Kommunist geblieben

Gut altern Unser Autor ist ein 68er. Viele aus seiner Generation wollen von den alten Idealen nichts mehr hören. Schade eigentlich
Kommunist geblieben
Das ist das Leben, die kurze Melancholie utopischer Gedanken, was hat das mit Mao zu tun?

Foto: Zuma/DDP

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Wer in seiner Jugend kein Kommunist war, hat kein Herz, wer es im Alter immer noch ist, keinen Verstand: Etwas hat mich an diesem Zitat von Bertrand Russell immer gestört. Sei es, dass der Kommunismus als pubertäre Erscheinung gedacht wurde, sei es, dass Russell mit großer Selbstverständlichkeit davon ausging, dass die Idee der radikalen Gleichheit im Alter, angesichts des Todes, verblassen könnte. Die Medizin hat Gegenteiliges erforscht. Im Alter und besonders im Angesicht des Todes werden die meisten Menschen altruistisch. Ihre Liebe zum Sozialen wächst, meint Domenico Borasio, einer der bedeutendsten Palliativmediziner. Wenn einer weiß, dass das letzte Hemd keine Taschen mehr hat, kann er großzügiger werden. Er kann geben statt zu nehmen.

Betrachte ich viele meiner Freunde und Freundinnen aus der 68er-Zeit, so könnten ihre Versorgungslagen nicht unterschiedlicher sein. Viele von uns sind sich heute fremd geworden, materiell liegen wir weit auseinander. Würde man nur die etwas über 100 Menschen aus Mittelhessen erfassen, die in der Gruppe Ho Chi Minh waren, so fänden wir uns in einer Pyramide mit Hartz-IV-Empfängern bis hin zu Millionären im einstelligen Bereich wieder. Die, die des naiven Glaubens waren, es gäbe ein Paradies auf Erden jenseits von Lenin, Stalin, Mao oder Ulbricht, sind die ärmeren geblieben, haben in der Regel bis heute keine Eigentumswohnungen gekauft oder mit Aktien spekuliert. Der tätige Alltag diente dem egalitären Traum und nicht der Dividende. Kleine alternative Unternehmen wurden gegründet, selbstständige Anwält*innen schufteten zwölf Stunden am Tag, Sozialarbeiter wurden zu parteilichen Begleitern ohne Feierabend ihrer Klientel. Vierzig Jahre später kam die Rente.

Betrachten wir die Pyramide noch etwas genauer. In der Mitte stehen die Lehrer*innen, zugegeben, die hatten meist ein langweiliges Leben, aber Achim zum Beispiel, der die DKP mitgegründet hatte, wurde doch Schulleiter in der A15-Besoldung, er hat heute eine kleine Villa und eine Pension von mehr als 4.000 Euro. Er hatte Glück, kein Berufsverbot, anders der Mann meiner Antiquarin, promoviert, ein Messie und 480 Euro Altersversorgung. Die meisten Maoisten, die durch die Schlupflöcher kamen und kein Berufsverbot erhielten, wurden wenigstens Amtsleiter, wie Lothar, der redet nicht mehr über Mao, oder der grüne Bürgermeister, der den Massenmörder Pol Pot einst unterstützt hatte und heute eine Pension von 10.000 Euro erhält. Er macht Weltreisen und spendet gelegentlich. Wenige denken noch an unseren legendären Freund Hase, der hatte mit 15 Jahren schon die Deutsche Ideologie von Karl Marx gelesen, später kamen Bakunin, Adorno, Marcuse, Reich dazu, aber Alkohol und Prüfungsängste haben ihm zugesetzt und eine wissenschaftliche Karriere verhindert. Er ist heute froh, dass es den Sozialstaat gibt. Und da ist Gerd, der Baumpfleger geworden ist und von 650 Euro monatlich leben muss. Er spendet weiterhin für Ärzte ohne Grenzen.

Ich bin im Mittelfeld, habe mich immer gegen eine Verbeamtung ausgesprochen und die Rente liegt weit unter der eines Studienrates, sie beträgt genau 2.513 Euro im Monat. An der Spitze der Einkommensvergleiche sitzt dagegen Heinz. Er hat Millionen im Lotto gewonnen, lebt einsam in seiner Penthousewohnung und kotzt auf die Welt.

Jürgen hingegen hat eine Bauunternehmerin geheiratet; wenn man ihn erinnert, dass er mal Anarchist war, lächelt er zynisch. Aus dieser kleinen, überschaubaren Welt in der Provinz sind viele bereits verschwunden. Manche sprangen aus dem Fenster, andere nahmen Tabletten, etliche sind keine 50 Jahre alt geworden. Das ist das Leben, die kurze Melancholie utopischer Gedanken, aber was hat das mit dem Gespenst des Kommunismus zu tun?

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Ich halte mich an Brecht. „Als er siebzig war und war gebrechlich. Drängte es den Meister …“ Na, wohin drängte es ihn? In die Sicherheit? Gar nach Moskau? In den materiellen Wohlstand? Vermutlich wollte Brechts Lao-Tse einfach in der Stille verschwinden. Das spiegelt eine heutige Stimmungslage wider: „Statt sich etwa mit globaler Ungleichheit zu befassen, richten Teile der akademischen Milieus den Blick nach innen, um dort den ‚eigentlichen‘ Kern aktuell zutreffender Selbstentwürfe zu erforschen“, urteilte Michael Bröning über uns alternde 68er.

Ja, wir blicken nach innen, aber dort stoßen wir auch auf eine Frage: Soll ich nicht doch noch einmal aufbrechen, der Idee eines gelungenen Lebens da draußen noch einmal nachspüren? Das Problem ist für mich eine eben doch bequeme Pension und der drohende Bandscheibenvorfall. Das Problem ist für meine Generation, dass der Kommunismus durch die autoritären Parteigänger für immer zerstört scheint. Es begann ja nicht mit Stalin. Es begann mit dem Terror der Französischen Revolution, der Geburt des Schreckens, der Formel der historischen Notwendigkeit, der eisernen „Sache“, die für alle Barbarei herhalten musste: Stalins Gulag, Maos Orgien, Ortegas Villen, Castros Verfolgung Andersdenkender, Akte gegen die Menschlichkeit.

Und Kuba?, höre ich. Chile? Grenada? Kann man Grenada mit Kuba vergleichen? Die Revolution in Grenada war menschlich, erotisch. Sie dauerte drei Monate, dann haben die Amerikaner interveniert und fast alle erschossen. Das war zu kurz, das war zu klein, das reicht nicht für das Alter und den Traum und die Rehabilitation, zu stark die Bilder der Moskauer Prozesse und der Massengräber Kambodschas.

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Männer klammerten sich schon immer an die Macht, es wird oft schlimmer, wenn sie altern, da helfen keine Turnschuhe, nur Beraterverträge. Joschka Fischer, Winfried Kretschmann, dicke Esel wie Joscha Schmierer oder Rezzo Schlauch, sie lachen über die Torheit, im Alter noch Kommunist sein zu wollen. Auch Wolf Biermann hat die rote Fahne längst eingerollt. „Aber die gute Idee und der Vater, der als Kommunist im KZ starb: Verpflichtet das nicht?“, frage ich ihn. Biermann schweigt und das fällt ihm schwer. Was ist mit den Männern und Frauen der Pariser Kommune, füge ich hinzu. Was mit dem Massaker, das an den Menschen verübt worden ist, die das erste großen Rätemodell der Neuzeit probten? Hinter all dem Elend, das der Kommunismus angerichtet hat, kann man hier etwas anderes erkennen: Rosa Luxemburg und Angela Davis, die Internationalen Brigaden in Spanien, Heinz Brandt, den die SED entführte, und Toni Negri. Auch die Opposition gegen Walter Ulbricht, Menschen wie Walter Ziller, der sich 1957 im Namen der Utopie des Kommunismus das Leben nahm. All die Unterlegenen, die nie so alt wurden wie meine Freunde, die linken Rentner oder ich.

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Okay, da ist also was. Aber bleibt man deshalb Kommunist? Aus Solidarität mit den Opfern? Es wäre nicht der schlechteste Grund. Der Radikalenerlass von 1972 schuf in Deutschland neue Opfer. 30 Jahre nach der Nazizeit wurden „Kommunisten“ ins innere und äußere Exil getrieben. Der Sozialpsychologe Peter Brückner ist an diesen Zuständen fast noch jung kaputt gegangen. Das „Abseits als sicherer Ort“, und wenn es das Gefängnis war. Der italienische Philosoph Toni Negri ist mit 87 Jahren und jahrzehntelanger Haft dagegen nicht müde geworden, den Fährten des Glücks und des Kommunismus zu folgen.

Hannah Arendt hat daran erinnert, dass die amerikanischen Revolutionäre die Freiheit, nicht die (unlösbare) soziale Frage zum Ziel hatten. Ist das der Schlüssel für ein neues Verständnis von Kommunismus? Ausgerechnet Amerika? Die Verfassung Amerikas verspricht den Menschen Glück. Mein Gott, welches Wagnis. Aber ist das Glück nicht bloß eine individuelle Kategorie? In der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juni 1776 ist das Glück vom Persönlichen ins Öffentliche gerutscht, sogar zu einer konstitutionellen Kategorie aufgerückt. Skepsis bleibt, das Glückstreben kann rasch zu einer Legitimation von Gier und Habsucht werden.

Thomas Jefferson hatte eine Vorlage für seine spätere Menschenrechtserklärung, die Virginia Declaration of Rights. Darin wird das Recht eines jeden Menschen auf den Genuss des Lebens, der Freiheit und des Eigentums postuliert. Eigentum und Besitz wurden verstanden als Mittel zum Erwerb von Glück und Sicherheit, nicht als Macht. Denn zugleich war Jefferson davon überzeugt, dass wahre Demokratie nur über die Räte, über dezentrale, kleinere Einheiten, möglich sei. Am Morgen einer großen Revolution, die sich nicht an der „Sache“ oder der historischen Notwendigkeit orientierte, stand die Idee der Rätedemokratie, gepaart mit dem Gedanken des Glücks. „Wenn es erst keinen mehr im Staate gibt, der nicht Mitglied eines seiner Räte ist, seien diese groß oder klein, wird er sich eher das Herz aus dem Leib reißen, als sich seine Macht entwinden lassen durch irgendeinen Caesar oder Bonaparte.“ Der US-amerikanische Ex-Präsident war achtzig Jahre alt, als er dies schrieb, und seine Worte sind jung und wild.

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Sicher, einige von uns aus der Gruppe Ho Chi Minh müssten etwas von ihrem Reichtum abgeben, andere würden Freiheit gewinnen und das Glück finden. Im Prozess des Alterns spielt die Frage des Glücks wieder eine größere Rolle. Die Frage der Gesundheit ist eine Frage der Lebensweise, auch der guter Gene, klar. Das Alter kann milde im Handeln machen, aber radikal im Denken bleiben. Es kann erkennen, dass im Teilen ein Glück liegt. Es darf die Dinge neu deuten und darin ein Glück erkennen. Es darf erkennen, was damals nicht erkennbar war, das Alter darf sich sogar fröhlich bekennen zu alten Ideen, zur Pariser Kommune etwa. Ja, im Alter könnte man glücklich sein: Freiheit, Gleichheit und Utopie schätzen, um sie im letzten Atemzug wieder zu verlieren.

Christoph Nix, geb. 1954, ist Intendant der Tiroler Volksschauspiele und Professor für Bühnenrecht an der Universität Bremen. Meist ist er in Afrika unterwegs. Sein Roman Junge Hunde ist 2008 im Verlag Das Neue Berlin erschienen und erzählt die Geschichte der Gruppe Ho Chi Minh in Herborn

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06:00 07.06.2021

Ausgabe 24/2021

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