Kommentar

Müller hat verstanden Planwirtschaft für E.ON

Die Marktwirtschaft abzuschaffen, ist der Traum aller Manager. Zumindest die Vorstände großer Unternehmen stellen sich immer wieder dieselbe Frage: Wie kann ich die Konkurrenz in Schach halten? Kosten senken, neue Produkte anbieten, Kunden gewinnen und hin und wieder die Behörden bestechen - das sind die üblichen Mittel. Aber noch viel besser wäre es, die Konkurrenz so weit aufzukaufen, dass ich mit den Innovationen und Winkelzügen der anderen gar nicht mehr rechnen muss. Den Markt beherrschen und langfristig kalkulieren, also Monopol und Planwirtschaft - das wäre zweifellos eine schönere Welt.
Gott sei Dank haben wir ja unseren Müller in der Regierung, unseren Ex-Kollegen, der womöglich nach dem 22. September zu uns in den Vorstand möchte, wird sich E.ON-Chef Hartmann gedacht haben. Müller wird doch verstehen, dass er ohne Vorleistung kaum Chancen hätte, von uns einen Millionen-Vertrag zu bekommen. Müller hat verstanden, und Hartmanns Traum, ein von lästiger Konkurrenz weitgehend befreiter Energiemarkt, geht nun in Erfüllung, obwohl nirgends ein übergeordnetes, gesamtwirtschaftliches Interesse an dem Kauf der Ruhrgas AG durch E.ON erkennbar ist.
Nach den bayerischen Amigo-, Bäder- und Landesbankaffären, nach dem Kohlschen Spendensumpf und dem Kölner Klüngel schreibt Werner Müller ein neues, eher amerikanisches Kapitel politischer Korruption. In den USA ist es bei Regierungsvertretern üblich, die Aussicht auf Vorstandsposten in der Privatwirtschaft durch wohlwollendes Verhalten zu Gunsten des späteren Arbeitgebers zu verbessern. Auch hier zu Lande werden die Grenzen allmählich fließend, weil sich die Politik immer mehr als Serviceagentur für Konzerninteressen missbrauchen lässt und weil so mancher Minister nicht nur den Standort, sondern auch sein eigenes Konto pflegt.
Einen "Tiefstand der politischen Moral" beklagt deshalb zu Recht der nicht zu verbaler Radikalität neigende "Bund der Energieverbraucher" und fügt hinzu: "Die Fusion lässt ein weltweit einzigartiges Energieimperium entstehen, das durch seinen Zugriff sowohl auf die Energiebeschaffung, als auch auf die Endkunden alle möglichen Konkurrenten in die Knie zwingen kann. Das Bemühen um stärkeren Wettbewerb im Energiebereich ist damit endgültig als gescheitert zu betrachten. Den Schaden tragen die Energiekunden, vor allem aber die privaten Verbraucher."
Wie hoch auf Grund des künftigen Preisdiktats die Mehrkosten für private Haushalte sein werden, weiß heute niemand. Angesichts der Marktvolumens für Strom und Gas könnten aber schnell einige Milliarden Euro zusammenkommen, die - als Ökosteuer besonderer Art - in die Kasse eines Konzerns fließen, der sich ansonsten nicht scheut, den "ausufernden Steuerstaat" öffentlich zu geißeln.

00:00 12.07.2002

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