Kreativ verzweifelt

Szene Viele junge Russen wollen auswandern. Dasha, Sergej, lldar und Alexander aber bleiben

Dasha ist zufrieden. Die junge Russin im weißen Hemd und mit Tattoos auf beiden Handrücken lehnt sich gegen eine unverputzte Backsteinwand. Stolz schaut sie auf ihre Chainaja, ihr Teehaus. Oder vielmehr auf ein kleines Zimmer, das sie mit muffigen Kissen, schrägen Lampenschirmen und alten Teekännchen ausgestattet hat. Dasha hat die Chainaja in einem Moskauer Hinterhofclub für lau zusammengebastelt. Die Möbel kamen von Moskaus Müllhalden, der Sowjetkrams aus Omas Wohnung. Wenn Hunderte junge Russen am Wochenende in den Club strömen, um zu Elektrobeats zu tanzen, brüht Dasha ihnen die wildesten Teekombinationen auf. „Wie zu Hause“ fühlten sich die Feiernden dann. „Oft schlafen sogar ein paar auf dem kleinen Bett dort.“

Dasha ist Teil eines Moskauer Techno-Kollektivs, das sich vor einem halben Jahr den Traum vom eigenen Club erfüllte: Rabitza, auf Deutsch Hase, versteckt sich hinter einer rostigen Industrietür im Moskauer Nordosten. Der Club eröffnete mitten in der Wirtschaftskrise, die sich seit gut zwei Jahren durch die russische Gesellschaft frisst. Mit den Sanktionen nach der Krimkrise und dem historisch niedrigen Ölpreis verlor der russische Rubel seither fast die Hälfte seines Wertes. Ausländische Investoren gingen, die Wirtschaft schrumpfte um fast vier Prozent. Der Weltbank zufolge könnten bald schon rund 20 der 140 Millionen Russen von Armut bedroht sein. Mit der Wirtschaftskrise fielen nicht nur die Gehälter und die Zahl derer in Arbeit, sondern auch die Preise auf dem Immobilienmarkt. Es war die Nische für Rabitza.

So ziemlich der Einzige aus dem Partykollektiv um Rabitza, der einen Job habe, sei Sergej, wie er selbst lächelnd sagt. Der Historiker verantwortet hier nach Feierabend von kaputten Rotlichtlampen in den Toiletten bis hin zu den Außenbeziehungen des Clubs alles Mögliche. „Die Mieten sind mit der Wirtschaftskrise vielleicht um das Zwei- bis Dreifache gefallen“, erklärt Sergej, das habe Rabitza erst möglich gemacht. „Aber sonst hat die Krise jetzt keine direkte Auswirkung auf uns als Kollektiv“, findet Sergej, „unsere Subkultur allerdings und auch die, die zu uns feiern kommen, wurden durch die derzeitige aggressive Stimmung im Land musikalisch radikaler. Wir sind enger zusammengerückt.“

Für Sergej und Dasha ist das Rabitza mehr als nur ein Club – es ist zum Rückzugsort vor dem „Russland da draußen“ geworden. Denn im Rabitza gelten andere, die eigenen Regeln. „Staat dem Staate“, meint Dasha, die mit diesem nichts zu tun haben möchte. „Wir sind weder Opposition noch Protest, würde ich sagen, weil wir überhaupt nicht nach dem Algorithmus des Systems funktionieren. Wir fühlen hier etwas, das es draußen kaum gibt, und leben hier auf einem ganz anderen Niveau.“

Eine Insel, eine Datscha

Es ist das Apolitische, das Rabitza dann doch politisch werden lässt. „Im Gegensatz zur gängigen Politik in diesem Land“, erzählt Sergej stolz, „pflegen wir hier eine enge ukrainisch-russische Techno-Freundschaft.“ Moskauer legen in Kiew auf, junge Ukrainer mindestens einmal im Monat hier. „Das hier ist ein Mikrokosmos“, führt Sergej weiter an und muss seine Stimme heben, weil im Kabinett nebenan, dem kleinsten Dancefloor des Clubs, gerade die Soundanlage für den nächsten Rave getestet wird. „Wir sind hier abgeschnitten von der Stadt, von allem, was drum herum passiert.“ Rabitza ist für ihn, wie auch für Dasha, eine Insel, eine Datscha, auf der man zum Atmen kommt. Jede freie Minute verbringen die beiden hier.

Do-it-yourself-Projekte wie das Rabitza sind laut Rita Kuleva „eine Art, mit der Krise umzugehen“. Die Russin arbeitet am Zentrum für Jugendforschung in St. Petersburg. Obwohl es zu derartigen Graswurzelinitiativen kaum handfeste Zahlen gibt, scheinen die in Moskau gerade wie Pilze aus dem Boden zu sprießen. Tatsächlich aber, so Kuleva, bahne sich diese Entwicklung schon seit den Bolotnaja-Protesten im Winter 2011 an. Damals gingen in Moskau und St. Petersburg trotz Eisestemperaturen mehrmals Zehntausende auf die Straßen. Fast die Hälfte davon waren junge Kreative und Studenten. Die Proteste wurden zu den größten in der jüngeren russischen Geschichte und richteten sich direkt gegen Wladimir Putin. „Russland erwacht“, titelten die Zeitungen. Doch tatsächlich griffen Polizei und Sicherheitskräfte hart durch, Aktivisten wurde der Prozess gemacht und Putin blieb an der Macht. „Damals hat die Jugend verstanden, dass sie in großem Maßstab kaum etwas verändern kann. Sie wurde politikverdrossen“, erklärt Kuleva. „Deshalb auch der Wunsch nach einem eigenen Mikrokosmos.“ Denn mit der Verzweiflung kamen eben auch Bewusstsein und Zuflucht in die eigene kleine Welt, die man sich so einrichten kann, wie man es selbst am liebsten hat. Sogar von der „eigenen Regierung“ sprachen junge Russen in Interviews mit Kuleva.

Die eigene Regierung – darüber witzeln auch Ildar und Alexander. Die beiden stehen in einem vornehmen und leer stehenden Bürobau zwei Metrostationen südlicher. Die deckenhohen Fenster sind mit dem Logo eines Architekturbüros versehen und vor den mit kahlem Beton ausgekleideten Wänden stehen Tischtennisplatten. Hierhin soll, geht es nach den hehren Plänen von Ildar und Alexander, ihr Club Nauka i Iskustvo, zu Deutsch „Wissenschaft und Kunst“, bald umziehen. Denn der gemietete, kleine Betonbau nebenan ist schon jetzt zu klein für das NII. Hier finden neben Elektro-Raves auch offene Sampling Sessions statt, bei denen junge Musiker nach dem Soundtrack ihrer Zeit suchen. Das NII übersetzt die Elektro-Subkultur Moskaus in einen physischen Ort. Im Dunstkreis des Clubs wirken nicht nur unabhängige DIY-Labels, die auf Kassetten und Vinyl drucken, sondern auch Musiker wie Kedr Levanskiy. Die junge Russin mit den melancholischen Lyrics ist jüngst bei einem New Yorker Label unter Vertrag gekommen. „Grob gesagt soll das NII mal so etwas wie ein Kulturzentrum werden“, erklärt Alexander, der Design studiert, „mit Raum für Musik, Ausstellungen und Diskussionen. Auch Sport soll man hier machen können.“ „Und wenn wir unsere eigene kleine Stadt haben“, fügt Ildar an, „ja, dann haben wir auch unsere Regierung mit eigener Politik.“

Was die beiden als Witz abtun, spielt auf den Frust über den politischen Totpunkt in Russland an. Fast 40 Prozent der Altersgenossen von Ildar und Alexander oder Dasha und Sergej wollen deshalb auswandern. Das sind so viele wie seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr. Auch die Zahl derer, die tatsächlich auswandern, ist mit jeder Krise stetig gestiegen. 2015 verließen laut russischem Statistikamt 350.000 Menschen Russland. Das sind mehr als fünfmal so viele wie noch vor den Bolotnaja-Protesten. Doch nicht alle jungen, kosmopolitischen Russen gehen. Und die, die wie Ildar und Alexander bleiben wollen, stehen für ein neues Selbstbewusstsein, das in den Moskauer Hinterhöfen gerade heranwächst.

„Es findet ein Wandel statt“, ist Ildar überzeugt. Menschen wollen ihre eigene Sicht ausdrücken, ihre eigene Welt mit einer eigenen Szene erschaffen. „Für mich persönlich ist das hier gerade genau die richtige Zeit, um sein eigenes Ding zu machen.“ Vom neuen musikalischen und kulturellen Leben im Osten sprechen die beiden. „Wenn dein Land in einer Krise steckt, ist alles schlecht, und du möchtest dich davon befreien, das ablegen“, erklärt sich Alexander die Tatsache, dass Clubs wie das NII oder Rabitza derzeit auf so fruchtbaren Boden fallen, „du kannst dir dann vielleicht den Urlaub im Ausland nicht mehr leisten. Gehst dafür aber zu Hause auf Konzerte und feierst, um dich davon abzulenken.“

Die Sehnsucht

Den Wandel, von dem Ildar und Alexander sprechen und der mit der Wirtschaftskrise kam, bringt Alexey Nikolaev auf eine einfache Formel. Nikolaev berät mit seiner Firma InSimple die Musikbranche und war selbst jahrelang DJ. „Alle zählen jetzt ihr Geld“, erklärt Nikolaev, „und Künstler aus dem Ausland einzuladen, ist mit dem schwachen Rubel heute fast doppelt so teuer wie noch vor der Krise.“ Das könnten sich die meisten Clubs nicht mehr leisten. Doch neben der gestiegenen Nachfrage in Russland, so Nikolaev, führe eben auch das gestiegene Angebot an guten einheimischen Künstlern zu einem Umbruch auf dem russischen Musikmarkt. Bands wie Utro, auf Deutsch Morgen, die aus dem entlegenen Rostow am Don mittlerweile auch Adressen wie das Berliner Berghain erobern, treffen mit ihren Texten voller existenzieller Sehnsucht den Nerv ihrer Zeit. In Clubs wie NII oder dem Rabitza träumt man von einer anderen Welt.

In ihrer Chainaja sinniert auch Dasha über die Folgen der Wirtschaftskrise für ihr Leben. „Krise?“, fragt die junge Russin und hebt gedankenverloren ihre dunklen Augenbrauen. „Klar leben wir objektiv nicht besonders gut, wir haben alle Schulden, viele keine Arbeit und versuchen mit jeder Party irgendwie wieder auf null zu kommen. Dafür aber“, und da lächelt die junge Russin dann wieder und schaut sich in ihrer kleinen Welt um, „sind wir glücklich.“ So halte man dann auch die vielen Krisen hier aus.

Annette Kammerer hat Russland und die Ukraine schon öfter bereist. Im Rahmen eines Journalistik-Stipendiums im Jahr 2016 entstand diese Reportage

06:00 08.03.2017
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