Kopf an Fuß

Im Kino Der Dokumentarfilm »Mit Ikea nach Moskau« von Michael Chauvistré

Nach Coca-Cola und McDonalds jetzt also Ikea - die Marken der westlichen Welt feiern, dass ihnen gelingt, woran schon Napoleon und nach ihm noch viel unsympathischere Gestalten gescheitert sind: die Eroberung des Ostens. An die Stelle von Fahnen sind heute Reklametafeln getreten und die Besetzung eines neuen Marktes lässt sich noch besser als Erfolg verkaufen als ein militärischer Sieg, weil ja nicht nur ein Terrain erobert wird, sondern das Bewusstsein der Konsumenten. Längst ist man es leid, die Allgegenwart der braunen Brause und der Bulettenbrötchen bedenklich zu finden; kaum jemand, der sie noch als Insignien des Imperialismus betrachten wollte. Dazu sind sie zu sehr das, was eben auch Ikea ausmacht, nämlich Billigware.

»Billig« bedeutete in der Sprache des Kapitalismus immer schon demokratisch, beziehungsweise sozialdemokratisch. Ikea (»Mit Ideenreichtum statt mit viel Geld«), die Möbelmarke aus Schweden, einem Land, dessen Kapitalismus manchen als die bislang gelungenste Verwirklichung des Sozialismus gilt, verkauft seit März 2000 seine demokratischen Möbel in der russischen Hauptstadt. Und die Ironie der Geschichte will es, dass sich wie bei anderen Billigmarken darin Ideale erfüllen, die der real existierende Sozialismus vor sich hertrug, ohne sie erreichen zu können: Waren für alle und für alle erschwinglich zu produzieren.

Produzieren ließ Ikea im übrigen ja schon lange in Osteuropa, seit 1977 auch in Russland, weshalb sich mit der Eröffnung einer Filiale in Moskau noch in einer weiteren Hinsicht eine Verheißung des Sozialismus erfüllt, nämlich die, dass die Arbeiter, die die Ware herstellen, sie auch kaufen können. Wenig verwunderlich also, dass Ikea in Moskau Rekordumsätze macht und sich die Wohnungen, egal ob Breschnewscher Plattenbau oder Stalinsches Schwergemäuer mit Billy-Regalen und Klippan-Sofas füllen - Zeichen einer Globalisierung, die den Kulturkritiker ratlos macht, weil die Banalität der Erscheinung im Widerspruch zu ihrem Ausmaß steht: Das Alltagsleben verändert mit Ikea sein Aussehen radikal. Aber verändert sich dadurch etwas Wesentliches?

»Das Leben war ziemlich grau hier früher. Ikea kann ein bisschen dazu beitragen, die verschiedenen Augenblicke im Leben farbreicher zu gestalten«, sieht man den Marketing-Manager Johannes Stenberg im Film Mit Ikea nach Moskau sagen, während er eine der typischen lindgrünen Tassen einpackt. Man fragt sich zwar, ob Herr Stenberg die buntbemalten Holzlöffel nicht kennt, die die Russen gerne als nationale Spezialität verschenken, aber man weiß, er meint es ungefähr so: Ein altes Mütterchen mit grauem Wollkopftuch setzt sich ächzend auf einen bunten Ikea-Klappstuhl und freut sich.

Es sind Szenen wie diese, die man in einem Film mit dem Titel Mit Ikea nach Moskau erwartet. Männer in Pelzmützen, die skeptisch die Spanholzbretter der Möbel abklopfen, hektische Handygespräche darüber, dass es nun keinen Sinn mehr habe, weiter Bleistifte gratis auszulegen, weil sich die Kunden in alter Vorratshaltungsmanier stets fünfzig Stück auf einmal in die Tasche schieben. Gerne hätte man noch gesehen, wie die Russen schließlich mit den berüchtigten Selbstbaumöbeln zurechtkommen, aber man merkt Chauvistrés Film an, dass er in diesem Punkt sein Konzept nicht ganz erfüllen konnte; nur wenige haben seiner Kamera Einblick in die eigenen vier Wände gewährt. Die typische sowjetische Wohnung alten Stils wird im Film deshalb ausgerechnet von Herrn Stenberg präsentiert, der mit Sammlerstolz ein Originalmobiliar bewohnt, in dem kein Stück von Ikea ist.

So erfährt man im Film nur eingeschränkt etwas über die Möbelwelt Moskaus, dafür um so mehr über die »corporate identity« von Ikea: Über das »Kopf an Fuß«-Gefühl, die Verehrung von Gründervater Ingvar und das brüderliche Prinzip, dass auch der Marketing-Manager an der Kasse aushilft. Wieder fällt die merkwürdige Inversion »sozialistischer« Werte ins Auge, die der Konzern als das Geheimnis seines Erfolges preist. Aber für solche Fragen interessiert sich der Film weniger.

Der dokumentarischen Beobachtung hat es Chauvistré vorgezogen, zwei Protagonisten aus ihrem Leben erzählen zu lassen, die sympathischer als ein Stuhl namens Kristian sind: Ulf und Manuela, er aus dem Westen, sie aus dem Osten. Man hört ihnen gerne zu und fühlt sich am Ende doch um das eigentliche Thema betrogen. Vielleicht steckt ja subversives Potential darin, dass nicht Möbel demokratisch sein können, sondern nur Menschen. Und keine Eroberungsstrategie so grenzüberschreitend ist wie die Kraft der Liebe.

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00:00 31.08.2001

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