Komparse des Terrors

Berliner Abende Kolumne

Mein Freund Ralph ist zu beneiden. Sein Leben ist voller Szenenwechsel - viel bunter und lustiger als meins. Und jetzt wird alles noch schöner. Dies verdankt er dem internationalen Terrorismus. Ralph kann endlich seinem Affen Zucker geben und sein Hobby zum Beruf machen. Bis dahin war es ein langer, steiniger Weg. Aber Ralph bewies Talent und Ausdauer. Jetzt zahlt sich die Sache endlich aus. Hauptsache, das mit dem Terrorismus ist keine Eintagsfliege! Nee, lass mal, tröste ich ihn, da geht bestimmt noch was.

Ralphs Hobby, das nun sein Beruf wird, ist weder lukrativer Lösegeldschmuggel noch arbeitet er in verschwitzten, übernächtigten Krisenstäben. Ralphs Profession ist die Kleindarstellerei. Bis dato stümperte er sich bei Filmaufnahmen und Opernaufführungen so leidlich durch. Am Tegeler Airport gab er einen Passanten, während Evelyn "Adelheid" Hamann einen Steward betörte. ("Was für eine grässliche Ziege!", stöhnte Ralph nach dem Job.) Über die Bretter der Deutschen Oper schlich er als schwarzgeschmierter Sklave im Aida-Tross. ("Schnell hinten rum und noch mal auf die Bühne.") Das brachte ihm immer ein paar Euro. Aber auf die Dauer?

Im wahren Leben hat Ralph auch so rumgehurt. Mal hier, mal da. Krankenwagenfahrer, Friedhofsgärtner, Museumsaufsicht. Das hat er alles durch. Jetzt kommt endlich Kontinuität ins Spiel.

Blut geleckt hat er im vergangenen November. Da wurde ein Fanblock im Olympiastadion evakuiert. Es war eine Übung der Berliner Feuerwehr, und der freundliche Brandschützer, der abends bei "Aida" in der Gasse saß, hatte Ralph den Tipp gegeben. Kostümiert als Hertha-Fan lernte Ralph ein paar Schlachtrufe. ("Zecke, beiß dich fest!") Den Rest besorgten die Retter. Ralphs nächster Job war eine vorweihnachtliche Übung im Bahnhof Alexanderplatz. Seither wird er von der Berliner Innenverwaltung als Kartei-Leiche geführt. Von einer Bombe fast in Stücke gerissen, auf einer Baustelle verschüttet, im Eis eingebrochen - Ralph ist für alles zu haben, Anruf genügt.

Bei einer Kleindarstellerei haben wir uns übrigens auch kennen gelernt, Ralph und ich. Ein DEFA-Regisseur, dessen Namen ich vergessen habe, drehte Ende der Achtziger einen Film über Albert Einstein. Der Film muss so grottenschlecht geworden sein, dass er nicht mal im vergangenen Einstein-Jahr vom MDR wiederholt wurde. Das will schon was heißen! Ich hoffe, es lag nicht an Ralph und mir. Wir saßen als Studenten in Einsteins Vorlesung, kapierten nichts, anschließend skandierten wir vor der Tür Naziparolen und ließen die jüdischen Kommilitonen nicht in die Humboldt-Uni rein. In den Drehpausen hingen wir so rum und quatschten über Gott und die Welt. Ralph, der einen Ausreiseantrag laufen hatte, war gerade von seinem Krankenwagen ab- und in die Friedhofsgärtnerei eingestiegen, eine logische Konsequenz, wie ich fand.

So ging es weiter bei ihm, bis heute. An diesem Wochenende nun erreicht seine Karriere ihren vorläufigen Höhepunkt, bevor Tourneen durch ganz Deutschland und später in alle Welt folgen werden. Ralph ist aufgeregt, aber was soll´s, Lampenfieber gehört zu seinem Beruf. Am Bahnhof Gesundbrunnen wird es einen Chemieunfall geben. Zahlreiche Statisten werden Reisende spielen, die einer gefährlichen Chemikalie ausgesetzt waren. Man wird einen Dekontaminierungsplatz einrichten, wo die verätzten Herren und Damen Kleindarsteller hingebracht und entgiftet werden. Zur selben Zeit wird ein Brand in einer Klinik aus- und in einem Mariendorfer Stadion die Tribüne einbrechen. Allerhand los in Berlin.

Ralph weiß noch nicht, wo sein Auftritt stattfindet. Das ärgert ihn. Er improvisiert nämlich nicht gern. Da neige ich zur Übertreibung, sagt er. Ich drücke ihm die Daumen, dass man ihn in die eingestürzte Tribüne klemmt. Da kann er seine schon erprobten Schlachtrufe schreien und zappeln und winken und zwischendurch auch mal mit dem Handy ein paar Freunde anrufen, mich zum Beispiel. Natürlich nur, wenn die Sonne scheint. Bei Regen ist diese Rolle Mist.

Die Berliner Feuerwehr jammert übrigens, erzählte mir Ralph, dass sie mit lauter schrottreifen Notarztwagen herumfahren muss. Sechs Jahre und älter seien die. Da kann er nur lachen. Sein Bock im Ostberliner Rettungsamt damals hatte stolze 13 auf dem Buckel - und war noch ein Vorzeigestück. Wenn die Rotkreuz-Kollegen aus der Provinz kamen und einen Notfall brachten, wählten sie stets einen klapprigen Oldtimer aus ihrem Fuhrpark und hofften, dass er unterwegs schlapp macht. Nicht der Kranke. Das Auto. Dann durfte er nämlich in die Berliner Werkstatt und musste dort repariert werden. So kam man zu einer neuen Federung und wieder besser über die Schlaglöcher.

Da haben wir es, sage ich zu Ralph. Das Merkel-Phänomen. Die Ossis sind die besseren Wessis. Sie haben die Zukunft schon hinter sich. Und du als Terroropfer, füge ich hinzu, du sowieso.


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00:00 10.03.2006

Ausgabe 39/2020

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