitete Pina Bausch hier noch mit einer geschlossenen Komposition. Allenfalls im revuehaften zweiten Teil Fürchtet Euch nicht kündigen sich schon Veränderungen der Arbeitsweise an - nur noch einzelne Titel aus der Dreigroschenoper wurden verwendet. Ein Jahr später, 1977, ging Pina Bausch einen Schritt weiter: Nur von einer Mandoline begleitet ließ sie in Komm, tanz mit mir ihre Tänzer deutsche Kinderlieder und Volksweisen singen.

Komm, tanz mit mir kann als Schlüsselwerk für Pina Bauschs Arbeitsweise und ihre thematische Konzentrierung auf Fragen menschlicher Kommunikation angesehen werden. Liebe, Angst, Gewalt wurden zu zentralen Begriffen ihres Tanztheaters, die seitdem immer wieder gewendet, gedreht und hinterfragt werden. Pina Bausch stellt diese kritischen Fragen, um den Verlust an Liebe in der Welt und die Zunahme an Gewalt sowohl im zwischenmenschlichen Bereich wie auch zwischen den Völkern aufzuzeigen. Es geht ihr nicht allein um die Angst vor etwas, sondern um Angst als Ausdruck der Unfähigkeit zu etwas, etwa zum vorurteilsfreien Aufeinanderzugehen. Aber auch die Liebe erleben wir bei ihr nicht idealisiert, sondern als die Unmöglichkeit zur Liebe, deren Folge der immerwährende (Geschlechter-)Kampf zwischen Anpassung und Aggression ist. Pina Bauschs Aussage, dass sie nicht interessiere, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt, ist der Schlüssel zu all ihren Stücken. Das führt in Komm, tanz mit mir zu bewegenden Szenen. Einer schwarz gekleideten Phalanx von Männern stehen die Frauen in luftigen Kleidchen gegenüber, an sich schon ein Bild der Verletzlichkeit. Doch damit nicht genug, werden die Frauen von den Männern mit Ästen schlagend gejagt, stürzen, schreien, rennen verzweifelt, einen Fluchtweg suchend, die nackte, schräge Rückwand hoch - und müssen erkennen, dass sie doch immer wieder in die Gewalt der Männer zurückrutschen. Jo Ann Endicott und Urs Kaufmann als liebesunfähige Partner hauen sich ihre Demütigungen und Wünsche verbal und physisch um die Ohren. Die Direktheit, in der beide die ganze Skala von Liebe, Hass und Unterwerfung durchlebten, verschonte auch das Publikum nicht. Betroffenheit und manch verschämte Träne bei einigen Zuschauern zeigten, dass Pina Bauschs frühe Stücke heute noch so aktuell sind wie damals.

Wie kaum eine andere Choreografin hat Pina Bausch den zeitgenössischen Tanz revolutioniert. Nicht nur, dass sie ein eigenes neues Genre entwickelt hat, eben das "Tanztheater"; sie hat mit ihrer Tanzsprache auch Generationen von Choreografen in aller Welt inspiriert. Sasha Waltz, die Ko-Leiterin der Berliner Schaubühne, gehört dazu, aber auch der Belgier Alain Platel, der radikaler als Pina Bausch, einen ähnlichen Fragenkanon auf die Problematik gesellschaftlicher Außenseiter und Gestrandeter richtet. In Iets op Bach werden in zynischer Direktheit zu den Liedern von Jesus bleibet meine Freude pädophile Szenen á la Dutroux gesetzt, tanzt eine menstruierende Tänzerin und wirft ein Jongleur rasier-messerscharfe Sägeblätter zwischen der tanzenden Truppe auf eine Holzwand. Die tänzerisch-theatrale Gestaltung wirkt in ihrer Komik absurd und irreal, und ist doch nur ein (vielleicht etwas überzogenes) Abbild unserer Gesellschaft. Wer da, wie die FAZ, von "Beliebigkeiten zu Bach" spricht, scheint bewusst die Augen vor dieser Seite der Wirklichkeit schließen zu wollen. Leider beendet Alain Platel mit diesem Stück seine choreografisch-inszenierende Arbeit. Doch Samuel Louwyck aus der Truppe von Platel hat kürzlich mit Octobre 13th bereits ein großartiges Debut über den autistischen Wahn einer an allen Ecken explodierenden Gesellschaft gegeben.

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00:00 09.11.2001

Ausgabe 42/2021

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