Köpfung als Strategie

Das Weiblich-Böse Die verleugnete Realität lässt sich auf kein Außen mehr projizieren
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Brauchen wir Feinde?


Der Irakkrieg wirft mehr Fragen auf als die, wie das Öl künftig beherrscht wird. Was kennzeichnet die Zeit, in der wir leben? Man muss versuchen, sie mit den Augen des später lebenden Historikers zu beurteilen, statt auf ihre Drohungen nur mit Protest und Polemik zu reagieren, so wichtig diese sind. Wir brauchen weniger negative Faszination, dafür mehr Analyse. Der Leitartikel von Michael Schneider in Freitag 9/2003 gab einen Anstoß, indem er von der Angst sprach. Willi Brüggen zeigte im Freitag 10/2003, welche Auswirkung eine als gefährlich erlebte Enttraditionalisierung auf politische Entscheidungen haben kann.

Im Freitag 13/2003 erinnerte Michael Jäger an die Rolle, die Feindbilder in den Religionen spielen, darunter im »Kapitalismus als Religion«. Im Freitag 17/2003 zeigte Stavros Mentzos, wie sich die Kriegsbereitschaft durch eine unbewusste Abmachung zwischen den Vielen und den Machteliten erhöhen kann.

Die Debattenbeiträge analysierten aus meiner Sicht bisher die Rationalisierung von Gewalt auf der Basis ihrer Verdrängung, die heute in dem Maß, wie diese Verdrängung zusammenbricht, in Kriegsbereitschaft umschlägt. Sie schließt zum einen ein »geheimes Einverständnis« aller bei der Produktion von Feindbildern ein; zum zweiten die Funktion dieser Feindbilder bei der Verleugnung gesellschaftlicher Realität; zum dritten ihre Projektion auf ein Außen, an dem Vergeltung geübt wird für das, was im Innern der Gesellschaft nicht mehr verleugnet werden kann. Seit dem 11. 9. 01 heißt dieses Außen »Islam«, der betreffs Hussein mit absolutistischer Diktatur, betreffs Bin Laden mit fundamentalistischem Terror gleichgesetzt wird. Beides legt das Grauen der Moderne vor ihrer eigenen Revolution bloß, die sich nicht nur gegen die »orientalische Despotie« des Gottesgnadentums, sondern auch gegen den »Terror der Gleichen« richtete. Um beides zu bannen, wird der apokalyptische Leviathan als Garant des modernen Gesellschaftsvertrags aus dem Orkus geholt, der permanente Endzeit samt dem Versprechen des Neuanfangs putscht. Seine Formel ist »Schutz durch Bedrohung«. Sie schließt ein, dass das Beherrschende schützt, das Beherrschte bedroht, sprich: Das Beherrschende schützt nur dann, wenn es sich selber schützt, indem es die Beherrschten bedroht. Sie sind die Katastrophe, mit der »kein Staat zu machen« ist. Nur das, was sie beherrscht, ist ihre Rettung, ihre Vernunft. Die Beherrschten selbst sind vernunftlos.

Klar, es handelt sich um die Vernunft der Aufklärung und des Kapitals. Sein absoluter Schutz muss durch Aufklärung, durch ihre Reformen mittels Bedrohung der Gesellschaft gewährleistet sein. Sie muss bekämpft werden, ob bezogen auf den Terror, der in ihr »schläft«; ob bezogen auf Arbeitslosigkeit, die Parasitentum ist; ob bezogen auf Kinderlosigkeit, die Renten werden gekürzt; ob bezogen auf Krankheit oder Gesundheit, beides ist für das Kapital dysfunktional: Pockenschutzimpfungen werden als Bedrohung der Krankheit (sie helfen) und als Bedrohung der Gesundheit (sie helfen nicht) propagiert. Endzeit und Neuanfang greifen ineinander. Ihr Zirkel läuft rund. Das im Innern der Gesellschaft Verleugnete wird auf ein Außen unter Einschluss einer Mission seiner Aufklärung projiziert: Aufklärung durch Aufklärungsvorstöße, Aufklärungsflugzeuge, Aufklärungspanzer. Je mehr das in der Gesellschaft Bekämpfte Opfer fordert, die, ersatzweise, als Kriegsopfer bedauert werden können, desto besser funktioniert diese Mission. Eine militarisierte Medienkampagne leistet ihr Vorschub in dem Maß, wie sie Nachschub liefert. Das Killen kommt »live« ins Haus und zeigt, wie fern die Bedrohung ist, wie nah der Schutz. Kurz, »wie gut es uns geht«. Ob auf dieses Außen, das im Innern per Reality-TV erscheint, die Reaktion erfolgt »Ich bin für den Krieg« oder die Reaktion »Ich bin gegen den Krieg«, bleibt sich gleich. Beide Positionen können aus ihrer Sicht die Endzeit oder den Neuanfang postulieren, da zum Selbstschutz des Leviathan auch der Präventionsschlag gegen den Blick gehört. Er kassiert und produziert beides. Pro und Contra. Er ist die ungeteilte Gewalt, die teilt, die spaltet. Er putscht stets auf zwei Registern. Dazu eine Geschichte, die zur Ratio und Rationalisierung der Gewalt zurückführt.

Francois Lyotard zitiert diese Geschichte (Das Patchwork der Minderheiten, 1977, 53 ff), die zeigt, dass Pro und Contra mit dem »Geschlechtsunterschied« identisch sind. Dies schließt nicht aus, sondern ein, dass auch Männer gegen den Krieg sein können. Denn unter Bezug auf den Leviathan sind sie in Frauen verkehrbar, und umgekehrt. Die einzig ausschlaggebende Frage ist das Verhältnis zur Gewalt. Sie wird in der Geschichte wie folgt beantwortet: Der chinesische General Sun Tze erhält vom König von Wu die Order, hundertachtzig seiner Frauen zu Soldaten auszubilden. Daraufhin »lässt Sun Tze die Frauen in zwei Reihen, die von den beiden Lieblingsfrauen angeführt werden, antreten und lehrt sie mit der Trommel den Befehlskodex: zwei Schläge: rechts um; drei Schläge: links um; vier Schläge: kehrt. Anstatt zu gehorchen, lachen und schwätzen die Frauen. Er wiederholt die Übung mehrere Male: Die Frauen versichern, den Kodex verstanden zu haben, aber jedes Mal gibt es nur ein großes Gelächter und allgemeines Durcheinander. Nun gut, sagt Sun Tze, Ihr lehnt Euch auf, dafür sieht das Militärgesetz den Tod vor: Ihr werdet also sterben. Man unterrichtet den König, der ihm verbietet, die Frauen schlecht zu behandeln, besonders die Lieblingsfrauen. Sun Tze lässt ihm antworten: Ihr habt mir den Auftrag gegeben, sie in die Kriegskunst einzuführen, das übrige ist meine Sache. - Und mit seinem Säbel schlägt er den beiden Führerinnen den Kopf ab. Sie werden durch andere ersetzt und das Exerzieren wird wieder aufgenommen. ›Und als ob diese Frauen ihr Leben lang nur das Kriegshandwerk betrieben hätten, folgten sie schweigsam und fehlerlos den Befehlen‹.«

Reale und symbolische Gewalt

»Kopf ab und marschieren«, das ist die Ratio der Gewalt. Dennoch muss sie rationalisiert werden, da nur lebende Tote zur Ausführung von Befehlen imstande sind. Die zwei Register des Leviathan operieren darum sowohl mit realer als auch mit symbolischer Gewalt. Ihr Repräsentant ist der König, der seinem General »verbietet«, was er ihm zugleich befiehlt, das heißt: Aus der symbolischen Gewalt seines Befehls ist die reale Gewalt ausgeschlossen und dem General übertragen, der sie im »geheimen Einverständnis« mit jenem vollzieht. Dabei partizipieren beide an der ungeteilten Gewalt des Leviathan, die teils dem König, teils dem General zukommt. Ihr apersonales Zeichen ist der Säbel, der, seinerseits ungeteilt, teilt. Er trennt die Köpfe von den Körpern und stellt so das »Einverständnis« Aller her. Die Frauen, die von Soldaten nicht mehr unterschieden sind, exerzieren perfekt zwecks Aufschub ihres Todes, der ihnen, wie es scheint, erst jetzt als reale Gewalt vorausgesetzt ist, der ihnen jedoch immer schon als symbolische Gewalt vorausgesetzt war: Sie wird im Augenblick ihrer »Wertekrise« - die Frauen lachen sich »tot« über das Militärgesetz - durch reale Gewalt erneuert. Sie deckt die symbolische Gewalt, ohne dass jedoch gelten könnte, dass diese oder jene im Spiel gewesen ist. Gewalt ist »verboten«, war also nie befohlen. Die Führerinnen waren immer schon kopflos und, wie alle Frauen, lächerlich.

Die verleugnete Gewalt kehrt im »Geschlechtsunterschied« wieder, der durch die Köpfung der Führerinnen hergestellt wird. Lyotard erklärt dies mit Lacan: Denn der Köpfung durch den Hieb des Säbels entspricht die »Urverdrängung« des Weiblichen bei dessen Identifikation mit dem Phallus. Doch der Unterschied des »Geschlechts«, der des Weiblichen im Unterschied zum Phallus, ist keiner des »Geschlechts«. Er wird durch den Einsatz von realer Gewalt produziert, die durch den Einsatz von symbolischer Gewalt auf Dauer gestellt wird. Der Säbel wird zum Phallus, mit dem sich die Frauen, in Soldaten verkehrt, identifizieren, nachdem die Köpfung geschehen ist. Lyotard zieht daraus den Schluss: »Zivilisierte Frauen sind Tote oder Männer«. Der Hieb des Säbels stellt die Toten her, die Identifikation mit dem Phallus die Männer. Das Weibliche ist, geköpft oder urverdrängt, aus dem Spiel, und mit ihm die Herkunft des Lebens. Denn Alle haben ihr Leben der ungeteilten Gewalt des Leviathan zu opfern, sei es durch reale oder symbolische Tötung. Unter dieser Bedingung sind Männer und Frauen gleich, die unter eben dieser Bedingung ungleich sind. Beides erklärt sich unter Bezug auf die ungeteilte Gewalt des Leviathan, die teilt, spaltet, auseinanderdividiert. Alle sind eine Funktion seiner selbst im Kampf des Beherrschenden gegen das Beherrschte, der nur ein aktives oder ein passives Verhältnis zur Gewalt kennt.

Aber wirkliche Männer sind, selbst wenn sie Frauen sein sollten, keine »zivilisierten Frauen«. Wirkliche Männer haben ein aktives Verhältnis zur Gewalt, sie sind zur Repräsentation des Phallus und zum Führen des Säbels legitimiert, ihnen ist die Ratio der Gewalt zugesprochen, das Töten auf Befehl. Für Frauen gilt das Gegenteil, weil sie als Männer »zivilisierte Frauen« sind. Sie haben ihr passives Verhältnis zur Gewalt zu rationalisieren, sie sind für den Frieden da, wirkliche Männer für den Krieg. Der weibliche Exerzierplatz des Friedens stützt und spiegelt das männliche Schlachtfeld des Krieges unter der Bedingung, dass das passive Verhältnis der Frauen zur Gewalt ein Sich-Totstellen ist. Das aktive Verhältnis zur Gewalt seitens der Männer heißt dagegen, dass sie sich mit dem Tod als Tötung konfrontieren. Sie machen ernst mit der Gewalt. Die Gewalt wird als »Militärgesetz« codiert, das ihre Kriegsarbeit in dem Maß legitimiert, wie sie die Friedensarbeit der Frauen mitproduziert. Indem die Frauen diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung akzeptieren, führen sie ein Leben in Todesangst, ohne dass sie der Tötung der Männer etwas entgegensetzen. Im Gegenteil. Ihre Friedensarbeit hält die Kriegsarbeit aufrecht, weil sich das Zivile durch das Militärische definiert, und der Krieg den Frieden bestimmt, nicht umgekehrt.

Ob die Gewalt offensiv oder defensiv, als propagierte oder verschwiegene Gewalt eingesetzt wird: Ihr Code ist das »Militärgesetz«, das sowohl den erklärten Krieg als auch das unerklärte Verbrechen legitimiert, weil dieses Gesetz zugleich gesetzlos funktioniert. Dabei kann es sich, ob seine Zielsetzung der legale Kampf oder der illegale Überfall ist, auf das arbeitsteilige Verhältnis zum Tod und zur Tötung verlassen. Denn wirklich zivilisierte Frauen vertreten das »Militärgesetz«, dem sie unterworfen sind. Wirklich zivilisierte Frauen beteiligen sich am Krieg, ohne dass sie an ihm beteiligt sind. Wirklich zivilisierte Frauen existieren nicht, außer sie stehen ihren Mann. Wirklich zivilisierte Frauen sind Tote im Leben, die ihre symbolische Tötung überleben. Sie bedingt alles, was an Entwertung, Minderwertigkeit, Stigmatisierung, Diskriminierung denkbar, vorstellbar, spürbar ist. In dieser symbolischen Tötung, in der sich eine reale verbirgt, hat jeder das Zivile sich unterwerfende Krieg seinen Ausgangspunkt. Und sollte er auf eine »Wertekrise« zurückzuführen sein, die nicht aus dem Sich-Totlachen der Frauen über das »Militärgesetz« resultiert, dann ist es die, dass das aktive und passive Verhältnis zur Gewalt als Wertunterschied des »Geschlechter« gehandelt wird. Seine Meßlatte ist der Phallus, an dem gemessen der Frau ein »verkürztes Geschlecht« zukommt, was rechtfertigt, dass sie um einen »Kopf kürzer« gemacht wird. Der wirkliche Mann weist dagegen sein »Geschlecht« als unverkürzt aus, dessen Vergrößerung, Verlängerung, Wertsteigerung mittels seiner Ersetzung durch eine Waffe gewährleistet ist. Ihr hat die Frau nichts entgegenzusetzen, außer sie leistet selbst den »Dienst an der Waffe«, was ihr durch den Europäischen Gerichtshof seit Beginn des Jahres 2000 gestattet ist. Aus Lyotards Schluss, dass »ziviliserte Frauen Tote oder Männer sind«, folgt darum, dass die Soldatin die zivilisierte Frau schlechthin ist. Vor allem, wenn sie fällt, wenn sie eine Tote ist.

Das paranoide Universum der Einen Welt

Seit dem Sturz der phallischen Türme des World Trade Center herrscht Krieg, für den eine Identifikation mit dem Phallus und seinen Waffengattungen zwingend ist. Dabei hat sich die »eine Welt«, die als die »gesamte freie und zivilisierte Welt« im »Kampf gegen den Terror« zusammensteht, in ein paranoides Universum verkehrt, weil die verleugnete Realität in ihrem Innern sich auf kein Außen mehr projizieren lässt. Der Terror, der bekämpft werden soll, schlägt zurück. Die innere Sicherheit, die verteidigt werden soll, führt zur Entsicherung. Die Formel des Leviathan, »Schutz durch Bedrohung«, scheint nicht mehr zu funktionieren. Er ist mit einer »offenen Gesellschaft« konfrontiert, »die sich selbst nicht mehr schützen kann«. Ihr Gewaltpotenzial bietet sich als Opfer an. Ihre Kernkraftwerke, Labors in Hochsicherheitstrakts, Rüstungs- und Chemiefabriken erscheinen als »Bomben« eines Angriffs, der, obwohl er noch bevorsteht, schon geschah. Die Endzeit dieses Angriffs verweist auf einen Neuanfang, der nur noch ein Vorgriff auf eine weitere Katastrophe sein kann. Das paranoide Universum der »einen Welt« steht unter Wiederholungszwang. Sein Zirkel läuft rund, und er läuft heiß im Zentrum eines Ausschluss- und Einschlussmechanismus, der die Formel »Schutz durch Bedrohung« inflationär reproduziert. Je weniger sie noch greift, desto mehr lädt sich ihre binäre Logik mit einer religiösen Metaphorik auf, die sich längst schon auf die Wiederkehr des Bösen und die Rettung des Guten reduziert, das Schutz in eine Prävention der Verdunkelung mittels seiner eigenen »Drohkulisse« pervertiert.

Dabei kann sich das Gute auf wirkliche Männer und solche, die zivilisierte Frauen sind, berufen. Eben darum steht für das Böse nur ein »weiblicher Feind« zur Verfügung, der Schurke, dem das weibliche Pendant in dem Maß fehlt, wie es den Toten angehört. Der »weibliche Feind« des Schurken ist sowohl die Umkehrung der »orientalischen Despotie«, insofern er der »Speichellecker« ist, als auch eine Umkehrung des »Terrors der Gleichen«, insofern er der »Halunke« ist. In beiden Bildern, die mit denen des »Diktators« und des »Fundamentalisten« zu überblenden sind, taucht das Grauen der Moderne vor ihrer eigenen Revolution auf, ohne dass das paranoide Universum der »einen Welt« sich mit seiner eigenen Geschichte konfrontiert. Auf der Strecke dieser Geschichte blieb auch das Weiblich-Böse, das, geköpft und urverdrängt, den Toten angehört. Damit stimmt überein, dass heute keiner Frau mehr Relevanz zukommt, außer sie propagiert den Krieg, außer sie folgt »schweigsam und fehlerlos« den Befehlen einer Todesmacht, die für diesen Krieg Codeworte wie diese als Losung ausgab und -gibt, deren binäre Logik von Gut und Böse stets das Gegenteil propagiert. Versprochene Erlösung ist Verdammung. Grenzenlose Gerechtigkeit ist grenzenlose Vergeltung. Dauerhafte Freiheit ist Dauerbombardement. Schneller Frieden ein Krieg, der nicht endet. Der Gesellschaftsvertrag, dessen Garant der Leviathan sein sollte, ist aufgelöst. Massenvernichtungswaffen werden zur Entwaffnung eingesetzt und die Demokratie wird herbeigebombt. Die vorausgesetzte Gewalt zeigt heute die Visage des Mörders.

Die Identifikation des Weiblichen mit dem Phallus wurde von dem Psychoanalytiker Jacques Lacan beobachtet: Er schrieb, der Mann habe den Phallus und die Frau sei der Phallus.

00:00 11.04.2003

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