Konkurrenz für Blondie

Globalisierung Vor 50 Jahren kam Barbie auf den Markt. Mit der Puppe wurde ein westliches Schönheitsideal weltweit exportiert – damit ist es nun vorbei

Die Welt ist rosa und glitzert. Sie ist voller Schmetterlinge, Blumen, Haute Couture, schicker Autos und netter Freunde, mit denen man auf Nobel­yachten übers Meer schippert. Es gibt weder Krankheit noch Armut, keine Missgunst und keine Angst. Um dazuzugehören, braucht man keinen tollen Job oder besondere Fähigkeiten. Schön sein genügt.

So ungefähr sieht die Wirklichkeit aus, die die Barbie-Puppe seit nunmehr 50 Jahren unbekümmert und in konsequenter Ignoranz der Wirklichkeit in den Kinderzimmern rund um den Erdball erlebt. Ein grandioser Erfolg: Statistisch gesehen besitzt jedes Mädchen in Deutschlabd sieben Barbie-Puppen, alle drei Sekunden geht weltweit eine über die Ladentheken. An Barbie kommt keiner vorbei. Die „Pretty in Pink“ wurde, wie sollte es anders sein, in den USA geboren. Am 9. März 1959 brachte die Spielzeugfirma Mattel das erste Modell auf den Markt. Heute hat Barbie in den USA und in Europa einen nahezu hundertprozentigen Bekanntheitsgrad.

Wer eine Barbie kauft, kauft nicht nur ein Stück PVC mit ansprechenden Proportionen. Er kauft ein ganzes Lebenskonzept, eine heile Welt, wenigstens fürs Kinderzimmer, wenigstens für die Fantasie. Möglicherweise ist es gerade dieses Ideal des Unerreichbaren, das den Erfolg der Puppe ausmacht.

Barbies Maße kann tatsächlich niemand erreichen: Sie ist ein anatomisches Wunder, das in menschliche Relationen übertragen aufgrund der geringen Körperfülle weder geh- noch lebensfähig wäre – und wenn, so wäre sie 2,26 Meter groß und ein Kandidat für einen Bandscheibenvorfall.

Den weltweiten Siegeszug der Puppe hat das nicht aufgehalten. Ganz nebenbei gelang es ihr dabei, das euro-amerikanische Schönheitsideal der wespentaillenbewehrten, stupsnasigen Blondine auch in den weniger begünstigten Rest der Welt zu exportieren. Eigentlich ist Schönheit als kulturelles Konstrukt so vielfältig wie die Menschheit selbst. Dennoch lassen sich manche Asiatinnen heute die Augen rund operieren und Afrikanerinnen nach westlichem Vorbild den Hintern verkleinern, hungern sich Models in Brasilien zu Tode.

Das ist nicht allein die Schuld einer Plastikpuppe. Aber Barbie ist ein klassisches Narrativ der westlichen Welt, das suggeriert, wie man auszusehen hat, wenn man es im Leben zu etwas bringen will. Um das Identifikationspotential – und damit den Absatz – weiter zu erhöhen, verkauft Mattel ab den 80er Jahren allerdings auch so genannte Ethnic Barbies: Seitdem gibt es beinahe jede Puppen-Version nicht nur als weiße, sondern auch als afro-amerikanische und hispanische Schönheit, dunkelhäutig, aber mit bewährten Körpermaßen.

Barbie ist ein anatomisches Wunder, weder geh- noch lebensfähig

Dennoch ist die Monopolstellung von Barbie und damit von Mattel mittlerweile gebrochen. 2003 brachte ein syrisches Unternehmen die „Fulla“ auf den Markt, die seitdem die arabische Welt erobert: Ein Plastikpüppchen, ganz ähnlich der amerikanischen Cousine, nur mit traditionell muslimischem Gewand und Kopftuch bekleidet statt mit Minirock. Fulla hat kleinere Brüste als Barbie, einen dunkleren Teint und sie besitzt pinke Gebetsteppiche.

Fulla, arabisch für Jasminblüte, soll kleinen Mädchen traditionelle islamisch-arabische Werte vermitteln. Die im Westen abfällig als „Burka-Barbie“ bezeichnete Puppe verkaufte sich allein 2005 über 1,5 Millionen Mal. In Indonesien gibt es inzwischen ein ähnliches Modell namens „Salma“.

Lange Zeit wurde Barbies Erfolg auf allen Kontinenten als Teil der „McDonaldisierung“ der Welt interpretiert – im Rahmen der Globalisierung würden westliche Produkte sich weltweit ausbreiten, so dass am Ende ein europäisch-amerikanisch geprägter, regional kaum unterscheidbarer Kultur-Potpourri herauskomme, so die Kritik.

Ganz so einfach scheint es allerdings nicht mehr zu sein. Das Beispiel der syrischen „Burka-Barbie“ zeigt, dass andere Kulturen immer weniger dazu bereit sind, sich vom Westen diktieren zu lassen, was sie kaufen, wie sie leben und aussehen sollen. Im Umkehrschluss bedeutet das für Europa und Amerika, dass sie die eigene kulturelle Überheblichkeit überdenken müssen. Die Annahme, der Westen sei dazu imstande, die Erde nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in ästhetischer Hinsicht zu kolonialisieren, unterschätzt das Selbstbewusstsein und die Möglichkeiten anderer Völker und Kulturen.

Globale Güter unterliegen – gelangen sie in andere kulturelle Räume – einer Uminterpretation, einer Neudeutung. Das Frauenbild, das „Fulla“ kleinen Muslimas vermittelt, mag fragwürdig sein – aber auch nicht unbedingt fragwürdiger als dasjenige, das die blonde Standard-Barbie amerikanischen und europäischen Mädchen einimpft. Die Befürchtung, dass das Spielen mit dem Magermodel bei Kindern zu einer allgemeinen Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führt, ist Studien zufolge begründet.

Im Weihnachtsquartal 2008 brach der Verkauf von Barbies um ein Fünftel ein, der Mattel-Gewinn sackte um fast die Hälfte ab. Die Wirtschaftskrise hat daran einen gewichtigen Anteil, aber zweifellos macht auch der Konkurrenzdruck Barbie zu schaffen. Mit der ästhetischen Dominanz der blonden Puppe in nicht-westlichen Kinderzimmern ist es wohl endgültig vorbei. So ist das nun mal, auch im rosa Parallel-Universum: Altwerden ist nichts für Feiglinge.

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01:00 19.02.2009

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