Kontrollverlust wagen

Elektronische Musik Phillip Sollmann alias Efdemin bringt populären Rave mit akademischer Klangkunst zusammen. Getanzt werden soll umso mehr

Wer Berlin als wirkliche Weltstadt erleben möchte, braucht eigentlich nur zum Gesundbrunnen zu fahren. Nicht in das Einkaufszentrum, das wie ein umgekipptes Kreuzfahrtschiff aus dem Boden ragt und 2013 von der Band Jeans Team weniger ruhmreich besungen wurde („Das hält ja keine Sau hier aus“). Vielmehr geht es um das, und das ist völlig unironisch gemeint, einzigartige Flair, das sich zwischen Badstraße, Prinzenallee und Pankstraße auftut. Denn anders als am Kottbusser Tor in Kreuzberg oder in der Sonnenallee in Neukölln gibt es hier keine Mehrheits-Community wie die türkische oder arabische, die das Straßenbild prägt. Auch gibt es kaum Touristen, die das stete Treiben lähmen könnten. Wer die Badstraße entlangflaniert, sieht, obwohl es neben Lidl, Kik und Woolworth nicht viel zu gucken gibt, die Welt. Menschen aus Afrika, Asien, Osteuropa, Russland, der Türkei und Indien, die alle ihrem Tagewerk nachgehen, ohne sich allzu viel expressive Gedanken über sich selber machen zu können. Auch ein Grund, wieso der Wedding 30 Jahre nach Mauerfall noch immer so resistent gegen die Gentrifizierung ist. Noch.

Der Künstler, DJ und Musiker Phillip Sollmann/Efdemin lebt seit 2005 in Berlin. Sein Studio befindet sich in einem früheren Gemeindehaus der St.-Pauls-Gemeinde. Die evangelische Kirche, die in den 1830er Jahren vom Großmeister Karl Friedrich Schinkel persönlich entworfen wurde, steht heute die meiste Zeit leer. Es gibt schlichtweg kaum noch praktizierende Christen im Wedding. Das Gemeindehaus dahinter, das geschätzt keine 20 Jahre alt ist, wird daher als Studio- und Proberaum-Komplex genutzt. Am anderen Ende der Prinzenallee, Kreuzung Osloer, befindet sich ein recht beeindruckendes früheres Bewag-Gebäude. Hier teilt sich Sollmann mit seiner Partnerin, der Künstlerin Hanna Schwarz einen weiteren Atelierraum. Sollmann weist die Straße mit seinem linken Arm hinauf. „Von hier bis da – das ist quasi mein Wirkungsbereich“, erklärt er, lächelt dabei verschmitzt und klingt ein bisschen stolz. Wie ein Ranchbesitzer in einem alten Hollywood-Film, der seinem Sohn zu verstehen gibt: „Irgendwann wird das alles mal dir gehören.“

Phillip Sollmann wurde 1974 in Kassel geboren und durchlebte eine für Westdeutschland vielleicht nicht untypische Kindheit und Jugend. Er spielte Tennis, lernte Cello, später E-Gitarre und begann sich für Bands wie Brüllen, Blumfeld und Kolossale Jugend zu interessieren. Kristof Schreuf und Jochen Distelmeyer wurden Helden seiner Jugend und nach dem Abitur lag die Flucht nach Hamburg daher nur nahe. Er schrieb sich für ein Studium der Soziologie ein und verbrachte traditionsgemäß viel Zeit im Golden Pudel Club. Mitte der 90er war vor allem in Hamburg Popkultur noch eng mit politischen Diskursen und Szenen verbunden. Man gab sich dezidiert Antifa. Auch das Hamburger Elektronik-Label Dial, das von Peter Kersten (Lawrence) und David Lieske (Carsten Jost) Ende der 1990er gegründet wurde, positionierte sich politisch. Das Label war von Anfang an auch musikalische Heimat für Efdemin.

Die ganze Nacht im Pudel

Als 1999 der erste Dial-Rave in der Roten Flora zelebriert wurde, lautete das Motto: „Total Destruction Is The Only Solution“. Erst kürzlich tauchte das Originalplakat in Efdemins Wohnung wieder auf. Er selber spielte da noch in einer Devo-Coverband. „Dial ist die künstlerische Konstante in meinem Leben. Wir waren antikapitalistisch eingestellt. Wir haben uns als Kollektiv von Freunden verstanden, uns aber auch bewusst quergestellt. Wie wir im Pudel die ganze Nacht mit Antifa-Flagge aufgelegt haben, das war schon romantisch. Mir war anfangs jedoch nicht klar, dass man mit dieser Musik Geld verdienen kann. Ich fand es musikalisch spannend und super, dass es keine Bühne mehr gab. Stattdessen ging es um den Sound im Raum und nicht um die Person, die hinter der Kanzel steht. Ich war froh, dass diese Bühne weg war. Heute ist es umgekehrt. Im Techno dreht sich alles nur noch um Bühnen, Events und Stars.“

Ohne zu ahnen, dass der Club und das DJing eine derart große Rolle spielen würden, zog Efdemin 2002 zunächst nach Wien, um Computermusik an der Universität für Musik und darstellende Kunst zu studieren. Eine Techno-freie Zeit, was sich mit seinem Umzug nach Berlin drei Jahre später aber wieder ändern sollte. Gemeinsam mit dem DJ und Produzenten Nick Höppner, den Sollmann aus Hamburger Zeiten kennt, besuchte er die Panoramabar. Efdemin übergab dem Club ein Mixtape und erhielt daraufhin eine DJ-Residency, die nun seit 13 Jahren anhält. Schicksal, Fügung oder Zufall – so oder so formativ. Auch als Außenstehender hat man eine Vorstellung davon, dass der Name Berghain im globalen Clubsektor durchaus als passabler Türöffner fungieren kann. Wo heuer doch selbst Google in seinem Berliner Büro einen Konferenzraum nach dem wohl bekanntesten Club der Welt benannt hat. So viel zum Thema Außenwirkung.

2007 produzierte Efdemin den internationalen Club-Hit Just A Track. Eine physisch gewaltige, kunstvolle und zugleich fast pampige Reaktion auf den Minimal-Techno-Hype der Zeit. Zeitgleich war der Track aber auch Wegbereiter für das anstehende Deep-House-Revival Ende der nuller Jahre. Efdemin gelang dabei das, was man seinerzeit gerne Konsens-Hit nannte. Ein Track, der von DJs wie Publikum gleichermaßen gefeiert wird. 2007 erschien darüber hinaus sein selbst betiteltes Debütalbum. „Als ich nach Berlin gekommen bin, hat mich alles überwältigt“, berichtet Efdemin, „Es war nicht geplant, dass ich DJ werde. Dass ich mit so einem Beruf um die Welt fliegen würde, darauf war ich nicht vorbereitet.“

Phillip Sollmann beschreibt diese lange Phase als eine, in der er zeitweise nicht mehr sein eigener Herr gewesen sei. Ein Auftritt nach dem anderen, die Abfahrt auf Knopfdruck, die Feierei, die immer gleichen Gespräche. „Es hat mich auch körperlich ziemlich mitgenommen. Ich habe das ein paar Jahre lang sogar als bedrückend empfunden. Erst langsam bin ich wieder zu mir gekommen.“ Efdemin veröffentlichte zwei weitere Alben auf Dial (Chicago, 2010 und Decay, 2014), die nicht nur bei Kritikern ausgezeichnet ankamen, suchte sich aber abseits vom DJ-Zirkus neue Forschungsfelder. „Irgendwann entzaubert sich eine internationale DJ-Karriere, wenn es nicht immer weiter nur nach oben gehen soll.“ Sollmann widmete sich wieder seinen „früheren Sehnsüchten“, den Bereichen Improvisation, Elektroakustik und Klanginstallation. 2013 erhielt er ein Stipendium des Goethe-Instituts in der Villa Kamogawa und der Villa Massimo. Gemeinsam mit Konrad Sprenger arbeitet er an dem Projekt „Modular Organ“. Die modulare Orgel, die mittlerweile das halbe Atelier an der Osloer Straße einnimmt, wird gemeinsam mit Orgelbauern ständig ausgebaut und kommt in Galerien, bei Medien- und Kunstfestivals zum Einsatz. Man wolle die Orgel aus dem sakralen Kontext befreien und sozial rehabilitieren. „Dieser Klang von Orgelpfeifen, den ich in dem Moment an dieser Stelle erzeuge. Das hat Qualität und beeindruckt mich sehr“, erläutert Sollmann seine Faszination für das gewaltigste aller Instrumente. Dass per MIDI auch Techno-Stücke durch die teils menschhohen Pfeifen geblasen werden können, versteht sich fast von selbst.

2017 leitete Phillip Sollmann die Performance Monophonie, die für Harry-Partch-Instrumente komponiert und in der Elbphilharmonie, Berliner Volksbühne und auf der Ruhrtriennale aufgeführt wurde. Rave und Klangkunst: zwei eigentlich völlig verschiedene Welten, nicht nur musikalisch.

Basteln mit Francis Bacon

„Den Unterschied merkt man vor allem an den Hotelkategorien“, analysiert Sollmann weltmännisch und mit ansteckendem Humor, „was ich aber an dieser eher akademischen Kunstwelt wirklich zu schätzen gelernt habe, sind die Ruhe und Konzentration während der Arbeiten. Wenn man auflegt, ist man nur in Flughäfen und springt von Bühne zu Bühne. Wenn ich aber mit einem Ensemble arbeite – was für eine Leidenschaft und Konzentration bei einer Probe mit zwölf Musikern herrschen. Die Genauigkeit von so einer Aufführung. Das ist unglaublich. Außerdem sind die Personae alle noch lange nicht so ausgebrannt“, resümiert er, lacht und winkt ab, als wolle er sich für einen schlechten Scherz entschuldigen. Auf seinem nun vierten Studioalbum New Atlantis, das auf dem Berghain-Label Ostgut Ton erscheint, bringt Efdemin erstmalig seine beiden Personen in einer Arbeit zusammen. Es sei letztlich auch eine Vernunftentscheidung gewesen. Mit dem Jonglieren diverser Künstleridentitäten haben sich schon andere katastrophal verfahren. Alles andere sei auch „nicht effizient“. New Atlantis ist im Kern ein Techno/Elektronik-Album, eruiert aber Psychoakustik, Klangexperimente und Track-Strukturen aus einer erweiterten Perspektive, eben jener Phillip-Sollmann-Perspektive, die in den letzten Jahren immer weiter gewachsen ist. Der Titel referiert auf Francis Bacon und sein gleichnamiges unvollendetes Buch aus dem Jahr 1627. Hier beschreibt Bacon eine utopische Insel, auf der es futuristische Werkstätten gibt, die sich unterschiedlichen künstlerischen und wissenschaftlichen Disziplinen widmen. Darunter auch das Sound House, das vor 400 Jahren bereits das Tonstudio von heute imaginierte.

Auch Efdemin beschreibt seine Klangräume als utopisch. Er lässt Techno und House vom Dogma des funktional Pragmatischen abdriften und bringt zugleich elektroakustische Klangquellen auf den Berghain-Floor, die es sonst im Club-Betrieb eher selten zu hören gibt. Efdemin denkt dabei aber auch an frühere Zeiten – als Galerien, Raves und Performances viel enger miteinander verknüpft waren. Als die Grenzen zwischen Subkulturen noch eher verschwammen als heute und man sich in einer Zeit ohne soziale Medien, Internet und Überwachung noch völlig anders verhalten konnte: „Ich würde gerne hin zu einer Musik, einer Aufführung, einer Zeremonie, die überwältigt, wo Leute loslassen können. Der Kontrollverlust, das ist das, was mir fehlt. Wir leben heute in einer absolut kontrollierten Zeit. Wir werden ständig überwacht, von allen, die dich umgeben. Mein Album ist ein bisschen Ausdruck davon, dass genau das fehlt: die Utopie von Kontrollverlust. Die ursprüngliche Idee von Rave war doch aber genau das. Was ist daraus eigentlich geworden?“

06:00 15.02.2019

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