Köpfe, gekrönt mit Klang

Klasse Das Internationale Literaturfestival Berlin streifte in poetische Weiten

Die Literatur gleicht mitunter einem Mauersegler, der in die Lüfte aufsteigt, obschon mit gebrochenen Füßen, die ihm jedwede Landung verwehren. Das fand der französische Autor Robert Pinget in einem Interview Anfang der neunziger Jahre. Doch auf dem 5. Internationalen Literaturfestival Berlin kam die schöne Illusion Literatur dieser Tage eher unbeschadet an. Elf Tage lang konnte ein erfreulich gemischtes Publikum aus einem fast schon unüberschaubaren Programm seinen Lese- und Hörlüsten nachgehen.

Man muss den Hut ziehen vor den Machern dieses chaotischen Festivals. Es ist ihnen gelungen, einen Bogen um die erfolgreiche, aber abgeschmackte Mainstreamliteratur zu schlagen, mit der man sonst auf Festivals traktiert wird. In verschiedenen Programmteilen wie den "Literaturen der Welt", kuratiert von bekannten Autoren und Kritikern aus allen Kontinenten, wurde ein beeindruckendes Spektrum vielsprachiger zeitgenössischer Lyrik und Prosa aufgeboten, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Neben den vermeintlichen Stars wie Doris Lessing oder Jonathan Safran Foer, Martin Walser, Kenzaburo Oe oder Hans-Magnus Enzensberger konnte das Publikum Bekanntschaft machen mit solchen Autoren der Gegenwart wie dem amerikanischen Prosaisten William H. Gass oder der japanischen Dichterin Yoko Tawada, die im Zusammenspiel mit der Jazzpianistin Aki Takase das Publikum zwischen Wort und Musik beglückte. Überdies lieferte im "Fokus Kalifornien" - einer der unübersehbar vielen Sparten des Festivals - eine Reihe neuer amerikanischer Prosa reflexive Innen- und Außenansichten über den amerikanischen Westen, die man bislang auch kaum kannte.

Eine Stärke des Festivals ist der (politische) Diskurs. Die Themenreihe "Reflections", die sich in diesem Jahr fast ausschließlich mit dem "System Putin" beschäftigte, könnte aber vielleicht noch mehr kosmodemokratische Akzente setzen. Trotzdem bot das diesjährige Festival trotz Masse viel Klasse und eine Reihe von Entdeckungen für ein breiteres Publikum. Wenn der große mexikanische Romancier Carlos Fuentes in seiner Eröffnungsrede Zum Lob des Romans von der Sprache als "Schlafzimmer der Liebe" sprach, in dem sich das Fenster durch die Luft des Zweifels und des Fragens öffnet, so war dies durchaus ein Brückenschlag zur schwedischen Lyrikerin und Dramatikerin Katharina Frostenson, in deren erstem ins Deutsche übertragenen Gedichtband Die in den Landschaften verschwunden sind" es heißt: "Stell dir vor, tu diesen Gewaltakt/ oder die Liebeshandlung, was immer es ist." Frostensons kristalline Sprache, zusammen mit der skandinavischen Hermetik, die dem Leser und Zuhörer unaufdringlich eine Klarheit des Sprechens eröffnet, überzeugte nachhaltig.

Überhaupt: die Lyrik. Sie ist seit seinem Beginn der Schwerpunkt des Festivals. Die Übersetzungen waren nicht immer gelungen und von den Schauspielern manchmal zu pathetisch vorgetragen. Doch wer könnte sich dem Vortrag der Ausnahmedichterin Inger Christensen entziehen? Hinter derem schrulligen Dänischdeutsch leuchtet die hintersinnige Vertracktheit ihrer Lyrik auf. Einen Vorgeschmack auf die Frankfurter Buchmesse vollführten die beiden südkoreanischen Autoren Ko Un und Kwang-Kyu Kim, die ihre mal meditative mal politisierte Gedankenlyrik auf fast schon performative Weise darboten. In den Gedichten des afroamerikanischen Poeten Nathaniel Mackey war selbst der alptraumartige "Clash of Civilisations" im Zeitalter des Bushbrandes und der Katrinas laut und verslebendig hörbar. Ein Beweis, dass kritische Dichtung an realen Stimmen gewinnen kann. In Mackeys Poem Klang und Ähnlichkeit steckte dann fast schon so etwas wie ein Resümee über eine Reihe der Veranstaltungen: "Köpfe gekrönt nur mit Klang". Und wenn der amerikanische Lyriker Michael Palmer im Stile T.S.Eliotscher Sprachmusik postulierte: "Schreib nicht Gedichte über das, was vorkommt .../schreib überhaupt keine", so war dies eine gelungene Pointe.

Literatur, die Wirklichkeit in Frage stellt, in dem sie einen genauen Blick wirft, ist gemeinhin unnütz für die Machtzentralen der Welt. Aus dieser scheinbaren Nutzlosigkeit bezieht sie aber ihre größte Berechtigung. Dafür wird sie gebraucht. Das diesjährige Internationale Literaturfestival setzte dahinter ein dickes Ausrufezeichen.


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