Körperarbeit

MANNSEIN BZ

Gibt es (auch für einen Fußball-Muffel) einen besseren Anlass, mit der Männerkolumne fortzufahren, als die zurückliegende Fußball-EM, die uns allen so tiefe Einsichten in zentrale Kategorien kritischer Männerforschung bescherte? Und wer hätte es gedacht, dass uns hier ausgerechnet Springer die in der Männerforschung vorherrschende Sichtweise von Geschlecht und Männlichkeit als soziales Konstrukt so plastisch in dem Satz »Macht aus unseren Pfeifen Männer«, der am Tag nach der Bekanntgabe der beiden neuen Bundes trainer auf der Titelseite der BZ thronte, vor Augen führte. Noch präziser formulierte BILD am Tage vor dem England-Spiel den sozialkonstruktivistischen Ansatz in der Schlagzeile: »Steht auf, wenn ihr Männer seid» - also ganz klar, Mann wird nicht als Mann geboren, er ist eigentlich eine »Pfeife«, muss erst mal gründlich geschleift werden. So pflegt - wie es der Berliner Tagesspiegel meldet - der designierte Bundestrainer seine Spieler auch mal über Scherben zu jagen.

Aber sage keine(r), Männer wären emotionslos! Auch hier hat uns der Blick in die lachenden, grölenden und bunt bemalten Männergesichter in den Stadien etwas anderes gezeigt. Und von wegen, Männer können nicht weinen ! Wie haben etwa die niederländischen Männer nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft geheult - da dürfte jeder Leiter einer therapeutischen Männergruppe wohl blass vor Neid werden! Als Hooligans haben Männer aber auch wieder gezeigt, dass überwiegend sie es sind, die prügeln und schlagen, die physische Gewalt ausüben. Das heißt jedoch nicht, dass alle Gewalt männlich ist und dass nur Frauen das Opfer männlicher Gewalt sind. Die Opfer der Hools waren (meist) männliche Polizisten.

Auch erhielt man(n) tolles Anschauungsmaterial für das Männerbund-Theorem - insbesondere bei der deutschen Mannschaft. Jeder sollte sich der Mannschaft unterordnen, Mannschaftsinteressen sollten vor Einzelinteressen gehen, wobei intern eine klare Hackordnung existiert. So werden Männerbünde in der Männerforschung allgemein als eine stark hierarchisierte Wertegemeinschaft gesehen, die sich aber nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen bestimmte Männer abschließt. In dieser Hinsicht wurde beim deutschen Team die enge Verbindung von Männlichkeit, Sport und Nationalismus offensichtlich. Ist es von daher nicht mehr als positiv zu sehen, dass mit den Franzosen eine Mannschaft die EM gewann, deren Team sich multikulturell zusammensetzt?

Schließlich war die Trainerbank aus männerforschender Perspektive höchst interessant, zeigte sich hier doch sehr eindrucksvoll der Wandel hegemonialer Männlichkeitstypen. Vorbei sind die Zeiten, in denen etwa ein Helmut Schön mit Schlappmütze und ausgebeultem Trainingsanzug aus ausgebleichter, dicker dunkelblauer Baumwolle am Rande des Spielfeldes stand - der neue Trainertyp vom Format eines Dino Zoff oder Frank Rij kaard ist gekleidet in edlem Tuch, seine Frisur wetgel-gestylt. Er ist auch nicht mehr der paternalistische Patriarch, der ein offenes Ohr für private Probleme seiner Jungs zu haben scheint. Er ist vielmehr der technokratische, rational kalkulierende Mannschaft-Manager im Sinne des Unternehmer-Speku lierers als dominierendem Männlichkeitstyp der neoliberalen Globalisierung. Dabei ist ein schöner Männerkörper nicht mehr Ausdruck moralischer Vollkommenheit, sondern Ausdruck ökonomischen Erfolgs. Und so haben Männer noch nie soviel Zeit und Geld für ihr Äußeres ausgegeben wie in den letzten fünf Jahren, Bauchmuskeln - der sagenhafte »Waschbrettbauch» - gelten nach dem Männermagazin Men's Health als «... das Maß für einen attraktiven Männerkörper«.

Die Orientierung auf den eigenen Körper, der auch von weiten Teilen der Männerbewegung nachvollzogen wird, sollte aber nicht als Aufbruch über die Zweigeschlechtlichkeit oder gar als Aufbruch zur Überwindung der männlichen Dominanz gesehen werden. Er bildet vielmehr ein bewährtes Reaktionsmuster von Männern in Umbruchs- und Krisenzeiten. Schon nach der Wende zum 20. Jahrhundert konnte in Folge der ersten Frauenbewegung eine Hinwendung der Männer zu mehr »Körperarbeit» sowie - und damit sind wir wieder bei der Fußball-EM - eine Bedeutungszunahme des Sports im öffentlichen Leben beobachtet werden. Von einer authentischen Körperlichkeit von Männern sind wir wohl noch weit entfernt.

Peter Döge

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