Könnte, sollte, anscheinend

Kulturkommentar Über den Machtkampf in Chinas Politik gibt es hierzulande nur vage Angaben. In China selbst ist das nicht anders: Gerüchte sind der Stoff, aus dem die Nachrichten sind

Was in China vor sich geht, wissen nur wenige. Es kursieren Gerüchte über einen Putsch an der Spitze der Kommunistischen Partei, vorausgegangen waren Ereignisse, in deren Zentrum Bo Xilai steht. Der Regierungschef in Chongqing hatte eine eigene Politik betrieben: werbefreies Fernsehen, das Singen maoistischer Lieder und die Bekämpfung mafiöser Strukturen. Anscheinend ist er selbst in diese Strukturen verwickelt: Es soll eine Verbindung zwischen dem Tod eines britischen Unternehmers und Bos Frau geben. Schließlich ereignete sich nachts ein Ferrari-Unfall in Peking, an dessen Steuer Bos exzentrischer Sohn Bo Guagua gesessen haben soll.

„Anscheinend“ und „vermutlich“ bilden den Stoff, aus dem in China Neuigkeiten sind. Das Gerücht als Nachrichtenersatz, wobei das Stochern im Nebel unablässig Kommunikation produziert. Umschlagplatz dafür ist Weibo, ein Microblogging-Dienst, der sich von Twitter durch eine Kommentarfunktion unterscheidet, die mehr Interaktion untereinander zulässt. Auf Weibo trifft sich die Gesellschaft – Redakteure, Polizisten, Ärzte, Schauspieler, lokale Regierungsbeamte, Unternehmer, Schüler und Studenten. Im Februar 2012 zählte der Dienst laut Bloomberg mehr als 300 Millionen Nutzer, darunter befinden sich auch einige Leute, die für Bezahlung im Sinne der Regierung schreiben, „Wu Mao“ genannt, was übersetzt so viel wie "50 Cents" heißt.

Wie Mutmaßungen zu Nachrichten werden, zeigt der Ferrari-Unfall. Das Gerücht, der Sohn eines hochrangigen Politikers könne darin verwickelt sein, verdankte sich Interpretationen von Weibo-Nutzern. Deren Indizien: Sämtliche Kommentare zum Thema wurden gelöscht, relevante Suchwörter wie „Ferrari“, „Shangshu” (ein altmodischer offizieller Regierungstitel), „4. Ringstraße Nord + Autounfall” (Ortsangabe) und „Falali” (chinesische Aussprache von Ferrari) gesperrt. Für Bo Guagua, der hinter dem Anfang April gelöschten Weibo-Account @Bmelon vermutet wird (Gua heißt auf chinesisch Melone), spricht dessen glamouröser Lebenswandel, dem auf Weibo wiederum endlos in alle mutmaßlichen Einzelheiten gefolgt wird. Klatsch als Urform des Gerüchts.

Über dem Westsee

Genährt werden die Mutmaßungen durch den Mangel an Information, die Angelegenheiten um Bo Xilai werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit geklärt. Dass der Staat die Weibo-Gerüchte ernstnimmt, demonstrierte er vergangene Woche: Die beiden größten Dienste wurden drei Tage lang für einen „Check-up“ lahmgelegt. Eine Disziplinierungsmaßnahme alter Schule. Der beliebte Blogger und Rennfahrer Han Han schrieb kurz nach der Wiederfreischaltung: „[Der Blackout] hat nichts mit dem Aufräumen von Gerüchten zu tun, es geht darum, Staatsmacht zu beweisen: Wenn ich Kommentare für drei Tage verschwinden lassen kann, dann auch all eure kleinen Weibos.“ Ob das Internet wirklich so zu kontrollieren ist? Die Hong Kong University betreibt eine Art Weibo-Backup und speichert gelöschte Weibo-Posts in einer Datenbank.

Für das Nebulöse, das auf Weibo täglich für News sorgt, gibt es in der chinesischen Kultur indes eine ästhetische Entsprechung: den Nebel über dem künstlich angelegten Westsee in Hangzhou. Der gilt, in der laut Tourismuswerbung „schönsten Stadt in China“, als Inbegriff von Schönheit.

Vera Tollmann weilte gerade drei Wochen für eine Recherche-Reise in China. Zuletzt erschien von ihr das Remake einer Flugschrift von Günter Amendt: China. Der deutschen Presse Märchenland 2

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14:30 11.04.2012

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