Konferenz

A–Z Befindlichkeiten von Redakteuren bei Redaktionssitzungen sind Leserinnen und Lesern naturgemäß völlig egal. Wir bitten dennoch um Mitgefühl: Unsere Bekenntnisse der Woche

A

Anzeigen Konsequent wäre es, wenn an dieser Stelle tatsächlich eine Anzeige stünde. Format: 53 × 100 Millimeter. Preis: 385 Euro nach Rabatten. Geht nicht, jeder hat seinen Platz, genauer: seine Plätze. Und die werden eine Woche vor der nächsten Zeitungsausgabe verteilt. Das ist dann ein Hauen und Stechen, ein Geschiebe und Gezerre, so stellt man sich das vor. Nein, stimmt nicht. Aber: Eine Woche Vorlauf ist viel zu früh für uns Anzeigenleute. Weiß man doch, dass immer noch ein Kunde nach der Deadline kommt. Das bedeutet „Irakkrieg“ (so nannte das mal ein genervter Redakteur): Schon fertige Texte müssten gekürzt und Seiten neu gebaut werden.

Die Lösung für dieses Problem sind Platzhalter, von den Kollegen liebevoll „Plankos“ genannt. Kommt noch ein Kunde, setzt man ihn da hin, fertig. Und wenn nicht? Dann sucht man ab Freitag leicht beunruhigt, am Montag fieberhaft, am Dienstag verzweifelt, lockt mit Sonderrabatten und bekommt sie am Ende doch noch: die Anzeige. Johann Plank

B

Blattkritik Sie ist auch, was der Name sagt, ansonsten sehr viel mehr. Blattkritiken sind mit das Faszinierendste, was Zeitungsalltag zu bieten hat. Als betrachte man eine Röntgenaufnahme, die den Redaktionskörper bis zur letzten geschwollenen Stirnader bloßlegt. Blattkritiken können Macht- oder Schaukampf (➝ Routine), Schock- oder Schlaftherapie, Adrenalinschub oder Antidepressivum sein. Für den Kritiker lassen sich persönliche Rechnungen begleichen, Tagesformen ausleiden. Und das öffentlich. Daran ist auch der Zeitfaktor schuld. Das frische Blatt kommt Mittwoch spät aus der Druckerei, Donnerstag früh ist die Kritik fällig. Bleiben nur Stunden, Texte auszukosten. Wer mehr will, als Lesestoff mit der Formel zu ahnden: „Hab ich gern gelesen“, der muss ins Detail. Und das kann nicht nur eine Zeitfalle, sondern gefährlich sein. Wer will schon von einer 25.000- Zeichen-Textplatte erschlagen werden? Und wenn Kritiker von außen kommen, was zu selten geschieht, ist dann alles anders? In Maßen. Lutz Herden

G

Gastkritiker Bei der allwöchentlichen ➝ Blattkritik ist es guter Brauch, dass in unregelmäßigen Abständen jemand von außen gebeten wird, seine Eindrücke zu schildern. Dabei fällt auf: Berufspolitiker treffen nie ohne Begleitung ein. Am meisten Eindruck hinterließ bisher der Assistent von Anton Hofreiter. Mehrere Kollegen schwören bis heute Stein und Bein, dass der Begleiter des grünen Fraktionsvorsitzenden exakt wie Richard David Precht aussah. Die erstaunliche Ähnlichkeit überdeckt in der kollektiven Erinnerung völlig die Anmerkungen Hofreiters.

Mit der größten Involviertheit tragen treue Freitag-Leser ihre Einschätzungen vor. Ein Sonderfall hier ist Olaf Forner, Zeitungsaficionado, Straßenverkäufer im Prenzlauer Berg und, man kann es nicht anders sagen, Berliner Original. Niemand kann ein Titelthema vernichtender verreißen: „Dit läuft ja nich.“

Ansonsten ist noch ein Satz aus der Blattkritik von Claudius Seidel überliefert, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er sorgte sich um das Layout und gab einen speziellen Auftrag mit auf den Weg: „Der Freitag muss jede Woche so schön aussehen wie die Anzüge von Jakob Augstein.“ Jan Pfaff

Glenfiddich Im Westen war’s der alltagstaugliche Alkohol, im Osten die milden Quartalsabstürze, so kamen wir zueinander. Als aber das Herausgeberquartett auf den Freitag stieß, lernten wir eine neue Variante kennen. Ob wir es nun wussten oder Günter Gaus (➝ Verleger) es uns signalisiert hatte, keine Ahnung, bekannt war aber, dass er dem Whisky nicht abgeneigt war. Also wollten wir uns nicht blamieren und rückten mit dem Besten an, was der Supermarkt um die Ecke zu bieten hatte: Ballantine’s Finest. Die Reaktion war unmissverständlich: Nie wieder! Künftig also stand, wenn er kam und was jedes Mal ein Ereignis war, eine Flasche Glenfiddich auf dem Tisch.

Das erinnerte an Heiner Müller, bei dem man auch nur mit einer guten Flasche Whisky in der Hand aufkreuzen durfte. Beim WDR liebte man es brandiger. Gerüchten zufolge gehörten Mariacron oder Asbach Uralt zum festen Schreibtischinventar. Und beim Süddeutschen Rundfunk ließ man die Praktikanten schon vormittags ein Tablett mit Weinschorle holen. Ulrike Baureithel

K

Kataloge Zweimal im Jahr schicken Verlage ihre vierfarbigen Vorschauhefte mit den Neuerscheinungen der kommenden Monate. Vorgesehen sind diese eigentlich für Buchhändler, doch als Werbe- und PR-Maßnahme werden Journalisten auf die gleiche Weise informiert. Die Kataloge geben einen mal schauderhaften, dann wieder höchst entzückenden Ausblick. Es ist ein bisschen wie bei Woyzeck – jeder neue Stapel erscheint als Abgrund. Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht. Anderthalb Meter misst so ein Vorschauturm. Alles muss „gesichtet“ werden. Eilfertige Medien schreiben einen Feuilletonaufmacher mit den „wichtigsten Büchern der kommenden Saison“, selbstverständlich auf Katalogbasis. Deshalb lassen renommierte Autoren Anzahl und Positionierung ihres Buchs im Vorschaukatalog bei den Verhandlungen gleich mit in den Vertrag schreiben. Jan Drees

R

Routine Manche Fronten brachen in der jüngeren Vergangenheit in fast jeder Konferenz verbal oder mittels Körpersprache auf. Da mussten nur bestimmte Worte fallen. Boulevard – das war so ein Begriff. Für die einen das Ende der Zeitung, für die anderen erstrebenswert, bitte mehr „linken Boulevard“, Themen auf unterhaltsame Weise erzählen, sie auch personalisieren, subjektivieren. Ein Kollege von der Süddeutschen Zeitung (➝ Gastkritiker) lobte mal in der ➝ Blattkritik, der Freitag sei ja überraschend unterhaltsam. Doch das Augenverdrehen ging weiter und wurde bald Routine. Es genügte das Bild einer jungen, schönen Revolutionärin auf dem Titel der Zeitung oder Interviews mit Prominenten („Mainstream!“). Inzwischen hat sich die Meinung durchgesetzt: Reden wir mit ihnen, solange sie was Interessantes zu sagen haben. Maxi Leinkauf

S

Sitzordnung Falls Sie einmal bei uns zu Besuch sein sollten (➝ Gastkritiker), wird man Ihnen sagen, Sie können sitzen, wo Sie wollen. Was komplett gelogen ist, denn die meisten von uns haben einen Stammplatz. Michael Angele und Philip Grassmann sitzen zum Beispiel an den Kopfenden (➝ Tisch), Lutz Herden in zweiter Reihe hinten links. Andere Lieblingsplätze sind weniger leicht zu erklären: Die Stühle unter den Elektrofenstern zum Beispiel. Wer dort Platz nimmt, setzt sich zu Hause in der Badewanne vermutlich auch freiwillig auf den Stöpsel. Den Nacken krümmt zuerst die Dachschräge und dann ein Luftzug, weil immer irgendwer (im Zweifel ich) eine bessere Durchlüftung fordert. Christine Käppeler

Streitkultur Am erbittertsten wurde immer über Kleinigkeiten gestritten. Überschriften, Vorspänne oder Spitzmarken. Natürlich würde man mich jetzt sofort belehren: dass eine Überschrift eben keine Kleinigkeit sei. Wenn bei einer Zeitung die Überschriften nicht stimmen, stimmt die ganze Linie nicht. Ich denke mit einer gewissen Wehmut an diese Art Streit zurück, es gibt ihn kaum noch. Das hängt auch damit zusammen, dass große Temperamente einen Weg eingeschlagen haben, der sie weg vom Freitag führte. Wir streiten natürlich immer noch. Ich zum Beispiel rege mich fürchterlich auf, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Meinungsartikel nur so geschrieben wurde, weil der Autor, die Autorin der Ansicht war, dass das im Freitag nun einmal so stehen muss. Heute haben wir in der ➝ Blattkritik heftig über einen Artikel von Georg Seeßlen gestritten. Muss man, kann man mit Pegida-Anhängern reden? Die einen sagen so, die anderen so.

Wichtig ist, dass hinter beiden Postionen eine Haltung steckt. Im Streit wird diese Haltung gefestigt. Zur Haltung gehört auch ein Gespür für Überschriften: Stimmt sie nicht, stimmt alles andere auch nicht. Körperlich ist ein Streit noch nie geworden. Michael Angele

T

Tisch Massiv und dominierend steht er in der Mitte des großen Konferenzraums im vierten Stock am Berliner Hegelplatz. Der Redaktionstisch. Darauf, etwas verloren, eine silberne Tischklingel, die die letzten Redakteurinnen und Redakteure um zehn Uhr zur großen Konferenz ruft. Und klar, manchmal wird auch auf den Tisch gehauen (➝ Streitkultur). Fragt man den Herausgeber und Chefredakteur Jakob Augstein nach der Herkunft des alten Eichentisches, an dem sich Redaktion und Verlag jeden Donnerstag versammeln, kommt er in Erzähllaune: „Es war ein kalter Herbstmorgen, Nebelfetzen hingen in den Wipfeln, als ich die Axt schulterte und ins Gebirge ging …“

Nein, Quatsch! So dramatisch war die Entstehungsgeschichte des 3,20 Meter langen Stücks natürlich nicht. Und doch hat der Tisch, den man heute wohl am ehesten mit der Beschreibung „shabby chic antik“ in Kleinanzeigen finden würde, eine Historie. Auf seiner Oberfläche wurden nicht nur Thesen für den Freitag kreiert, er ist auch der alte Esstisch der Familie Augstein. Madeleine Richter

V

Verleger Im alten Freitag war die Macht der Verleger begrenzt. Das lag nicht daran, dass es eine ganze Verlegergruppe war, denn einer ragte heraus, der Psychoanalytiker Willi Brüggen als Hauptgeldgeber. Jede Woche versammelte sich zwar die Redaktionsleitung in seiner Wohnung, und gelegentlich erschien er bei der Redaktionskonferenz, um zu sagen, was ihm missfiel. Doch die Zeitung war ein hybrides Gebilde – trotz aller Leitungsstrukturen blieb sie irgendwie selbstverwaltet, sodass sich auch der Verleger nicht immer durchsetzen konnte. Außerdem hatte er es mit den Herausgebern zu tun, besonders mit Günter Gaus (➝ Glenfiddich), der sich seiner Autorität sehr bewusst war.

Dass Willi Brüggen kein Journalist war, spielte keine so große Rolle. Im Gegenteil, möchte man fast sagen. Die Verlegergruppe bestand ja überwiegend aus Journalisten, als die aber anfangs im Glauben, sie würden mit uns zusammen die Zeitung machen, die Redaktionskonferenz besuchten, sahen sie sich getäuscht. Sie wurden dort nämlich nicht mit offenen Armen empfangen und blieben bald weg. Selbstverwaltung ist demokratisch, aber hart – umso mehr muss man diese Gruppe bewundern, die sich für ein kleines linkes Zeitungsprojekt so stark engagierte und es lange über Wasser hielt. Michael Jäger

Z

Zeit Als ich von der Süddeutschen Zeitung zum Freitag wechselte, dachte ich: prima, endlich mal weniger Stress, wir erscheinen ja nur einmal die Woche. So konnte natürlich nur ein Tageszeitungsjournalist denken. Denn kaum ist die Donnerstagskonferenz mit ➝ Blattkritik und Planung der nächsten Ausgabe vorbei, steht der Chef vom Dienst in der Tür und will die ersten fertigen Seiten haben. Jeden Tag kommt er wieder und macht Druck, bis zum Redaktionsschluss am Mittwoch. Das Geheimnis ist: Man tut so, als hätte man alle Zeit der Welt. Und obwohl es eigentlich nicht zu schaffen ist, klappt es doch irgendwie. Das ist übrigens auch die Grundregel, nach der das Freitag-Projekt seit Gründung funktioniert: Sich die Zeit nehmen, obwohl man keine hat. 2016 werden wir endlich schwarze Zahlen schreiben. Philip Grassmann

Info

Dieser Artikel ist Teil der Jubiläumsausgabe zum 25. Geburtstag des Freitag

06:00 12.11.2015
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