Kräne, tanzt!

Ukraine Künstler haben die Maidanproteste initiiert. Künstler suchen auch jetzt nach einer Zukunft für das Land
Christine Dissmann | Ausgabe 46/2019

Der Mann hat keine Zeit zu verlieren. „Ich arbeite schnell – denn bei uns in der Ukraine weiß man nie, was morgen los ist und ob wir unsere Pläne dann noch umsetzen können.“ Der ukrainische Regisseur und Kurator Andriy Palatnyi springt auf, schüttelt uns kurz die Hände und verschwindet – zum nächsten Termin, zum nächsten Meeting. Palatnyi organisiert die Festivalreihe Gogolfest, das größte zeitgenössische Kulturfestival der Ukraine, das bereits seit zwölf Jahren mit einem anspruchsvollen Programm durch mehrere ukrainische Städte tourt. Das Gogolfest ist verbunden mit der Vision, das immer noch junge, innerlich zerrissene Land Ukraine kulturell aus dem Dornröschenschlaf zu küssen und seine Städte untereinander und mit der Welt zu verbinden. Für diese Vision sind Palatnyi und eine kleine Handvoll idealistischer Mitstreiter unermüdlich in dem weiten Land unterwegs, stets auf der Suche nach geeigneten Locations, neuen Ideen und Künstlern, stets im Kampf gegen fehlende Mittel, eine ineffiziente, aber mächtige Bürokratie und die zähen Beharrungskräfte innerhalb der eigenen Gesellschaft. Was treibt sie an?

„Seit dem Maidan 2013/14 ist die freie Kulturproduktion in der Ukraine zu bisher unbekanntem Leben erwacht. Es waren Künstler, die die Maidanproteste initiiert haben, und jetzt sind es wieder die Künstler, die den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben“, sagt Nina Goncharenko vom Goethe-Institut in Kiew, zuständig für Film, Theater und Musik. „Künstler scheinen eine erhöhte Sensibilität dafür zu haben, was unter der Oberfläche einer Gesellschaft rumort – und sie haben eine besondere Fähigkeit, ihre Wahrnehmung offen zur Sprache zu bringen, auszudrücken und damit wichtige Impulse zu geben.“

Mit welcher Energie sich Kunstschaffende in der Ukraine an der Suche nach ihrer kulturellen Identität und der Bewältigung geschichtsbedingter Traumata abarbeiten, erfahren wir während unseres zweiwöchigen Theater-Roadtrips quer durch das Land. Wir, ein junges Performance-Kollektiv aus Berlin, sind eingeladen, einen Festivalbeitrag für die Ausgabe des diesjährigen Gogolfests in Dnipro als artists in residence zu erarbeiten und zu zeigen. Während der wenigen Tage vor Ort müssen auch wir lernen, flexibel den rauen Widrigkeiten zu begegnen, die wortwörtlichen Löcher im Bühnenboden werden erst in allerletzter Minute vor der Aufführung notdürftig mit Brettern abgedeckt. Was für uns ein abenteuerliches Aperçu bleibt, ist für die Künstler und Kollegen vor Ort tägliche existenzielle Herausforderung. Dabei ist die Sehnsucht nach Aufbruch, Anschluss und Veränderung gerade innerhalb der jungen Generation groß – nicht alle haben genug Stehvermögen und Geduld, viele junge Menschen zieht es in den Westen.

Wie eine Adrenalinspritze

Die Macher des Gogolfests sind nicht die Einzigen, die sich der großen Aufgabe verschrieben haben, ein neues kulturelles Narrativ für die Ukraine zu entwickeln. Da gibt es zum Beispiel Dima, einen jungen Musikstudenten in Kiew. Sein Instrument ist die Bandura, eine Art ukrainische Laute, die während des Sowjetregimes verboten war und deren Spieler als Träger ukrainischer Nationalkultur erbarmungslos von den sowjetischen Besatzern verfolgt wurden. Eine internationale Musikkarriere hat Dima als Banduraspieler auch heute kaum zu erwarten, ihn motiviert etwas anderes: „Es ist mein Traum, mit meiner Musik die Wurzeln ukrainischer Kultur wiederzubeleben und damit etwas für mein Land zu tun.“

In der Stadt Charkiw, die nur 20 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt liegt und die unter starkem prorussischen Einfluss steht, treffen wir Veronika Skliarova, die Programmdirektorin des Theater-Festivals Paradefest. Der Krieg im Donbass ist hier gleich um die Ecke. Entsprechend wird die diesjährige Ausgabe des Festivals unter der Überschrift „Violence and Utopia“ veranstaltet und setzt sich mit dem sowjetischen Erbe in Charkiw und den mentalen Folgen des Kriegs für die Bevölkerung auseinander.

„Obwohl wir eine internationale Universitätsstadt sind, haben wir hier ein Problem mit Offenheit und Toleranz“, sagt Skliarova. „Autoritäres Gedankengut sitzt tief in den Köpfen der Menschen, unsere Kinder lernen nach wie vor eher, bestimmte Inhalte zu denken, als frei zu denken.“ Mit dem Paradefest will Skliarova einen Beitrag zum Aufbau einer demokratischen Zivilgesellschaft leisten, sie bringt Künstler, Aktivisten und Engagierte aus vielen Teilen des Landes zusammen, zu Austausch und gegenseitigem Empowerment. Während das Paradefest sein Programm aus der spezifischen Gemengelage der Stadt Charkiw heraus entwickelt, setzt das Gogolfest auf eine künstlerische Überwältigungsstrategie: Hier werden Hafenkräne zum Tanzen gebracht, Opern in U-Bahn-Schächten und auf Baugerüsten im öffentlichen Raum aufgeführt, postsowjetische Filmstudios gekapert und ganze Züge in ein (fahrendes) Theaterspektakel verwandelt. Vlad Troitsky, Spiritus Rector des Gogolfests und kreativer Kopf hinter vielen wichtigen Inszenierungen, denkt in großen Zusammenhängen und geht dabei immer wieder ungewöhnliche Verbindungen ein: Drama meets Schwerindustrie meets Puppentheater meets Punk meets Kabarett meets politische Botschaft.

Das Ganze ist dabei nie schwülstig oder überladen, sondern kraftvoll, poetisch, witzig und vor allem: optimistisch. Kunst als Adrenalin-Injektion, direkt ins Herz der Gesellschaft. Befreit von postsowjetischem Formalismus, befreit auch von Angst – dafür aufgeladen mit einem leidenschaftlichen Willen, die ureigene künstlerische Sprache zu finden. Das Publikum nimmt es dankbar an, hier ist man noch lange nicht übersättigt von Festivalisierung und Event-Betrieb der Kultur, es wird aufmerksam zugehört, aufgenommen und das Bühnengeschehen zur eigenen Situation in Beziehung gesetzt. Es gibt Beifall und Jubel, aber auch Protest bei laufender Aufführung. Man spürt: Auch das Publikum bringt eine große Portion Leidenschaft für die Sache mit. Für seine herausragende künstlerische Leistung ist das Gogolfest in diesem Jahr mit einem EFFE Award der Europäischen Union ausgezeichnet worden. Wir finden: zu Recht.

Christine Dissmann war im Herbst 2019 mit ihrem Ensemble „bazaar europa – young theatre across borders“ zwei Wochen lang auf Theatertour in der Ukraine

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06:00 08.12.2019

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