Kopiert mein Buch!

Medientagebuch Ein Autor erklärt, warum er sich dazu entschlossen hat, sein jüngstes Buch im Netz zu verschenken

Letztes Jahr erschienen in Deutschland 61.538 neue Bücher, 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz des Buchhandels sank gleichzeitig im dritten Jahr in Folge. Konjunkturbedingt seien diese Schwankungen, heißt es dazu vom Börsenverband des deutschen Buchhandels. Kein Grund zur Unruhe also. Gleichzeitig sank die Zahl der Buchhandlungen jedoch um alarmierende 13,4 Prozent.

Es gibt also immer mehr Bücher für immer weniger Leser, die über immer weniger Händler angeboten werden. Zuwächse gibt es nur für Internet-Versandangebote, große Ketten und fachfremde Händler - Supermärkte, Kioske und Kaufhäuser, die ein paar Dutzend ertragreiche Titel neben Kaugummi und Bild-Zeitung anbieten. Die Gewinner dieser Entwicklung: Harry Potter, Oliver Kahn und Bill Clinton. Wer in solch einem Umfeld als Autor erfolgreich sein will, muss sich etwas einfallen lassen. Oder einfach nur gute Vorbilder haben.

In den USA sieht die Situation noch weitaus fataler aus. Die nicht existierende Buchpreisbindung hat dort dazu geführt, dass Ketten wie Barnes Noble den Buchmarkt fast vollkommen dominieren. Aktuellen Statistiken zufolge haben im Jahr 2003 zudem weniger als 50 Prozent aller US-Amerikaner ein Buch gelesen. Dennoch gibt es auch dort immer wieder Autoren, die es schaffen, aus der Nische heraus Erfolge zu feiern.

Ein Beispiel dafür ist der Science Fiction-Autor Cory Doctorow. Anfang 2003 entschloss er sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Während sein Verlag daran arbeitete, die Hardcover-Exemplare von Doctorows Erstlings-Roman Down and out in the magic kingdom in den Handel auszuliefern, stellte er das Werk als PDF-Datei zum kostenlosen Download ins Netz. Doctorow verkaufte dennoch mehr als 10.000 Exemplare des Buchs. Normalerweise können Science Fiction-Autoren sich in den USA glücklich schätzen, wenn sie 5.000 Stück ihres Erstlingswerks an den Mann bringen.

Inspiriert von Doctorows Erfolg entschloss ich mich im Frühjahr diesen Jahres zu einem ähnlichen Experiment. Rund ein halbes Jahr zuvor war mein Sachbuch Mix, Burn R.I.P. in Deutschland erschienen. In dem Buch beschreibe ich, wie sich die Musikindustrie vergeblich gegen Tauschbörsen wehrt und wie Musiker im Netz neue Foren für ihre Werke entdecken. Das Thema lädt geradezu dazu ein, ebenfalls mit neuen Vertriebsformen zu experimentieren. Glücklicherweise zeigte sich mein Verlag spontan angetan von der Idee. Gemeinsam entschlossen wir uns also, Anfang Juni eine elektronische Ausgabe zum kostenlosen Download freizugeben.

Der Termin war mit Bedacht gewählt. Anfang Juni wurden in Berlin die deutschen Versionen der Creative Commons-Urheberrechtslizenzen vorgestellt. Creative Commons ermöglicht es Kreativen, ihrem Publikum spezifische Nutzungsrechte zu gewähren, die über den klassischen Urheberrechts-Grundsatz "Alle Rechte vorbehalten" hinaus gehen. Mix, Burn R.I.P. ist eines der ersten Bücher, die unter den Bedingungen einer deutschen Creative Commons-Lizenz veröffentlicht werden. So können Leser die digitale Ausgabe meines Buchs nicht nur kostenlos aus dem Netz laden, sondern auch selber weiter verbreiten. Sie dürfen es kopieren, auf ihrer privaten Website zum Download anbieten und mit P2P-Programmen wie Kazaa oder Emule tauschen. Wenn sie das Buch jemandem empfehlen wollen, können sie es ihm gleich auch per E-Mail schicken.

Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob dieses Experiment gelungen ist. Die ersten Zeichen sind jedoch bereits sehr ermutigend: Der Verlag verkaufte nach der Online-Veröffentlichung nahezu doppelt so viele Exemplare des Buchs wie im Vormonat und rund 24 Prozent mehr als in den vorangegangenen fünf Monaten. Dazu erreichten mich zahlreiche E-Mails angetaner Leser. Viele erklären, sie wollten sich das Buch bald auch als Druckwerk kaufen.

Die Freigabe meines Buchs im Netz ist jedoch mehr als nur ein scheinbar recht gut funktionierendes Marketing-Mittel. Das Internet hat einen Streit darum entfacht, wie unsere Gesellschaft mit geistigem Eigentum umgehen sollte. Am bekanntesten ist diese Auseinandersetzung von der Musikindustrie, die mit Strafanzeigen und Kopierschutz-Technologien gegen Tauschbörsen und digitale Kopien ankämpft.

Doch der Trend zum Urheberrechts-Maximalismus hat längst auch die Buchwelt erreicht. Manch einer hält hier kopiergeschützte elektronische Bücher für die Zukunft. Diese lassen sich nur auf autorisierten Geräten lesen. Kopien, Ausdrucke und sogar Zitate werden unterbunden. Dies bedroht nicht nur den ungehemmten Wissensaustausch über Leihbüchereien, Universitäten und private Lesezirkel. Es ist auch ein falsches Signal angesichts einer massiven Krise. Wenn wir eine Gesellschaft wollen, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung liest, dann sollten wir Bücher nicht digital wegschließen - sondern den Zugang zu ihnen so einfach wie möglich machen.

Janko Röttgers

Janko Röttgers´ Buch Mix, Burn R.I.P. gibt es unter www.mixburnrip.de zum kostenfreien Download. Cory Doctorows Bücher lassen sich unter www.craphound.com herunterladen.


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00:00 06.08.2004

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