Komm zu Papa

Heterosexualität Sie ist jung und hübsch, er ist alt und hat Geld: Das Phänomen Sugardaddy feiert ein ungeahntes Comeback. Nicht nur im Internet
Sarah Schaschek | Ausgabe 35/2014 57

Ihre Freundin hat es wirklich raus. „Die sieht modelmäßig aus und schafft es, dass Männer ihr 500 Euro überweisen, wenn sie mal shoppen gehen will.“ Die Bewunderung in Kerstin Wagners* Stimme ist nicht zu überhören. Wie die Freundin steht auch sie auf „Männer mit Kohle“. Sie sagt das fast ein wenig entschuldigend. Als wolle sie etwaiger Kritik vorbeugen. Wagner kennt die Kommentare, die über die Art von Beziehungen gemacht werden, die sie führt.

Vor einem Jahr hat sie sich auf der Dating-Plattform mysugardaddy.eu angemeldet. Hier treffen junge Frauen mit Sinn fürs Luxuriöse auf Männer, die ihnen ein süßes Leben finanzieren können – auf sugardaddies, wie es im amerikanischen Englisch euphemistisch heißt. Das Versprechen lautet: Urlaube, gutes Essen, teure Schuhe – im Tausch gegen die Jugend, die Schönheit, den Sex eines sugarbabes. Ein solches Arrangement ist meist auf Dauer angelegt, der Sugardaddy agiert dabei weniger als Freier, eher als Sponsor. So beschreiben es die Beteiligten jedenfalls selbst.

Für viele Außenstehende ist ein solches Verhältnis schlicht eine Umschreibung für das älteste Geschäft der Welt. „Ich frage mich, worin der Unterschied zur Prostitution besteht?“, lautet der in Varianten wohl meistgetippte Onlinekommentar unter den Presseartikeln, die zu diesem Beziehungsmodell zu lesen sind. Die taz schrieb von einer „kapitalistischen Verwertungslogik“. Der Tagesspiegel führte den „Warencharakter unserer Beziehungen“ ins Feld. Oft schwingt Voyeurismus oder Häme mit: Wer’s nötig hat, sich so zu verkaufen!

Die Motive für eine Sugardaddy-Beziehung erscheinen so offensichtlich: Das ist, ganz klar, der Rückzug in uralte Geschlechterrollen! Mysugardaddy.eu macht es den Kritikern einfach. Die Seite zeigt Bilder vom klischeehaften Inbegriff männlicher Potenz: Ein ergrauter Charismatiker umarmt eine Frau, die seine Tochter sein könnte. Neben ihnen steht eine Flasche Champagner, im Hintergrund erahnt man eine (seine?) Jacht. Reichtum, der so offen ausgestellt wird, hat für viele schon grundsätzlich etwas Anstößiges, die Filmkritikerin Linda Williams bezeichnete Geld einmal als die „ultimative Obszönität“.

Doch ist tatsächlich so klar, wie die Abmachungen zwischen den beteiligten Frauen und Männern funktionieren? Ja, es gibt einen Haufen Gründe, eine Sugardaddy-Konstellation fraglich zu finden. Ohne Zweifel verstoßen die weiblichen Sugarbabes gegen das Prinzip der Gleichstellung der Geschlechter, für die Generationen vor ihnen gekämpft haben. In der Babe- und Daddy-Welt herrscht die Heteronormativität in Reinform: Sein Geldbeutel bestimmt, wo es langgeht, sie wird aufs Dekorative reduziert – selbst wenn sie immerhin das Restaurant und die Schuhe aussuchen darf. Die umgekehrte Besetzung – wohlhabende Sugarmamas, die konsumfreudige junge Männer aushalten – ist auf mysugardaddy.eu nicht vertreten. Geschäftsführer Thorsten Engelmann sagt, das gebe „der Markt“ nicht her. Gleiches gilt wohl für nichtheterosexuelle Menschen.

Auffällig ist auch die Verteilungsfrage. Ein Sugardaddy kann unter vielen, sehr vielen Frauen wählen. Laut Engelmann seien von den 90.000 Nutzern aus Österreich, der Schweiz und Deutschland rund 80 Prozent weiblichen Geschlechts. „Ich bin froh, dass ich überhaupt einen abbekommen habe“, sagt Kerstin Wagner. Gleich beim zweiten Datingversuch traf sie Ralf*, der ihr seitdem 500 Euro im Monat überweist und dafür verlangt, dass sie zur Verfügung steht, wenn er für einen Geschäftstermin mal wieder nach Berlin kommt. Eine andere Frau, die sich auf dem Portal Jazz_88 nennt, sieht die Sache ebenfalls pragmatisch: „So viele Millionäre gibt es einfach nicht.“ Die meisten Männer auf der Seite seien verheiratet und keineswegs superreich, manche würden gar ihr letztes Geld für eine Geliebte ausgeben.

Konsumsucht oder Not

Dass die Frauen, die sich anmelden, selbst ein üppiges Einkommen haben, sieht die Webseite eindeutig nicht vor: Wer als weibliches Mitglied ein Profil erstellt, hat bei der Angabe zum Beruf im Dropdown-Menü lediglich bescheiden bis prekär bezahlte Berufe zur Auswahl: Rechtsanwaltsgehilfin, Krankenschwester, Erzieherin. Generell ist der Anteil an Studentinnen recht hoch, und nicht wenige kommen aus gut betuchtem Hause. Auch Kerstin Wagners Freundin ist mit viel Geld aufgewachsen und sucht unter den Sugardaddys nun einen Partner, der ihr Luxus auch in Zukunft ermöglicht. So mancher Mann, bei dem in dieser Hinsicht Zweifel bestehen, wird von ihr einfach aussortiert. Dazu bietet die Webseite einen „Gehalts-Check“ an.

Die Menschen, die auf diesem Weg einen Partner suchen, allesamt als reaktionär oder gierig abzustempeln, wäre vermutlich zu einfach. Eine Frau nur „fürs Bett“ zu finden, das könne man auf jeden Fall günstiger haben, sagen jedenfalls der Webseitenbetreiber und auch Kerstin Wagner. Worum geht es dann aber? Um den psychologischen Reiz der Unterwürfigkeit? Und: Wäre diese Ergebenheit authentisch oder doch nur gespielt?

Wagner zumindest passt nur bedingt in das Bild von der jugendlichen Konsumdiva. Sie ist 35 Jahre alt und trägt gern geblümte Kleider, „aber nicht von Chanel, ich bin ja eher ein Hippie“. Sie arbeitet in Berlin als Erzieherin, deshalb möchte sie auch nicht, dass andere ihren richtigen Namen in der Zeitung lesen. Männer, die Geld für gutes Essen und schöne Hotels haben, fand sie „leider immer schon attraktiv“ – sie wisse gar nicht, woher sie das habe. Es klingt amüsiert, wie sie das sagt, so, als verstünde sie sich selbst nicht richtig. Ihr erstes Sugar-Date führte sie nach Zürich, „im ICE in der ersten Klasse“. Kaum am Bahnhof angekommen, entschied sie sich aber, zurückzufahren. „Ich konnte nicht.“ Ihr „Sponsor“ sei 72 Jahre alt gewesen, und „natürlich ging es auch um Sex“, sagt Wagner, ohne den Gedanken weiter auszuführen.

Aktuell ist sie also mit ihrem Sugardaddy Ralf zusammen. Die Sache läuft schon ein Dreivierteljahr, seit vergangenem November. Anfangs telefonierten sie häufig, sprachen in quasigeschäftlichem Ton über ihre Abmachung, es ging um das, „was er erwartet, was ich erwarte“. Wagner wünschte sich etwa eine neue Küche für ihre Eltern, Ralf zahlte anstandslos. „Da war ich beeindruckt, das war seine weiche Seite.“ Ansonsten sei er ein „Kotzbrocken“, 42 Jahre alt und „kompromisslos“. Sie versuche, nicht zickig zu sein, wenn sie mit ihm ausgehe. Der Sex sei nicht unangenehm. „Aber das Geschwafel über Geld nervt schon“, sagt sie. Andererseits: „Ich habe das Ziel, unterstützt zu werden.“ Die unterwürfige Rolle, die sie dafür spielt, „reizt mich auch irgendwie“. Für Prostitution hält sie das Ganze nicht. Und selbst wenn andere es so sähen: „Ich habe Prostituierte nie verurteilt.“

Prinzip Sparschwein

Noch forscher als auf der Sugardaddy-Datingseite geht es bei den Piggy Bank Girls zu. „Finanzier mir ein neues Tattoo.“ Oder: „Ich brauche Geld für meinen Umzug“, bitten Frauen, die selten mehr als Unterwäsche tragen. Im Gegenzug versprechen sie auf der Seite piggybankgirls.com „jeeeede Menge sexy Fotos“ von sich. Anna, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen will, hat das Crowdfunding-Portal – dessen Titel auf das Sparschweinprinzip anspielt – vor vier Monaten mit einem Kollegen ins Leben gerufen. Bei einer privaten Recherche zu erotischen Webseiten war sie mehrfach auf das Sugarbabe-Prinzip gestoßen. Und sie stellte fest, dass hinter der vermeintlichen Konsumsucht der dort mitspielenden jungen Frauen oft ganz realistische oder ernsthafte Sorgen, Nöte oder Pläne stünden. Einen dringend benötigten neuen Computer würde so mancher Sugardaddy vielleicht lieber finanzieren als das hundertste Paar Schuhe, überlegte sie. Nun versucht Anna, die vorher im E-Mail-Marketing für Ikea tätig war, freizügige Geber und bedürftige Nehmerinnen zusammenzubringen.

Für das größte Projekt, das bislang über die Piggy Bank finanziert wurde, hätten keineswegs nur Männer, sondern auch erstaunlich viele Frauen Geld überwiesen, sagt sie. Es ging um einen neuen Rollstuhl für Mandy Morbid, eine schwerkranke Pornodarstellerin, die in jenem Segment auch als punkiges „Suicide Girl Adria“ bekannt ist. Auf den üblichen Schwarmfinanzierungsplattformen wie Kickstarter oder Go Fund Me wurde sie nicht geduldet – denn Nacktfotos, die sie als Dank an die Spender verschicken wollte, sind dort verboten. Über Piggy Bank Girls aber ist das möglich.

Dass nichts Illegales verbreitet werde – kein Sex mit Kindern oder Tieren –, kontrollierten die Betreiber, versichert Anna. Um Pornografie handle es sich in der Regel ohnehin nicht, oft zeigten sich die Frauen auf ihren Bildern nicht mal ganz nackt. Zu einem persönlichen Kontakt, einem Treffen komme es wohl auch nur in Ausnahmefällen, das meiste laufe rein virtuell.

Was ist es dann aber, das zum Geben reizt? „Meine Freunde glauben, solche Typen sind krank“, erzählt Anna. Es ist die alte Logik: Wer vom Erregungsstandard abweicht, steht schnell unter Pathologieverdacht. Doch es gibt Menschen, die Lust empfinden, wenn sie jemandem 200 Euro überweisen. Sie müssen die andere Personen nicht mal kennen. Es reicht, wenn sie ein Bild im Kopf haben.

Vielleicht ist das Sugardaddy-Prinzip ja eine Kompensation für ein ansonsten vielfach beschädigtes männliches Rollenbild. Der finanzstarke Ernährer, der bread winner oder auch „Alleinverdiener“: Je volatiler die Erwerbsbiografien heute sind, desto weniger Männer können diesen Part noch erfüllen. Einer, der sich mit diesem Dilemma auskennt – nennen wir ihn Mark, denn auch er möchte unerkannt bleiben –, beschreibt es als „irre Befriedigung“, Fotos von einer Frau in einem Kleid zu sehen, das er finanziert hat. Pornos seien ihm viel zu unpersönlich. Eine Frau durch seine „Transaktion“ glücklich zu machen, sei für ihn ein äußerst intimer Moment.

Wer nutzt hier wen aus? Die Sprache in der Sugardaddy-Szene ist eindeutig. Dort ist von „Geldherrinnen“ und „Zahlsklaven“ die Rede. Diese Begriffe verweisen auf einen Fetischcharakter, sie sind der Sadomasoszene entliehen. Die tendenziell größere Macht hat, wer sich devot gibt.

Aber nicht alle, die auf dem Sugardaddy-Portal angemeldet sind, interpretieren den Fetisch gleich. Jazz_88, die seit einem Jahr über die Seite Männer trifft, wundert sich, wie viele „Herren“ an den simpelsten Dingen scheitern. Anders als viele Frauen wünsche sie sich kein Geld zum ersten Date, sondern einen Strauß Blumen. Fast alle Männer bestellten immer dasselbe: Sushi und Champagner. Meist missglückten die Verabredungen aber schon vorher. Jazz_88 will kein Angebot für eine Nacht, wie sie sagt. Sie will vorab nicht telefonieren und keine Nacktbilder schicken. Man müsse miteinander reden, sich gut verstehen, und keiner dürfe das Gefühl haben, im Nachteil zu sein. Ihr perfekter Gegenpart dürfe nicht ständig fragen, was sie sich wünsche, sondern müsse sich selbst etwas einfallen lassen. Sie ist der Meinung, dass nicht nur Frauen auf diese Art verwöhnt werden sollten. „Wenn ich könnte, würde ich auch viel Geld für einen Mann ausgeben.“

* Namen geändert

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