Kondolenz für his holiness

Alltag In Äthiopien leben neben Muslimen vor allem orthodoxe Christen. Die Nachricht vom Tod des Papstes kommt hier mit Verspätung an

Am Samstag, dem 2. April, waren wir endlich einmal fern von Addis Abeba, 120 Kilometer im Norden, direkt am afrikanischen Grabenbruch. Von der alten Königsstadt Ankober aus blickt man aus knapp 3.000 Meter Höhe auf die atemberaubende 2.000 Meter tiefer gelegene Awash-Ebene. Kaiser Menelik II. residierte dort auf einem Hügel, auf dem für Touristen behelfsmäßig ein paar Lodges an die Zivilisation angeschlossen worden sind. Über Telefonleitungen, festgemacht an den Porzellanglocken von Telegraphenmasten, fließt ein wenig Strom, das Leitungswasser kommt per Lastwagen in die Tanks, Telefon gibt es keines. Und weil nach unserer Rückkehr am Montag die örtlichen Zeitungen nicht die kleinste Meldung gebracht hatten, erfuhr ich vom Tod des Papstes mit ganzen drei Tagen Verspätung.

Was nicht daran liegt, dass Äthiopien kein religiöses Land wäre - im Gegenteil. Die Bevölkerung spaltet sich in 40 Prozent Muslime und noch einmal so viele orthodoxe Christen. Konflikte gibt es nicht, was womöglich daran liegt, dass die äthiopische Orthodoxie, eine der ältesten christlichen Glaubensgemeinschaften überhaupt, in ihren Bräuchen den Muslimen in vielem nicht nachsteht. Beide meiden den Alkohol, essen in der Fastenzeit nach bestimmten Regeln kein Fleisch, ziehen zum Beten die Schuhe aus, benutzen dazu Matten, knien und verneigen sich tief; die jungen muslimischen Frauen verhüllen ihr Haar, die orthodoxen ebenfalls, wenn auch nur, wenn sie an Feiertagen in weiße Tücher gehüllt in die Kirchen strömen. Ob immer oder manchmal, ob nach Osten oder in Richtung Kirche, ob vor Ostern oder während des Ramadans, das sind Unterschiede, die durch Ähnlichkeiten bei weitem aufgewogen werden.

Jüngst haben die Orthodoxen in einem Ellenbogenakt noch einmal nachgezogen. Seit wenigen Jahren wird der Gottesdienst - gerüchteweise durch von US-Ablegern bezahlte Beschallungseinrichtungen - megawattstark aus der Kirche hinausgetragen. Während der Ruf des Muezzins wie eh und je um vier Uhr früh und um die Mittagszeit zum Gebet ruft, singt (und schimpft) es nun, und zwar durchgehend, auch aus dem Megaphon der Priester: Morgens von fünf bis neun, abends von fünf bis sieben - an allen Feiertagen. Äthiopien hat, was übrigens auch volkswirtschaftlich ein Desaster ist, davon nicht weniger als 120 im Jahr.

Der ohrenbetäubende Lärm, mit dem uns die von unserem Domizil 1.000 Meter entfernte Kirche St. Michael zur Verzweiflung treibt, ist durchaus auch der Bevölkerung von Addis ein Dorn im Auge. Das, sagt mein Stammtaxifahrer, der sich während der Fahrt vor jedem Gotteshaus bekreuzigt, sei eben die Kirche, hier könne "my government" nichts tun. Eine äthiopische Kollegin, die schon lange an einem Artikel darüber schreibt, hat ihn bislang nicht ins Blatt gebracht. Wie in Russland ist die orthodoxe Kirche in der Zeit nach dem poststalinistischen Mengistu-Regime, das von 1974 bis 1991 herrschte, in ungeahnter Weise erstarkt. Viele der oktogonalen, an Pagoden erinnernden Sakralbauten, die zu dem Wenigen gehören, das in der 150 Jahre jungen Stadt Addis "alt" ist, sind bereits ersetzt worden. An ihre Stelle treten ebenso kostspielige wie kitschige Repräsentativbauten, die mit riesigen Kuppeln den russischen Vorbildern nacheifern - obwohl in religiöser Hinsicht die äthiopische Orthodoxie, hervorgegangen aus der koptischen Kirche Ägyptens, absolut eigenständig ist.

St. Michael gehört noch zu den traditionellen Bauten. Was denken die Priester und ihre Gläubigen dort über den Wechsel im Vatikan?, hatte ich letzte Woche zu erfragen den Auftrag und fuhr deshalb die steinige Straße hinauf zum Torbogen, an dem das Kirchengelände beginnt. Blickt man zurück, sieht man auf die Bergketten um Addis und auf Gläubige, die unrein sind und deshalb davor sitzen bleiben. Innen bieten, auf einem hektargroßen Feld aus blanker Erde, wenige Zedern, Oliven- und Affenbrotbäume den Reineren Sonnen- und Regenschutz. Noch Reinere stehen um die Kirche im Hof. Und nur den Reinsten ist die Eucharistie im Inneren der Kirche vorbehalten, wofür die Regeln so streng sein sollen, dass man dort nur auf Mönche, Kinder und sehr, sehr alte Menschen trifft.

"Da willst du wirklich hineingehen?", brüllt mir meine Begleiterin unter der betäubenden Liturgie ins Ohr, die in Ge´ez, dem Latein der Äthiopier, aus dem Megaphon schallt. "Professionalität geht vor Pietät", entgegne ich knapp. In dem Moment schneiden uns drei Wachleute den Weg ab - und wollen uns den Weg zu einer Felsenkirche zeigen, die, wie die weltberühmten Vorbilder von Lalibela, aus einem Stück in den Felsen gehauen ist und 300 Meter oberhalb von St. Michael liegt. Im Kampf gegen die italienischen Kolonisatoren diente sie als Unterschlupf und wurde von der italienischen Luftwaffe zerbombt. Dass wir uns nur für den kümmerlichen Nutzbau interessieren, auf dessen Stufen mit Plastikfolie Kacheln imitiert sind, versetzt die Wachmänner nicht schlecht in Staunen. Der Mut hat uns übrigens dann doch noch verlassen. Ohnehin war ja nicht davon auszugehen, dass die orthodoxen Priester hier Englisch sprechen, und als wir ersatzweise den Gläubigen um uns herum meine Frage zubrüllen, reagieren sie mit Gesten der Hilflosigkeit - ob nun aus Sprach- oder anderen Verständnisschwierigkeiten.

Fest steht: Auch beim Wechsel auf dem Heiligen Stuhl bleibt die katholische Kirche in Äthiopien, was sie immer war: unauffällig. Das gilt allerdings nicht für ihr Botschaftsgebäude, denn wie alle europäischen Staaten hatte der Vatikan von Menelik II. Ende des 19. Jahrhunderts ein riesiges Grundstück erhalten: eine von stacheldrahtgekrönten Mauern umgebene Bastion, in die kaum einer seinen Fuß gesetzt hat, die aber im heutigen Addis ein Begriff ist. Wer zum Taxifahrer "Vatikan" sagt, meint: gen Süden.

Kurz nach dach dem Tod des Papstes war mir zu Ohren gekommen, dass der Pastor der deutschen Gemeinde sich dort ins Kondolenzbuch eingetragen hatte, und ich gelobte Nachahmung. Mit schwarzer Krawatte hielt ich vor des Vatikans Eisenpforte und hupte, jederzeit bereit, den Rückzug anzutreten. Ein Wachmann öffnete jedoch wie selbstverständlich. Die Auslage des Kondolenzbuchs sei eigentlich abgeschlossen, doch ich könne es gerne noch versuchen. So glitt ich durch exotische Blumen, Palmen und blühende Büsche eines weitläufigen Parks und hielt vor einem Kloster im Baustil der fünfziger Jahre. Durch einen Spalt sah ich in die Kapelle, wo eine Schwester in Weiß vor dem Bildnis Giovanni Paolo II. wachte. Im Haus selbst geleitete mich eine schwarz gekleidete Schwester in einen prächtigen Raum, den Leihgaben aus dem Museum des Vatikans schmückte. Da war ein Stuhl, das Buch lag noch da, und ich war der Einzige, der nun, von der Schwester diskret observiert, die Eintragungen in Ruhe studieren konnte. Sämtliche Botschaften hatten ihr Leid über den Tod von his holiness bekundet, der letzte war der Botschafter von Mali. Nun gab es kein Zurück mehr: Wie bezeugt man diesem charismatischen Kondomverächter, diesem erzkonservativen Friedenskämpfer sein Beileid?

Wieder aufgestanden hatte ich mir die Bilder aus dem echten Vatikan angesehen, als ein dezent nach Rasierwasser duftender Geistlicher weißer Hautfarbe auf mich zutrat. War es nicht so, dass Don Camillo oder Pater Brown ganz am Ende nach Äthiopien geschickt worden waren? Der Geistliche jedenfalls hieß mich in den Räumen ein weiteres Mal willkommen und erkundigte sich nach meiner Meinung: über den Rummel, der nun in Rom aufkäme, mit drei Millionen Pilgern in autoleerer Stadt, Dinge, die ich am Tag fünf danach noch nicht erfahren hatte. Die vorherigen Überlegungen halfen mir zu ein paar, wie ich fand, angemessenen Worten: der reisende Papst, der Medienpapst, der Kriegsgegner - er aber meinte nur, jeder Papst habe nun mal seine eigene Persönlichkeit, nun sei er gestorben und das Leben gehe weiter. Ich erkundigte mich nach der katholischen Kirche in Äthiopien - ja, sie habe mit nicht einmal 500.000 Schäfchen und angesichts der erdrückenden Mehrheit der Orthodoxen einen schweren Stand. Der Großpatriarch habe sich aber schon auf den Weg nach Rom gemacht, überhaupt habe er den Eindruck, es stünde jüngst um die Ökumene etwas besser. Zuvor war er in Guatemala gewesen, kam aus Spanien, hatte beim Tod von Johannes XXIII. in Rom studiert. All das klang intelligent und bescheiden. Man braucht solche Gesprächspartner. Also wollte ich wissen, mit wem ich es zu tun hatte, und bat um seine Karte, die er, "Warten Sie!", schnell aus seinem Büro holte. Darauf stand: Archbishop Ramiro Moliner Inglés. Auch das also ist Addis: Man plaudert mal eben mit dem Erzbischof.

An den Tagen danach füllten sich die Zeitungen mit langen Hintergrundartikeln. Für einen afrikanischen Papst, meinte einer der schwarzen Favoriten, sei der Westen psychologisch noch nicht reif. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass es mit Victor I., Miliades I. und Gelasius I. bereits drei afrikanische Päpste gegeben hatte. Der letzte starb allerdings im Jahr 496. Als Ratzinger gewählt worden war, reagierten die beiden englischsprachigen Tageszeitungen sofort. Es sein eine "doktrinärer deutscher Aufseher ... zum Papst gemacht worden", mit der Glaubenskongregation habe er dem "modernen Nachfahren der Inquisition" vorgestanden und Dissidenten diszipliniert.

Die Mehrzahl der Gläubigen, etwa unsere Köchin, plagte derweil ein anderes Problem: Der Prophet Mohamed hatte vergangene Woche Geburtstag, aber an welchem Tag? Am Mittwoch oder am Donnerstag? Es hing dies von vertrackten Berechnungen des Mondstandes ab - die Muftis waren sich uneins. So blieb bis zum Beginn der Woche offen, auf welchen dieser mit dem Heiligen Abend vergleichbare Feiertag fiel. Es war die Regierung, die sich schließlich zu einem Machtwort veranlasst sah: Donnerstag! Die Bevölkerung erfuhr es aus dem Radio.


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