Kreative Task-Force in Hamburg

Anti-Gentrifizierung Illustrator Fabian Stoltz engagiert sich seit Sommer gegen die Pläne der Stadt Hamburg, das Gängeviertel einem holländischen Investor zu überlassen. Was bewegt ihn dazu?

Das richtige Leben im falschen kommt bisweilen unverhofft daher. In diesem Fall in Person eines Stadtplanungsstudenten, der uns Mitte August im Atelier besucht. Im Gepäck hat er diverse Baupläne, einen halbstündigen Vortrag und das Angebot, uns an der Gängeviertel-"Besetzung" zu beteiligen. Beim Gängeviertel handelt es sich um ein Ensemble eines guten Dutzends Häuser, an denen man nachvollziehen kann, wie die Arbeiterschaft Hamburgs im neunzehnten Jahrhundert lebte. Seit mindestens sieben Jahren ist das Areal weitgehend entmietet. Nach Rücksprache mit den AtelierskollegInnen bildet sich eine Task-Force (wer Zeit und Lust hat), die einen symbolischen Einzug plant. Wie der Großteil meines Bekanntenkreises sympathisieren meine Kollegen mit den diversen Anti-Gentrification-Initiativen, sind teilweise auch persönlich betroffen und scheinen nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, sich auf ihre Art, also kreativ einzubringen.

Am Samstag, den 22. August muss ich leider arbeiten, darum ziehe ich mich in der Vorbereitung zurück. Ich kriege aber mit, wie die Beteiligten ausführlich gebrieft werden: Merkblatt von der Roten Hilfe für den Fall, dass es zu Festnahmen kommt, EA-Nummer wird ausgegeben, und im Fall einer "Ingewahrsam-Nahme" ist JedeR nur zufällig vorbeigekommen.
Als ich Samstag gegen 17 Uhr aufs Gelände komme, ist mächtig was los. Scharen von Menschen, die miteinander diskutieren, die Häuser besichtigen und feiern. Entgegen der Befürchtungen im Vorfeld wird nicht geräumt. Ich sehe an dem Tag nur zwei Streifenbeamte, die uns bitten, unsere Seilzugwinde nicht über die ganze Breite der Straße zu positionieren. Die Winde benutzen wir, um von uns und Gästen beschriebene oder bemalte Zettel in die Wohnung im zweiten Stock zu befördern. Auf diesen steht, was sich die Leute für die Wohnung wünschen, also zum Beispiel Anlage und Boxen, eine Katze, aber auch Diskussionen und nette Nachbarn.

Imageschaden für die Stadt

Im Nachhinein erfahre ich, dass im Hintergrund wohlgesinnte Abgeordnete ihre Verbindungen haben spielen lassen, damit die ganze Sache nicht im Keim erstickt. Montag Nachmittag kommt die Meldung, dass das Gängeviertel geräumt wird. Das stellt sich aber als Ente heraus, die Verantwortlichen vereinbaren lediglich mit den städtischen SAGA und Sprinkenhof AG - den Noch-Besitzern und Verwaltern, dass aus brandschutztechnischen Gründen nur noch die Erdgeschosse zugänglich sind. Und spätestens Mitte der Woche ist klar, dass das ganze Projekt nicht ohne enormen Imageschaden für die Stadt beendet werden kann. Am Eröffnungswochenende sind mehrere tausend BesucherInnen "in die Gänge gekommen", die gesamte Presse steht der Initiative wohlwollend gegenüber - wann stellt sich die Springer-Presse schon auf die Seite der BesetzerInnen? - und auch das komplette parteipolitische Spektrum findet's gut. Da kann man sich fragen, wieviel Wahlkampfgeplänkel mit im Spiel ist, aber grundsätzlich stimmt es bedauerlich, unsere VolksvertreterInnen erst mit der Nase auf die Missstände stoßen zu müssen, bevor sie selber auf den Trichter kommen, dass ein erhaltenswertes Stück Hamburger Geschichte vielleicht besser doch nicht von einem holländischen Investor glattsaniert werden sollte.

Das Projekt wächst derweil und die Resonanz überrascht wohl auch die ursprünglichen InitiatorInnen. Es bilden sich Strukturen heraus, AGs werden gegründet, zur Zeit nicht weniger als 22, die Vokü zieht ein, jeden Mittwoch tagt die Vollversammlung bis spät in die Nacht, und man befindet sich in quasi permanenten Verhandlungen mit diversen Weisungsbefugten der Behörden. Zwischenzeitlich wird ein Nutzungsvertrag aufgesetzt, der einige Tage später schon wieder ausläuft, und natürlich wird auch das Viertel, so gut es geht, in Stand gesetzt. Daneben gibt's eine Fülle an kulturellen Aktivitäten: Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Führungen, Vorträge etc...

Von Null auf Hundert bin ich in die Neustadt katapultiert. Wo ich mich vorher eher selten aufgehalten habe. Ist ja auch nix Interessantes da. Jetzt aber heißt es teilnehmen an einer spannenden Entwicklung, bei der man immer das Gefühl hat, man müsste doch noch viel mehr... und warum hat der Tag nur 24 Stunden...

Angefangen beim banalen Aufsicht schieben, was freischaffende Off-KünstlerInnen von jeder anderen Ausstellung kennen. Mit dem Unterschied, dass hier Begegnungen jenseits der üblichen Artsy-Fartsy-Szene stattfinden. Alte, Junge, Familien, Bürgerliche, Revolutionäre und die erfahrenen Besetzungs-Urgesteine. Der Diskussionsbedarf ist enorm, und die Stimmung ist fast durchgehend herzlich.

Unser Haus beschließt, am Samstag, den 12. September ein "Grand Re-Opening" zu veranstalten. Alle Interessierten erhalten einen Raum, und so werden 27 Zimmer "bespielt", sehr unterschiedliche Arbeiten, aber stringent in der Gesamtschau. Um 14 Uhr geht's los, der Besucherstrom reißt bis zwei Uhr nachts nicht ab.
Montag kommt dann eine Mail, dass wiederum Verantwortliche der SAGA und SpriAG die Räume in Augenschein genommen haben. Sie untersagen uns, die oberen Etagen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hintergrund der Sache ist, dass am Sonntag eine russische Performance-Gruppe eine Besetzung innerhalb der Besetzung durchgeführt hat, was wohl spontan ablief oder zumindest nicht im Vorfeld kommuniziert wurde. Jedenfalls meldete die informierte Polizei das weiter, und es herrsch kurzfristig große Aufregung.

Seelenlose Viertel

Die breite Zustimmung bewarheitet das Lincoln-Zitat "You can fool some people some time, but you can't fool all the people all the time". Nachdem der Senat unter Schwarz-Gelb-Schill das Konzept der "Wachsenden Stadt" aus den Archiven gekramt und mit der Durchführung begonnen hatte, brauchte die Bevölkerung einige Jahre, um zu merken, dass damit wenig anderes gemeint war als hochpreisige Wohn- und Büroeinheiten in Toplage. Dass sie Zeuge eines Prozesses ist, der unter dem schönen Namen "Gentrification" die Runde macht. Die Seelenlosigkeit der Hafencity ist wahrscheinlich nur durch die schöne Aussicht aufs Wasser zu ertragen. Der gewöhnliche Bürger fragt sich selbstverständlich auch, wo all die Menschen herkommen sollen, dir dort wohnen und arbeiten könnten. Und vor allem, wieso muss die Stadt dann noch all ihre anderen Preziosen im Höchstgebotsverfahren verschachern?

Inzwischen hat auch eine breite Schicht abseits der linksalternativen Intelligenzia begriffen, dass man von einer "Wachsenden Stadt" nicht viel hat, wenn nur die Summe wächst, die man monatlich für die Miete ausgibt. Da können die Boutiquen noch so rausgeputzt, die Touristen noch so trendy sein. Und "alternative", "multikulturelle", "bunte", "szenige" oder mit welchen hohlen Adjektiven auch immer belegte Viertel werden nur noch eine konsumorientierte Karikatur ihrer selbst sein, wenn das so weitergeht. Folgerichtig sprießen diverse Initiativen, Volksbegehren und andere Formen des Widerstands aus dem Boden, um den Investorenirrsinn zu bekämpfen. Das Gängeviertel hat sich quasi aus dem Nichts zum Leuchtturmprojekt entwickelt, vernetzt sich aber selbstverständlich mit den anderen Aktionsgruppen, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Anti-Gentrifizierungs-Bewegung wächst. So wie's aussieht, auch noch eine ganze Weile.

Fabian Stoltz lebt in Hamburg und zeichnet für den Alltag in der Zeitungsausgabe zweiwöchentlich das Storyboard.

15:00 06.10.2009

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