Wolfgang Kötter
29.08.2009 | 15:10 2

Krankheit als Waffe

Bio-Waffen Nicht nur die grassierende Schweinegrippe lässt ahnen, was geschehen könnte, wenn Militärs, Terroristen, oder Kriminelle Infektionskrankheiten als Waffe verwenden.

Sich dem friedliche Gebrauch der Biowissenschaften zu widmen, ist erklärtes Anliegen der Konferenz über biologische Waffen im Genfer Palast der Nationen. Bereits im Vorfeld haben Experten eine klare Begriffsbestimmung und Unterscheidung zwischen Biosafety (Sicherheit) und Biosecurity (physischer Schutz) vorgenommen. Erstere umfasst Maßnahmen, die Wissenschaftler und die Bevölkerung davor schützen sollen, durch Unfälle oder Unachtsamkeit bei der Forschung versehentlich mit Krankheitserregern infiziert zu werden. Durch Biosecuriy, den physischen Schutz von biologischen Agenzien, soll zugleich die Gefahr minimiert werden, dass Krankheitserreger absichtlich eingesetzt werden, um Seuchen oder Epidemien auszulösen. Auf eine Kurzformel gebracht liegt die Unterscheidung also darin, dass Biosafety Menschen vor gefährlichen Krankheitserregern schützt, während Biosecurity Krankheitserreger vor gefährlichen Menschen schützt.

In Genf konferieren dazu Diplomaten und Biowissenschaftler, denn die Biotechnologie breitet sich derzeit rasant aus, dass es dringlicher denn je erscheint, alles zu tun, damit Forschungsergebnisse nicht missbraucht und militärisch eingesetzt werden können. Folglich ist eine kompetente Expertise gefragt. In Genf sind deshalb auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE), das UN-Umweltprogramm (UNEP), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und das Internationale Rote Kreuz (IKRK) vertreten.

Spanische Grippe wiederbelebt

Immer wieder entpuppen sich Forschungslabore selbst als Risikoquelle. So entstammte der Anthraxerreger, der kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA mit Briefen verschickt wurden, aus dem Hochsicherheitslabor der US-Army in Fort Detrick. Am Ende starben fünf Menschen, nachdem sie die Milzbrandsporen beim Öffnen der Briefe eingeatmet hatten, 17 erkrankten an Lungenmilzbrand. Im schlimmsten Fall hätten mit den verschickten Bakterien bis zu 100.000 Menschen getötet werden können. 

So manche Biowissenschaftler wandeln auf hochgefährlichen Pfaden. Von einem Forscherteam im US Armed Forces Institute of Pathology in Washington ist etwa die Spanische Grippe gentechnisch wiederbelebt worden, die 1918/19 weltweit etwa 40 Millionen Menschenleben gefordert hatte. Wissenschaftler der Australischen Nationaluniversität in Canberra entwickelten irrtümlich einen neuen Stamm des Erregervirus von Mauspocken, der sogar geimpfte Tiere infiziert.

In einem anderen Fall sah sich die WHO gezwungen, vor einem lebensbedrohlichen Grippevirus zu warnen, das versehentlich an mehr als 3.700 Labors in 18 Ländern verschickt worden war. Die Proben waren routinemäßig vom College of American Pathologists in Northfield ( US-Staat Illinois) für Qualitätskontrolltests versandt worden. Erst Monate später bemerkte ein kanadisches Labor, dass sie falsche Grippeerreger enthielten, nämlich den Erreger der Asiatischen Grippe, der 1957/58 eine Pandemie ausgelöst hatte. Auch sechs deutsche Labore in Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern erhielten solche Proben. Erst eine Woche später kam endlich die erlösende Nachricht, alle Kulturen der verschickten Viren seien zerstört.

Angst vor Gesundheitsrisiken

Nicht zu Unrecht wird also befürchtet, dass gefährliche Krankheitserreger außer Kontrolle geraten. Die Sorge ist berechtigt. So starb eine russische Wissenschaftlerin, nachdem sie sich versehentlich mit dem Ebolavirus infiziert hatte. In der Universität Boston wurden die Forschungsarbeiten an einem Impfstoff mindestens noch einen Monat lang fortgesetzt, obwohl drei Mitarbeiter an den Erregern der Hasenpest (Tularämie) erkrankt waren. In China begann der Ausbruch des Atemnot-Syndroms SARS mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Forschungslabor.

Dass weltweit die Beunruhigung über unkalkulierbare Risiken wächst, erscheint nachvollziehbar. So löste der geplante Bau eines Biowaffen-Labors mitten in der Großstadt Boston einen Eklat aus: 150 Wissenschaftler protestierten in einem Brief an Bürgermeister Thomas Menino gegen die Entwicklungsstätte biologischer Kampfstoffe wegen katastrophaler Risiken für die Gesundheit der Bevölkerung. “Wir hörten Anthrax und Roxbury-South End”, erregt sich Klare Allen, die Community-Aktivistin des betroffenen Bostoner Stadtteils. “Dann hörten wir Ebola. Und das Letzte, was wir hörten, war Beulenpest. Wir haben uns angesehen und gesagt: ‘Auf keinen Fall dürfen sie so etwas in unsere Community bringen.’”

Überprüfungskonferenz 2011

Die Genfer Konferenz reiht sich ein in eine Serie von Jahrestagungen, auf denen die internationale Konvention zum Verbot von Biowaffen gestärkt werden soll. Doch so nützlich derartige Konferenzen auch sind. Sie können den Grundmakel des Abkommens nicht tilgen. Er besteht im Fehlen eines wirksamen Verifikations- und Sanktionssystems.

Dabei war ein entsprechendes Zusatzprotokoll, das die Wirksamkeit des Verbots erheblich gestärkt hätte, bereits vor Jahren so gut wie unterschriftsreif. Doch es scheiterte in letzter Minute an einer Blockade der US-amerikanischen Bush-Regierung, die ihre teilweise verbotenen Biowaffenprogramme vor internationalen Kontrollen abschirmen wollten.

Diese wären aber dringend erforderlich: „In wachsendem Maße wird anerkannt, dass die Vertragsstaaten, die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zur Biowaffenabwehr betreiben, Schritte unternehmen müssen, um sicherzustellen, dass sie die Konvention einhalten“, fordert eine aktuelle Studie des US Naval Medical Research Center in Bethesda, im US-Staat Maryland. Doch erst im Jahr 2011 kann auf der nächsten Überprüfungskonferenz ein neuer Anlauf unternommen werden, um über wirksame Kontrollmaßnahmen zu verhandeln. Es bleibt zu hoffen, dass die USA unter der Obama-Regierung sich dann konstruktiver verhalten.

Biologische Waffen

Unter biologischen oder bakteriologischen Waffen werden Kleinstlebewesen (Mikroorganismen) oder künstlich hergestellte mikrobiologische Stoffe verstanden, die Krankheiten, Massenepidemien oder Tod bei Menschen, Tieren und Pflanzen verursachen können. Biologische Waffen werden in Bakterien, Rickettsien, Viren, Pilze und Toxine klassifiziert. Dazu gehören unter anderem der Milzbranderreger Bacillus anthracis, außerdem die Verursacher von Pocken, Ebola-, Lassa- und Marburgfieber aber auch das Leberkrebs hervorrufende Aflatoxin. Weiterhin zählen dazu die Erregerbakterien von Pest, Tularämie, Cholera, Diphtherie und Salmonellen. Ebenfalls verboten sind Gifte, wie Botulin, Rizin und das Tetanus-Toxin, die nicht für friedliche Zwecke bestimmt sind.

Biowaffen-Konvention

Das Übereinkommen über das Verbot bakteriologischer (biologischer) und Toxinwaffen, dem gegenwärtig 163 Staaten angehören, verbietet die Anwendung sowie die Entwicklung, Produktion und Lagerung von militärisch genutzten Bakterien, Viren und Pilzen. Darüber hinaus verlangt es die Vernichtung vorhandener Bestände derartiger Krankheitserreger. Erlaubt ist jedoch die Forschung und Entwicklung zu defensiven Zwecken.

Kommentare (2)

Avatar
steinmain 30.08.2009 | 05:09

Die Nicht-Anwendung biologischer Waffen bis heute ist wohl dadurch begründet, das immer noch niemand exakt vorhersagen kann, aus welcher Richtung morgen der Wind wehen wird, das Selbstinfektionsrisiko ist einfach zu hoch, und karzinogene Sachen wirken wohl zu langsam. Irgendein krankes Hirn wird aber auch für dieses technische Problem eine Lösung finden.

Mika Latuschek 31.08.2009 | 02:15

Die im letzten Absatz des Haupttextes zitierte Studie wurde vom Center for Arms Control and Nonproliferation erarbeitet, nicht vom Naval Medical Research Center (einer Einrichtung des US-Militärs).
Trotzdem ein guter und sehr wichtiger Artikel. Kein anderes deutschsprachiges Medium hat über die Konferenz in Genf berichtet. Sie schreiben lieber über die Formel 1.