Konsumversprechen

Alltag 1 Ein kleines Mädchen sang im Supermarkt. Die Mutter war nicht begeistert, obwohl die Kleine sehr lustig sang. Sie sang alle Namen der Dinge, die sie ...

1 Ein kleines Mädchen sang im Supermarkt. Die Mutter war nicht begeistert, obwohl die Kleine sehr lustig sang. Sie sang alle Namen der Dinge, die sie sah und benennen konnte. Sie tat das offenbar, ohne etwas zu fordern, denn sie sang genauso fröhlich von dem, was man bekommen kann - Schokolade oder Kartoffelchips -, wie von dem, was man nicht bekommen kann. Preistafeln, Angebotsschilder, Pfandflaschenautomat. An allem schien sie sich zu freuen. Den ganzen trübsinnigen Discounter verwandelte sie in ein Musical. Es war unverständlich, aber die Mutter nicht ließ sich nicht davon aufheitern. War es ihr peinlich? Oder sang die Tochter den ganzen Tag? Immer wieder verbot sie der kleinen Sängerin den Mund. Zum Glück gehorchte das Mädchen nicht. Auch in der langen Schlange noch sang sie zuversichtlich: "Jetzt sind wir gleich an der Kasse!" Leider wurde nun das Verbot mit Nachdruck erneuert, und die Kleine schwieg nun doch. Vielleicht schwieg sie auch, weil es am Ausgang nichts mehr zu besingen gab.

2 Auf dem Weg durch einen nördlichen, ärmeren Bezirk kam ich an vielen kleinen Läden vorbei, deren Schaufenster ganz andere Versprechen machten, als die Auslagen in meiner Gegend. Niemals vorher hatte ich einen Schuhmacher gesehen, der sein Fenster mit selbst reparierten Schuhen dekorierte. Wann lag schon etwas in einem Schaufenster, das weder neu noch käuflich war? Ich stutzte und fühlte mich durch den Anblick leicht widerwillig angezogen. Er kam mir fast anstößig vor. Die Schuhe im Fenster erzählten jedem, der sie ansah, was sie in ihrem Dasein geleistet hatten und dass diese Spuren niemand mehr unsichtbar machen konnte

3 Das Traurige an einem Schaufensterbummel ist, dass man nur selten bekommen kann, was man hinter der Scheibe entdeckt. "Es tut uns leid, das ist ein Ausstellungstück", sagt mir die Verkäuferin im Geschäft. Nur wenn es das letzte oder das einzige Exemplar ist, muss ich noch einmal vor die Tür gehen und auf das Stück zeigen, das ich im Fenster gesehen habe. Dann muss die schon ältere Verkäuferin, der ich das gar nicht zumuten wollte, in das Bild klettern und hineingreifen. Erst jetzt, nachdem das Gewünschte fehlt, sieht man, wie schön das Fenster gestaltet war. Das unvollständige Bild hat sein Gleichgewicht verloren.

4 Manchmal benutze ich eine fremde Einkaufsliste, die ich beim Aufschließen im leeren Wagen finde. Die befolge ich dann Punkt für Punkt. Ich vermisse diese fremden Aufträge, zu lange hat mir niemand mehr einen Einkaufszettel mitgegeben. Er müsste ja gar nicht mit Liebe geschrieben sein! Ich würde einfach nur gern alle Wünsche erfüllen, die auf so einer Liste stehen.

5 Wir hatten eine Party verlassen und gingen in der Nacht durch einen Stadtteil, den wir nicht gut kannten. Die Straßen waren menschenleer und leicht schmutzig, und es war ganz still. Einige Läden reizten zum Stehenbleiben, weil an ihnen etwas merkwürdig, unheimlich, lustig oder auch anrührend war. Es gab in dieser Gegend viele aufgegebene Geschäfte, die offenbar schon länger leer standen, manchmal gab es noch Reste der Einrichtung zu sehen, die von zerstörten, jetzt nur noch absurd wirkenden Hoffnungen zeugten.

Wir stießen auf einen stark verwahrlosten Laden, der sein Geheimnis nicht preisgab. Im kleinen Innenraum der Vitrine, deren Glas jemand eingeworfen hatte, sammelte sich Müll. Durch die Schaufenster konnte man nichts erkennen. Um zu klären weshalb, fehlte es an Licht. Dann entdeckten wir ein Schild: Im Dienste der Sauberkeit. Im Gegensatz zum übrigen sah die Tür ganz neu aus, so, als sei sie gerade erst ersetzt worden. Es war jedoch keine Ladentür, denn es gab keine Klinke. Gerade hatten wir ein kleines lukenartiges Fenster entdeckt, da wurde es aufgestoßen. Ein wachsamer Blick schätzte uns wortlos ein. "Oh, wir haben uns gerade nur gefragt, was das ist!", sagte ich. "Nur ein Club!", kam die Antwort von einer unfreundlichen, männlichen Stimme. Die Luke wurde sofort wieder geschlossen. Etwas Unangenehmes war während der kurzen Auskunft durchs Fenster gedrungen, und wir fühlten uns klein und ungeschützt. Die Wächteraugen hatten uns auf einen Blick als nicht zugehörig erkannt. Als wären wir noch keine Erwachsenen. Vielleicht waren wir auch, ganz im Gegenteil, nicht jung genug, um erwünscht zu sein. Ich sah noch einmal auf das "Im Dienste der Sauberkeit" zurück und stellte mir alles Mögliche dahinter vor, was dem Hohn sprechen könnte.

aus willkommen im wunderland, www.duckwoman.de/wunderland/wunderland.html

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