Wozu noch Aufklärung?" Der Tagungs-Titel, ausgedacht Anfang des Jahres, war zunächst nur eine ironische Brechung, mit der man uns auf die Vorstellung eines selber unerwartet witzigen Buches vorbereitete, der Übersetzung von Teilen der französischen Encyclopédie aus dem 18. Jahrhundert. Nach dem 11. September war es ein naheliegender Schrei und eine tödlich ernste Frage geworden. Die im Einstein-Forum zusammensaßen - Hans-Magnus Enzensberger, Jan Assmann, Roland Mortier und andere -, sahen in der Konfliktzuspitzung seitdem wohl nicht nur Amerikas Krieg, als wäre es nicht ihre, unsere Lebensweise, die in Afghanistan mit Streubomben verteidigt wird. Vielmehr wollten sie sich zur geistigen Dimension dieser Lebensweise, eben der Aufklärung, bekennen. Es war ein verzweifelter Versuch. Mortier, der die politische Fortschrittlichkeit der Enzyklopädisten so gut erklären konnte, verbarg seinen Pessimismus über den Ausgang des Clashs der Kulturen nicht. Er urteilte: Mit Leuten zu reden, die sagen, Gott sei ihr Vater und der Bezugspunkt ihres Handelns, sei hoffnungslos. Es gelte vielmehr, die Antworten der Aufklärung der heutigen Zeit anzupassen.

In diesem Horizont bewegte sich die Tagung. Ist nicht auch schon von Schattenseiten der Aufklärung gesprochen worden? Von ihrer "Dialektik"? Der Unwille nicht weniger Aufklärer, ihre Distanz zu älteren Produkten des menschlichen Geistes auch als Übersetzungsproblem zu begreifen, gehörte immer dazu. Viele hatten beträchtliche Schwierigkeiten, auch nur die Psychoanalyse zu akzeptieren, die unterstellt, dass Rationalität mit Verdrängung einhergehen kann. Und nun gar die Zumutung, mit Leuten zu reden, die das Fremdwort "Gott" in den Mund nehmen! In Potsdam wurde wenigstens Foucault referiert, bei dem man auf das Übersetzungsproblem hätte aufmerksam werden können. Foucault unterstrich ja, dass seit der frühen Neuzeit das metaphorische Denken und Sprechen verpönt ist oder als bloß spielerisch gilt. Eine Haltung, die oft dazu führt, dass man vorneuzeitliche Artikulationsweisen nicht mehr versteht und also auch nicht übersetzen kann. Doch das war es nicht, worüber gesprochen wurde. Vielmehr mühte sich Madame Colliot-Thélène, Foucault als Aufklärer einzugemeinden.

Er hatte sich am Ende seines Lebens mit Kant auseinandergesetzt, in dem Text Was ist Aufklärung? von 1984. Colliot-Thélène las heraus, dass sich da ein Aufklärer, mit ein paar kleinen Korrekturen, auf einen anderen Aufklärer beruft. Doch so klein waren die Korrekturen gar nicht, die sie referierte: Während Kants Kritik darauf zielt, im Kritisierten einen rationalen Kern zu retten, geht es Foucault darum, "das Kontingente unseres Daseins ans Licht zu bringen"; Aufklärung ist Archäologie geworden, "eine Kritik der Gegenwart durch geschichtliche Ontologie unserer selbst". Springt es uns da nicht an, dass Foucault Atheist war - sehr anders als Kant? Die "Kontingenz unseres Daseins" ist die Absage an jede Hoffnung auf Heilsgeschichte. Kant hatte die Hoffnung durchaus nicht aufgegeben, sondern nur ein wenig säkularisiert. Da bei ihm noch das "Reich Gottes" als Bezugspunkt moralischen Handelns angegeben ist, wäre er, wie es scheint, für Herrn Mortier kein Gesprächspartner gewesen.

Viele Aufklärer der Potsdamer Tagung folgten, ohne es zu merken, Foucault - unter Einsparung seines Dialogs mit der Vormoderne. So forderte der Historiker Heinz Dieter Kittsteiner, wir sollten uns "einrichten, im Unsinn zu leben". Der schwedische Schriftsteller Lars Gustavsson behauptete, jeder, der wie er selbst die Evolutionstheorie dem Kreationismus amerikanischer Biblizisten vorziehe, gebe damit zu erkennen, dass er die menschliche Existenz für vollkommen sinnlos halte. Was für eine Konfusion. Haben denn etwa Kant und Lessing oder auch Diderot und d´Alembert die menschliche Existenz für sinnlos gehalten? Warum traten sie dann für die Erziehung des Menschengeschlechts ein? Vor ein paar Jahren gab es noch Kongresse, auf denen die besonders schneidigen Aufklärer Brandreden für Sartre und gegen Foucault hielten. Das war ehrlicher. Oder: Da war die Verwirrung noch nicht so groß. Da gab es den "11. September" noch nicht. Heute scheint sich die Aufklärung dem Absurdismus annähern zu wollen. Die neuen Theoretiker der Sinnlosigkeit haben eine Kleinigkeit vergessen: dass das World Trade Center einen Sinn hatte und vielleicht gerade deshalb zerstört wurde.

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00:00 09.11.2001

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