Konzertausfall

Berliner Abende Kolumne

Friedrichshain im Sommer an einem Freitagabend. Geschwind radle ich auf meinem Herkules-Fahrrad nach Hause. Nachher geht´s noch zum Postbahnhof auf ein Konzert. Die Sonne steht tief und ihre Strahlen schieben mich als Radler-Silhouette durch die Grünberger Straße hinüber über die Warschauer Straße in meinen Wohnkiez. Die Warschauer Straße ist eine Hauptverkehrsader und alle Versuche, sie in eine Einkaufs- und Geschäftsstraße umzuwandeln, sind bisher vergeblich gewesen. Hier wie in ganz Friedrichshain finden die günstigen Ladengeschäfte FREIRÄUME FÜR IHRE IDEEN und meist nur vorübergehend einen Mieter, der kurz nach seiner NEUERÖFFNUNG einen AUSVERKAUF ankündigt und wieder verschwindet.

Mitten auf der Warschauer kreuzt mich ein BMW und holt mich vom Rad. Herkules liegt am Boden, aber ich stehe schon wieder und rufe: Grün, ich hatte Grün! Drei Passanten, womöglich Friedrichshainer, holen mich von der Straße und setzen mich auf den Rand eines Rabattenbeetes einer Apotheke, weil mir plötzlich schlecht ist. Der BMW-Fahrer stellt sich neben mich und reicht mir einen Zettel. Auf dem Zettel hat er seine Adresse notiert, gleichzeitig hält er mir seinen Ausweis vors Gesicht. Da schauen Sie, sagt er, das bin wirklich ich. Ich schaue, und er ist es wirklich. Er, der BMW-Fahrer, muss wieder los, er hat Termine. Ich habe auch Termine. Ich gehe ins Konzert. Ich muss heim. Ich will in einer Stunde im Postbahnhof stehen und Bier trinken. Vorher will ich noch die Polizei rufen, bin aber zu schwach dazu und telefoniere meinen Freund herbei, der nachher mit mir aufs Konzert gehen will, damit der die Sache für mich übernimmt.

Lalülala, der Krankenwagen ist da. Lässig steigen die Krankenwagenfahrer aus. Sind Sie verletzt, ruft der Sanitäter herüber. Ich glaube, mir nichts gebrochen zu haben, rufe ich zurück, aber schlecht sei mir, irgendwie schlecht. Das ist der Schock, ruft der Sanitäter. Meine Arme sind ganz taub, und ich kann meine Hände nicht spüren, rufe ich. Das ist der Schock, wiederholt sich der Krankenwagenfahrer, und während er sein blinkendes Fahrzeug tätschelt, bietet er an, mich ins Krankenhaus zu fahren.

Nö, sage ich, lieber nicht.

Fahren Sie jetzt mit oder nicht?

Nö, ich will nachher noch auf ein Konzert gehen, ich ...

Und Tschüss! Schon sind sie in ihr schnelles Fahrzeug gestiegen und schnell wieder weggefahren.

Ich glaube, wir müssen direkt zum Konzert, sage ich zu meinem Freund, jetzt schaff ich´s nicht mehr heim. Mein Freund schaut mich an und fragt: Was ist drei mal drei?

Lalülala, die Polizei ist da. Ebenso lässig, mit in den Gürtelschlaufen eingehakten Daumen, werde ich gefragt, ob ich verletzt sei. Ich wiederhole meinen Spruch, dass ich glaube, mir nichts gebrochen zu haben und dass mir nur schlecht sei. Ja, sind Sie jetzt verletzt oder sind Sie nicht verletzt, barscht mich der Polizist an und wartet meine Antwort gar nicht erst ab, sondern wendet sich dem BMW-Fahrer zu, der mit den Achseln zuckt und in Richtung der untergehenden Sonne zeigt. Die Polizisten nicken. Ja, ist klar, sagt der Beamte, da kann man nix sehen, sagt der Polizist zum BMW-Fahrer. Und zu Herkules sagt er: Was ist denn das Fahrrad überhaupt noch wert? Vielleicht hundertfünfzig Euro, wirft sich mein Freund dazwischen. Aber der Polizist winkt ab und wendet sich dem BMW zu. Der Schaden am Fahrzeug bringt mir ein wenig Respekt ein, so dass der Polizist ein Aktenzeichen vergibt und einen Zettel zum Ausfüllen überreicht. Mit dem Kugelschreiber in der Hand fragt er, ob ich was zum Schreiben habe. Ich robbe hinüber zu meiner Handtasche und nehme meinen eigenen Stift. Bei Kugelschreibern ist es wie bei Feuerzeugen, gibt man sie aus der Hand, sind sie weg.

Und weg sind auch die Polizisten, der BMW-Fahrer und die drei Passanten. Nur Herkules, mein Freund und ich sind noch da. Gleich geht das Konzert los, aber mir ist die Lust vergangen. Ich will heim. Ich will ins Bett. Das Konzert fällt aus. Ich bin deprimiert und muss nachdenken. Summiertes Fehlverhalten. Nur die drei Passanten haben sich korrekt verhalten. Für alle anderen stelle ich ein paar Verhaltensregeln auf:

Für BMW-Fahrer: Entschuldigen Sie sich, wenn sie einen Radler angefahren haben!

Für die Polizisten: Hängen Sie keine Daumen in Gürtelschlaufen!

Für Sanitäter: Machen Sie keinen Unterschied zwischen sprechenden und nicht sprechenden Verletzten!

Für meinen Freund: Herkules ist viel mehr wert als 150 Euro, denn damit bin ich schon von Bochum nach Berlin, von Bottropp nach Büttelborn und von Bullerbü nach Buchen gefahren.

Für mich: Radle nur noch in Zehlendorf oder Steglitz!


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00:00 06.07.2007

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