Kompromisse sind nicht ihr Ding

Kino Der legendäre ManU-Star Eric Cantona spielt die Hauptrolle im neuen Film von Ken Loach. Den Schritt vom Fußballer zum Schauspieler findet er ganz natürlich

9. April 2008: Die beiden werden zum ersten Mal zusammen gesehen. Keiner kann es so richtig glauben. Ken Loach sitzt neben Eric Cantona auf der Ehrentribune von Old Trafford und schaut sich das Champions-League-Spiel von Manchester United gegen den AS Rom an. Da kann doch etwas nicht stimmen: Ken Loach, der puritanisch-sozialistische Filmemacher, der Bonzenvereine wie ManU verachtet und für gewöhnlich wohl eher Bath City in der Regionalliga unterstützt und der vor 42 Jahren zum letzten Mal mit einem Star gearbeitet hat – natürlich machten sofort ironische Kommentare und Gerüchte die Runde.

16. Juni 2008: Eric Cantona steht in einem Pub in Manchester und flüstert einem abgewetzten, unrasierten Typen geheimnisvolle Weisheiten ins Ohr. Cantona spielt den großen Eric, das heißt sich selbst. Der andere Mann ist der kleine Eric, ein Briefträger, der eines Tages durchgedreht ist und in einem Kreisverkehr entgegen der Fahrrichtung seine Runden drehte, bis die Polizei kam; der schließlich in eine psychatrische Anstalt eingewiesen wurde, nach seiner Entlassung zuviel Hasch geraucht hat und nun glaubt, sein Idol, der Fußballspieler Eric Cantona, sei sein Freund und Mentor geworden. „Wer Disteln säht, soll Dornen ernten“, flüstert Big Eric, der große, bärtige Superheld, Little Eric mit drängender Stimme ins Ohr. „Was?“, fragt der kleine Eric. „Wenn sie schneller sind als du, versuche nicht, ihnen davonzulaufen“, sagt der große Eric und wird aphoristisch. „Wenn sie größer sind als du, versuche nicht, weiter zu springen als sie. Wenn sie auf der linken Seite schneller sind, dann wechsle auf die rechte Seite. Denk daran: Wenn du sie überraschen willst, musst du zuerst einmal dich selbst überraschen.“

Skrupelloser magischer Realismus

Das ist einerseits nicht ganz ernst gemeint, berührt auf der anderen Seite aber schon den Kern der Geschichte. Little Eric lernt, dass er positiv denken und etwas riskieren muss, um im Leben eine Chance zu bekommen. Looking for Eric ist darüber hinaus auch ein Film über so etwas Altmodisches wie Solidarität – Cantona schärft dem Postboten ein, dass er immer auf seine Mitspieler vertrauen muss, was dieser im Laufe des Filmes immer mehr verinnerlicht.

Looking for Eric ist Ken Loachs erste Komödie seit 20 Jahren. Es ist ein wunderbarer, sehr menschlicher Wohlfühlfilm. Aber wie man es von einem echten Ken Loach nicht anders erwarten würde, zeigt er nebenbei auch immer wieder Momente tiefster Verzweiflung. Es geht um gebrochene Männer, Drogen, Armut, Gewalt, Betrug, Korruption. Eigentlich nichts Neues für den Regisseur, außer, dass er seinen skrupellosen Realismus gegen einen skrupellosen Magischen Realismus eingetauscht hat.

Cantonas Produktionsfirma war ursprünglich mit der Idee an Loach herangetreten, einen Film über das Verhältnis eines Fußballers zu einem Fan zu machen, der diesem zum Freund geworden war. Loach und seinem eigentlichen Drehbuchschreiber gefiel die Idee nicht besonders, aber sie wollten schon immer einmal einen Film über Fußball machen, und so brachen sie schließlich ihre goldene Regel, nicht mit berühmten Schauspielern zu arbeiten.

Laventry dachte sich die Geschichte über die beiden Erics aus – Eric, das Idol und Eric, der Fan. Das funktionierte mit einem berühmten Menschen, vielleicht kam man dabei sogar dem Wesen des Berühmt-Seins auf die Spur – wie Stars wahrgenommen und vergöttert werden und wie ihr Leben tatsächlich aussieht. Während Cantona größer ist als seine physische Erscheinung, kommt es Eric dem Briefträger so vor, als sei er selbst für seine Freunde unsichtbar geworden, entstellt durch seine Unsicherheit und verloren in seinen Erinnerungen.

Loach und Cantona sind zwei ungemein kompromisslose Menschen. Der nunmehr 72-jährige Loach hat zwar schon zahlreiche europäische Filmpreise gewonnen, hat aber seit 1969 mit Kes keinen kommerziellen Erfolg mehr in Großbritannien gehabt. Er arbeitet oft mit ganz normalen Menschen anstatt mit ausgebildeten Profis, zeigt seinen Schaupielern oft nicht das ganze Drehbuch, um sie immer wieder mit dem Fortgang der Handlung zu überraschen. Auch wenn er eher einen ruhigen Eindruck macht, ist er niemand, der sich zurückhält.

Frühes Ende einer Fußballerkarriere

Verglichen mit Cantona wirkt er allerdings geradezu wie ein Diplomat. 1987 erhielt dieser eine Strafe, weil er seinem Mannschaftskollegen Bruno Martini ins Gesicht geschlagen hatte. Im Jahr darauf erhielt er eine einjährige Länderspielsperre, nachdem er den Trainer der französischen Mannschaft einen Scheißhaufen genannt hatte. In Montpellier verlangten sechs Spieler seine Entlassung, nachdem er einem Mitspieler seine Fußballschuhe ins Gesicht geschmissen hatte. 1991 bewarf er einen Schiedsrichter mit einem Ball und als er bei der folgenden Anhörung für einen Monat gesperrt wurde, ging er zu jedem einzelnen Jury-Mitglied um ihm zu sagen, was für ein Idiot er sei. Als seine Strafe daraufhin erhöht wurde, erklärte er, er würde seine Fußballschuhe an den Nagel hängen. Er änderte seine Meinung dann aber noch einmal, kam zurück und spielte bei Leeds und Manchester United den besten Fußball seines Lebens. Alex Ferguson sagte einmal, Cantona unter Vertrag genommen zu haben sei der wichtigste Abschluss gewesen, den er als Trainer je getätigt habe. Während seiner sechs Spielzeiten in der englischen Premier-League gewann er in jedem Jahr die Meisterschaft, außer 1995, wo er für neun Monate gesperrt war, weil er einen Fan der gegnerischen Mannschaft Chrystal Palace mit einem Kung-Fu-Tritt angegriffen hatte.

Nachdem er seine Sperre abgesessen hatte, schoss er gegen Sunderland eines der großartigsten Tore, die je erzielt wurden, ließ mit einer Körperdrehung drei Verteidiger ins Leere laufen, spielte einen Doppelpass mit Brian McClair, um den Ball dann auf unglaubliche Weise wie in Zeitlupe ins obere Eck zu schlenzen. Er beendete seine Profikarriere schon mit 30, obwohl er weder mit Verletzungen zu kämpfen hatte noch irgendein Trauma miterlebt hatte – er hatte einfach genug. Während Loach lange Zeit in Frankreich verehrt, zuhause in England aber ignoriert wurde, ist Cantona in England auch zwölf Jahre nach Beendigung seiner Karriere in England noch ein Held. In Frankreich dagegen gilt er eher als ein Außenseiter, der unter seinen Möglichkeiten blieb – und das obwohl er in 45 Spielen für die Nationalmannschaft 20 Treffer erzielte. Nach dem Ende seiner Fußballerkarriere hat er immer wieder in französischen Kinofilmen mitgespielt.

Er glaubt, der moderne Sport habe durch die enorm gestiegenen Ticketpreise seine proletarischen Wurzeln verraten. „Die wahren Fußballfans kommen aus der Arbeiterklasse. Heutzutage können die es sich aber nicht mehr leisten, ins Stadion zu kommen und die Spiele zu sehen. Wenn sie vielleicht mal wieder Fans brauchen, dann werden sie Schwierigkeiten kriegen und merkten, dass sie falsch gehandelt haben. Die Leute, die heute ins Stadion kommen, tun dies aus den falschen Gründen.“

Für den heute 42-jährigen Cantona ist Fußball ebenso sehr eine Kunstform wie eine Sportart. Als Paul Laventry das Drehbuch schrieb, fragte er ihn nach einem herausragenden Augenblick in seiner Karriere. Cantona erwähnte daraufhin nicht eines seiner berühmten Tore, sondern einen geschlenzten Pass zu Ryan Giggs. Für ihn ist der Schritt vom Fußballer hin zum Schauspieler ein ganz natürlicher, die Schauspielerei ist für ihn nur eine andere Art der Performance. In einer Szene des Filmes spielt Cantona vor dem Hintergrund der Skyline Manchesters Trompete, während der kleine Eric die Post austrägt. Er setzt das Instrument an die Lippen und spielt die Marseillaise – obwohl man diese eindeutig erkennen kann, spielt er doch hoffnungslos daneben und trifft kaum einen Ton richtig. „Trompete-Spielen ist nicht gerade Big Erics Stärke“, sagt Laverty. „Ich glaube, ich wollte damit zeigen, dass selbst Big Eric sich wie jeder andere abrackern muss. Auch er ist wie Little Eric ein mit Mängeln behaftetes menschliches Wesen in diesem Abenteuer, das wir Leben nennen.“


Als er damals den Chrystal-Palace-Fan anging, wusste er da, was er tat? „Nein. Ich habe einfach als Mensch reagiert. Aus meiner Persönlichkeit heraus. Erst danach denke ich.“ So hat er immer gelebt, im Guten wie in Schlechten – erst handeln, dann denken. Hat er die Aktion bereut? „Nein. Ich mag es nicht, wenn Leute sagen: ‚Ich hatte eine schwere Zeit.“ Ich habe sie überstanden, viel daraus gelernt und jetzt bin ich ein Mann. Jede Erfahrung macht einen zu einem Mann.“

1997 sagte er ManU-Trainer Alex Fergusson, er wolle sich aus dem Fußball zurückziehen, weil er die Leidenschaft verloren habe. War er davon selbst überrascht? „Ja. Es passierte weil ich das Gefühl hatte, mich nicht mehr verbessern zu können. Man muss sich sagen: "Ich kann mit jedem Mal besser werden.“ Eines Tages stellt man aber fest, dass das nicht mehr geht und verliert einen Teil seiner Leidenschaft.“ Außerdem, sagt er, habe er die Fähigkeit verloren, sich selbst zu überraschen.

Cantonas Stolz würde es weder ihm selbst, noch uns erlauben, Zeuge seines Niedergangs als Fußballer zu werden. Doch der Ruhestand war nicht einfach für ihn. Stimmt es, dass er ihn einmal mit dem Sterben verglich? „Ja, so war es auch. Doch ich hatte das schon einmal erlebt. Als ich 24 war, zog ich mich einmal für zwei, drei Monate vom Fußball zurück. Und ich dachte wirklich, ich höre auf. Es fühlte sich an wie der Tod. Für mich selbst und für die Leute in meiner Umgebung.“ Ein schmerzhaftes Erlebnis sei das gewesen, aber auf seltsame Weise habe er es auch genossen. „Es gefiel mir. Viele träumen davon, bei der eigenen Beerdigung anwesend zu sein, um die Reaktionen der anderen sehen zu können.“ Und wie waren die Reaktionen? „Die Leute haben versucht, mich von dieser Entscheidung abzubringen. Doch sie merkten schnell, dass es besser war, wenn sie nichts sagten. Ich lebe lieber diese Art von Tod, als mich selbst zu töten.“

Vielleicht kann er deshalb so gut mit Eric dem Postboten mitfühlen – er hat zwar enorme Höhen erklommen, entgegen allem Anschein aber auch ein Gespür für seine eigene Verwundbarkeit entwickelt. Der Höhepunkt einer Fußballerkarriere ist von so kurzer Dauer, dass es unwahrscheinlich ist, dass er in seinem Leben je wieder so gut sein wird.

Cantona und Loach: Zwei Sturköpfe, die sich gefunden haben

Was bewunderte Loach am meisten am Fußballer Cantona? „Er war ein Spieler mit vollendetem Geschick und großer Frechheit.“ Der Regisseur kichert: „Er ist sehr groß.“ Dann sammelt er sich wieder und sagt: „Für die meisten Fußball-Liebhaber drückte sich in Erics Spiel eine sehr starke Persönlichkeit aus, die Freude am Fußball vermittelte.“

Uns was bewundert Cantona an Loach, dem Filmemacher? „Dass seine Sachen so real sind wie Dokumentationen. Und mir gefällt, dass man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Wenn zum Beispiel in Riff-Raff dieses Mädchen in dem Pub singt, lacht man, weil sie nicht gut singen kann. Gleichzeitig könnte einen die Weise, wie diese Szene gedreht ist, zum Weinen bringen. Ein seltsames Gefühl.“ Als die Rede auf die vielen Konflikte in den Karrieren der beiden kommt, stimmen sowohl Cantona als auch Loach überein, dass das Wort „Kompromiss“ nicht zu ihren liebsten zählt.

Irgendwie doch schon wieder erstaunlich, dass es zwischen zwei solchen Sturköpfen zu einer Zusammenarbeit kam und beide diese auch noch genossen.
„Das hat nichts mit Sturköpfigkeit zu tun,“ sagt Loach. „Ich bin eher der Ansicht, dass das Leben zu kurz ist, um sich zu verkaufen. Warum sich am Ende ärgern müssen? Es ist einfacher, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, als einen Kompromiss einzugehen, mit dem man nicht glücklich ist. Das bereut man dann für den Rest seines Lebens.“ Er schaut Cantona an und der schaut zurück. „Ganz genau“, sagt der Ex-Fußballer dann.

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Holger Hutt / Zilla Hofman
13:30 22.05.2009

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