Kontrollierte Männerkörper

IM KINO »American History X« von Tony Kaye reduziert Rassismus auf ein Problem mangelnder Körperbeherrschung

Drei Schwarze, die in ein Auto einbrechen wollten, liegen brutal ermordet auf der Straße. Als die Polizei kurz darauf den Täter stellt, wird sein Körper durchzogen von einem nahezu orgiastischen Jubel. Ein Grinsen breitet sich auf dem Gesicht aus, und dann strecken sich die Arme zur Seite und in die Höhe. Und wir sehen diesen Körper, einen ungemein anziehenden, wohlgeformten, männlichen Körper, an dem sogar das riesige eintätowierte Hakenkreuz noch ästhetisch wirkt, und wir spüren: Es handelt sich um einen messianischen Augenblick. Hier ist das Richtige getan worden. Die magische Feier der blutrünstigen Körperlichkeit endet erst, als die Polizisten den Körper ergreifen und mit zahlreichen Händen verschnüren. American History X hat nur ein Zentrum: Den Leib des Skinheads Derek (Edward Norton).

Der britische Regisseur Tony Kaye kommt aus der Werbebranche und hat seinen ersten Spielfilm einfach am Zentrum seiner bisherigen Arbeit orientiert: der Inszenierung von Körpern. Der Film ist weder eine gut recherchierte Story über US-Skinheads noch ein Problem-Psychodrama. Wir erfahren im Grunde nichts, was wir nicht schon über Skinheads wußten, und die Figuren wirken vor allem in ihrer Entwicklung schwach und brüchig. Das Besondere an American History X ist, daß der Film konsequent die Geschichte des weißen jugendlichen Körpers in der Krise erzählt.

Obwohl das Milieu seltsam undefiniert wirkt, soll es sich dabei offenbar um den Arbeiterkörper handeln, der angesichts von Erwerbslosigkeit seine angestammte Funktion nicht mehr erfüllen kann. Auch in den hergebrachten Ersatzarenen der Selbstbestätigung wie dem Sportplatz um die Ecke kann dieser Körper kaum noch Punkte machen: Denn hier regieren die von den Medien zu ikonischen Maßstäben der Körperlichkeit aufgeblasenen schwarzen Leiber. Zudem fehlt in Dereks Fall auch noch der Vater, welcher als männliches Vorbild traditionell den jungen Körper gleichzeitig einweist und maßregelt. Und so vermittelt der Film den Eindruck, als gehöre der in seiner Männlichkeit zutiefst verunsicherte Arbeiterkörper zu einer bedrohten Art, deren Angehörige nun beginnen, unkontrolliert um sich zu schlagen.

American History X funktioniert wie ein Bildungsroman. Als Zuschauer folgen wir dem Körper auf seinem schwierigen Weg zur Selbstbeherrschung: Wir erleben Kampf, Mord, Kontrollverlust, Entblößung, Geländegewinn, Vergewaltigung, Hilfsbedürftigkeit, Verhüllung, Berührung. Und wie in jedem Hollywoodfilm entfaltet sich die Handlung vor allem über geschickt eingesetzte Kontrastfiguren: Da ist zunächst der zarte, effeminierte Männerkörper des jüngeren Bruders, der versucht, so wie Derek zu werden; dann der schwache, zurückhaltende Leib des jüdischen Lehrers und der kräftig-kontrollierte Modellkörper des schwarzen Direktors, der als Vaterersatz fungiert und die beiden Brüder auf den rechten Weg zurückführen will; da sind die »schwachen« Frauenkörper, jener der Schwester, der sich, trotz mangelnder Kraft, gegen den ausrastenden Derek »durchschlagen« muß, und jener der Mutter, krank, leidend; da ist der seltsam diffuse Körper des Nazi-Drahtziehers im Hintergrund (gespielt ausgerechnet von Stacey »Hammer« Keach); und schließlich immer wieder Dereks (und Amerikas) absoluter Antikörper: der aus allen Fugen gehende bulimische Leib des befreundeten Prol-Skinheads. Wie es sich für einen Bildungsroman gehört, steht am Schluß die Wiedererlangung der Kontrolle. Das bedeutet in American History X freilich in erster Linie Wiederaneignung von Männlichkeit. Insofern vollzieht sich die gesamte Entwicklung immer in negativem Bezug zur imaginären Referenz Frau.

Nach seinen Morden muß Derek ins Gefängnis, um dort zusammen mit einem Schwarzen in der Wäscherei (!) zu arbeiten. Ihr erstes Einverständnis erleben die beiden, als sie sich kräftig über Frauen lustig machen, die beim Sex oben sitzen wollen. Allerdings hatte sich Derek im Knast zunächst den Herrenmenschen der Aryan Brotherhood angeschlossen. Als er jedoch bemerkt, daß sie Drogen an die »eigenen Leute« verkaufen, wendet er sich enttäuscht ab. Die große Wende tritt ein, als ausgerechnet seine Ex-Kumpels ihm eine Lektion in Sachen unkontrollierte Männerkörper erteilen: Sie vergewaltigen ihn, machen ihn »zur Frau«. Und am Ende schließlich muß der kleine, zarte, »weibliche« Bruder für Dereks Genesung mit dem Tod büßen. Rassismus wird dabei nur sehr vordergründig Thema von American History X. Denn Rassismus erscheint im Grunde als schieres Nebenprodukt mangelnder Körperbeherrschung. Da sich der Regisseur mehr oder minder ausschließlich für die Rettung der Männlichkeit interessiert, liefert er nur sehr beiläufig eine explizite »Erklärung« für Rassismus. Diese fällt für hiesige Verhältnisse freilich recht erstaunlich aus. Während in einem deutschen Film zum Thema wahrscheinlich ein krudes und entschuldigendes psychologisches Rührstück erzählt worden wäre, sehen wir hier eigentlich nur eine - weit realistischere - Szene, in der sich Dereks Papa ganz einfach auch als platter Rassist entpuppt.

Allerdings führt Kayes Körperfixierung auch dazu, daß die Opfer von Rassismus letztlich nur als »weibliche« Gegenbilder dienen. Bei einer Supermarkterstürmung verprügeln Skins effeminierte Asiaten und beschmieren endlos lange eine schwarze Frau mit allerlei Flüssigkeiten aus der Konserve. Die »passiven« Opfer interessieren Kaye einfach nicht und daher hat er auch kein Problem, ihre Erniedrigung zu wiederholen. Denn selbstverständlich würde niemand, der jemals Opfer einer rassistischen Attacke geworden ist, sich selbst so sehen wollen.

Daß nun die »Stiftung Lesen« American History X dazu auserkoren hat, im Rahmen einer groß angelegten Kampagne zum (ohnehin ziemlich diffusen) Thema »Haß, Gewalt und Vorurteile« in allen Oberstufen Deutschlands gezeigt zu werden, ist schon ziemlich absurd. Was sollen die Schüler von einem Film lernen, der gemäß einem gängigen Prinzip der US-amerikanischen Kultur seit den »Minstrels« zwei Gruppen (in diesem Fall Weiße und Schwarze) über den Ausschluß einer Dritten (Frauen) miteinander versöhnt? Offenbar wird hier den mittelständischen Gymnasiasten, die sowieso für die im Film behandelte Formen von gewalttätigem Rassismus überhaupt nicht anfällig sind, hauptsächlich etwas über das neue Ideal von Männlichkeit nahegebracht, wie es sich auf Fit for Fun- oder Men's Health-Covern niederschlägt.

Der unter Kontrolle gebrachte Arbeiterkörper dient hier denen als Vorbild, die für ihre spätere Arbeit in den Zukunftsbranchen den Körper nicht mehr als »Instrument«, sondern nur noch als Symbol der Kontrolle benötigen: Mit Schwabbelbauch braucht man bekanntlich vor keinem Personalchef mehr zu erscheinen, nur eine durchtrainierte Stählernheit zeigt, daß man sich etwas abverlangt, daß man »fit« für den Job ist. Gewünscht wird, anders ausgedrückt: Leni Riefenstahl, zivilgesellschaftlich gezähmt. Wenn Derek am Ende geheilt ist, während sein kleiner Bruder nicht mehr lebt, dann sollen die jungen Gymnasiasten dessen Stelle einnehmen und sich seinen Körper zum Vorbild wählen. Ein Hakenkreuz auf der Brust hatten sie ja ohnehin nie.

00:00 26.02.1999

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