Kreuz, Kondor, Klipper?

Brasilien Die Juscelino-Kubitschek-Brücke, das Lob Antonio Negris und das Plateau der Wildjäger

Anflug auf Brasília. Erkenne ich diesmal die Kreuzform des Stadtgrundrisses, die auf den Plänen der Architekten Lúcio Costa und Oscar Niemeyer spielend auszumachen ist? Oder wenigstens die Umrisse eines Vogels mit weit gespannten Flügeln, die Lúcio Costa im Plano piloto (1956) sah? Er widersprach der Meinung fortschrittsgläubiger Zeitgenossen, das Modernisierungsprojekt Brasília bediene sich der Umrisse eines Flugzeugs. Ob Kreuz, Symbol des Kondors oder eines Düsenklippers, ob Autostadt oder betonierter Funktionalismus, wie in den siebziger Jahren gern behauptet - Brasiliens Kapitale begeistert mich, sobald ich sie betrete. Ihr eilt der Ruf voran, das "größte Freilichtmuseum der Welt" zu sein, auch der neuesten Architektur, weil die Meisterschüler der großen Meister Brasílias inzwischen am Zuge sind.

Alexandre Chan baute im Jahr 2002 die Juscelino-Kubitschek-Brücke zum 100. Geburtstag des einstigen Präsidenten und Bauherrn Brasilias. Zwischen 1956 und 1960 hatte Kubitschek, den die Brasilianer nur JK nennen, die Stadt aus der Retorte weitab vom Zivilisationsgürtel als Denkmal zivilisatorischer Dynamik bauen lassen. Die neue Drei-Bögen-JK-Brücke verbindet nun das Regierungsviertel mit dem "Platz der drei Gewalten" über den künstlichen See hinweg - eine der großartigen Ideen des Landschaftsplaners Burle Marx - und den grünen Villenvierteln sowie dem Botanischen Garten. In unmittelbarer Nachbarschaft der Brücke und des Palacio Alvorada, des Präsidentenpalastes, kann das Werk eines weiteren Meisterschülers bestaunt werden: das neue Alvorada-Hotel mit der Präsidentensuite, in der George Bush unlängst Zuflucht suchte, als ein Flügel der regierenden Arbeiterpartei (PT) zu einer großen Demonstration aufgerufen hatte.

Die Mehrheit der Arbeiter, die 1956 hierher kamen, um die Wildnis der semi-ariden Hochebene Zentralbrasiliens zu roden und eine Stadt zu hinterlassen, stammten aus dem Nordosten. Damals herrschte die fixe Idee, der Aufbruch sei unaufhaltsam: das Neue - Brasília und die Zukunft Brasiliens waren Eins. Ein bis dahin nie gekannter Geldfluss beschleunigte die Akkumulation und verschaffte dem Land einen Wachstumssprung. Später stellte sich heraus, dass die Planungs-, Bau- und Umzugskosten fast den Staatsbankrott heraufbeschworen. Blieb Brasília dennoch der Ort des historischen Wandels par excellence, der über die Zukunft der Nation entscheidet?

Es schien zumindest so, als 1995 der Intellektuelle Fernando Henrique Cardoso und sieben Jahre später der populäre Gewerkschaftsführer "Lula" da Silva zum Präsidenten gewählt wurden. Unter Letzterem allerdings degeneriert Brasília - wieder einmal - zum Sündenbabel der Korruption. Bei einer wichtigen Abstimmung in der Abgeordnetenkammer - es ging um den neuen Parlamentspräsidenten - betraten deshalb jüngst zwei Abgeordnete politisch weit voneinander entfernter Parteien das Gebäude Hand in Hand. Der symbolische Akt sollte ein kollektives Plädoyer für Transparenz, Ehrlichkeit und Demokratie jenseits ideologischer Gräben sein. Die Geste fand weniger Beachtung als die Kommentare Antonio Negrí, des italienischen Gurus der Linken, zur Lage der Lula-Regierung. Eingeladen, um sein Buch Globale Biomacht und Kampf in einem globalisierten Lateinamerika in Brasília vorzustellen, verteidigte Negri den angeschlagenen Staatschef gegen Angriffe von rechts und links. "Lulas großes politisches Verdienst ist es, die Regeln der Globalisierung zu brechen und damit den Status der Abhängigkeit zu überwinden. Das gelang ihm durch zwei grundlegende Handlungen: Einerseits wurden offene Rechnungen mit dem IWF beglichen; andererseits Wege für die extrem wichtigen Süd-Süd-Verbindungen geöffnet". Lula habe "etwas Neues erfunden", glaubt Negri, ihm sei es gelungen, "die Zentralisierung zu knacken, die der Globalisierung durch den amerikanischen Unilateralismus aufgedrückt wird."

Der Meister reicherte seine brillante Analyse mit dem Vorschlag an, Lula möge in einer möglichen zweiten Amtsperiode, nach den Wahlen in diesem Jahr, das Gewicht auf die Integration sozialer Bewegungen legen, auch ökologisch orientierte Gruppen wieder ins Boot holen. Wie dringlich das ist, zeigt mein Ausflug aufs Land.

Rote Fahne an der Straße, die Axt in der Hand und mitten in der Wildnis

Ich verlasse die Hauptstadt in Richtung Norden, um die einzigartige Hochebene Zentralbrasiliens zu erkunden - die Chapada dos Veadeiros, das Plateau der Wildjäger, im Bundesstaat Goiás, früher als "Korridor des Hungers" verschrieen. Die mehrere tausend Quadratkilometer umfassende Region besteht aus Hochebenen, Bergen, Hügeln, Tälern. Wichtige Zuflüsse des Amazonasbeckens entspringen hier, es gibt Wasserfälle von fast 200 Metern Höhe. Ich glaube nicht an wilde Natur. Später werfe ich den Grundsatz über Bord, ich bin mitten in der Wildnis.

Nach 30 Kilometern Fahrt gerät eine rote Fahne der Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores rurais Sem Terra in den Blick. Der MST wurde 1984 gegründet, vier Jahre später erhielt die Bewegung mit der neuen Verfassung ausdrücklich das Recht auf Land zuerkannt.

Als ich anhalte, kommen zwei sehr junge MST-Mitglieder aus einer der Hütten am Straßenrand auf mich zu, jeder mit einer Axt in der Hand. Auf meine Begrüßung "Wie geht´s, alles in Ordnung? Ich bin aus Deutschland" reagieren die Jungs mit einem Handzeichen, alles in Ordnung, und verschwinden wieder. Der MST zeigt heute in 23 Bundesstaaten Brasiliens Flagge. Und wenn nur ein provisorisches Camp am Straßenrand errichtet werden darf, zumeist können in diesem Fall - nach Verhandlungen mit dem Bürgermeister eines Ortes - fünf oder sechs Familien aus einem MST-Tross (oft mehrere tausend Menschen) ausscheren und bleiben. Nur reicht das dabei zugeteilte Stück Land auf Dauer nicht für den Lebensunterhalt. Deshalb stellt der MST seit seinem legendären Sternmarsch auf Brasília 1997 vor allem eine Forderung: dem Recht auf Boden soll das Recht auf Arbeit folgen.

Links und rechts meiner Route liegen riesige Sojabohnenschläge, denn heute sitzt hier die multinationale Agro-Industrie fest im Sattel, seit 2002 auch Monsanto, weltweit der größte Produzent genetisch manipulierten Saatgutes. Präsident Bush hatte Ende 2002 seine Zusage, Lulas "Programm gegen Hunger" zu unterstützen, von der Erlaubnis der brasilianischen Regierung zum genetischen Anbau abhängig gemacht.

Vor den Toren des Nationalparks Chapada dos Veadeiros liegt das Städtchen Alto do Paraiso. In den siebziger Jahren als Ort positiver Energie entdeckt, wurde es wenige Jahre später zum Mekka der Alternativszene. An der ruhigen Hauptstraße liegen vegetarische Restaurants, Pensionen wie Der Garten Eden oder die Studios von Astrologen. Außerdem bieten Masseure, Akupunkteure und Homöopathen ihre Dienste an. Etwas außerhalb findet sich das Energie-Meditationstempelchen Kaliandra, einer der meistbesuchten Orte. Nach nationalen Treffen der Alternativbewegung 1981 und 1986 gesellten sich 1991 spiritualistische Sekten dazu, die an den Weltuntergang glaubten. Sie hielten Alto do Paraiso und den in der Nähe liegenden Walfisch-Berg für Refugien, um das Inferno zu überleben. Als bis zur Jahrtausendwende dann nichts passierte, zogen viele Sektenanhänger wieder weg, die Alternativszene blieb. Dank ihrer Initiativen ist die Infrastruktur des Städtchens bemerkenswert: ein Waldorf-Kindergarten, eine Waldorf-Schule, ein Freizeitpark für Skater. Zum Bürgermeister wurde gerade ein Anhänger der Bagwan-Sekte gewählt, deren brasilianische Version verbürgt sich für das Label: garantiert undogmatisch.

Dona Ana Alves Pereira, die Magie des Kristalls und die Baptisten im Vormarsch

Eine lange Asphaltstraße (mit Fahrradweg) führt von Alto do Paraiso nach Sao Jorge, einem ehemaligen Bergbaustädtchen. Bis in die fünfziger Jahre wurde hier Quarz abgebaut. Japaner, Deutsche, Nordamerikaner, Engländer, Franzosen machten große Geschäfte, doch mit der Entdeckung des Silikons verlor Quarz als Material zum Bau elektronischer Geräte seinen Wert. Aus dem prosperierenden 5.000-Einwohner-Flecken wurde eine staubige 400-Seelen-Gemeinde. Wer ausharrte, darf heute dank eines boomenden Ökotourismus wieder Hoffnung schöpfen. Seit zwei Jahren veranstaltet Sao Jorge das "Fest der Kulturen", zu dem Gäste in Scharen anreisen. Dona Ana Alves Pereira, eine 65-jährige einstige Garimpeira (Quarzgestein-Sucherin), weiß das zu schätzen. Schon als Fünfjährige begann sie, mit den Eltern an den Hängen nach Bergkristallen zu suchen. Inzwischen lebt sie vom Tourismus und vermietet den zierlichen Garten hinter ihrem Ein-Zimmer-Häuschen zum Zelten. Seit sie vor fast zehn Jahren ihre Arbeit am Berg - Quarz wird in Terrassen abgebaut - endgültig aufgegeben hat, glaubt sie nicht mehr an die Magie des Kristalls und ist einer evangelischen Kirche beigetreten. Brasilien erlebt eine Expansion baptistischer Freikirchen und eine aggressive Missionierung, wie sie besonders von den nordamerikanischen Stammkirchen ausgeht.

Trekking-Parcours zu spektakulären Wasserfällen bietet das private Naturschutzgelände Raizama, nicht weit von Sao Jorge entfernt. Eines von Dutzenden Fazendatourismus-Projekten, die zum staatlich kontrollierten Privaten Naturschutzprogramm (RPPN) zählen. Auf einem Naturlehrpfad macht mich mein Begleiter auf medizinische Heilpflanzen wie Pão leite gegen Zahnschmerzen aufmerksam und zeigt mir auch die struppige canela de ema, die Leute des MST in eine dekorative rosenartige Trockenblume verwandeln, um sie in Brasília vor der Kathedrale zu verkaufen.

Der vielleicht wichtigste Ort auf dem Zentralplateau ist Cavalcante. Hier am Rande des Naturparks leben die Nachfahren der Kalungas, geflohene Sklaven, die im 17. Jahrhundert in dieser Gegend ihren eigenen Staat "Quilombo" gründeten und sich Menschenhandel und Kolonialismus widersetzten. 4.500 Kalungas leben heute noch in Cavalcante und Umgebung.

Auf einem Foto sehe ich Präsident Lula, der vor drei Jahren den Ort besuchte, um eine Elektrizitätsleitung einzuweihen. Eine seiner ersten innenpolitischen Handlungen kurz nach dem Wahlsieg: es galt die schwarze Bevölkerung Brasiliens, ihre Geschichte des Widerstands, ihrer afro-brasilianischen Identität demonstrativ ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit zu stellen und den Gesinnungswandel auszudrücken, für den die neue Regierung stand. Die adäquate außenpolitische Geste folgte kurze Zeit später. Vor der UN-Generalversammlung in New York bekannte Lula als erster Präsident Brasiliens: Er sei stolz, ein Land zu führen, das auf dem amerikanischen Kontinent die zweitgrößte Zahl von Einwohnern schwarzafrikanischer Abstammung aufzuweisen habe.

Zurück in Brasília besuche ich das "Museum der indianischen Völker", das 1995 endlich eingeweiht wurde. Der Politiker, Intellektuelle und Anthropologe Darcy Ribeiro hatte die Gründung bereits 1982 nach seiner Rückkehr aus dem Exil auf den Weg gebracht. Das von Oscar Niemeyer entworfene Gebäude sollte 1984 eröffnet werden, aber ignorante Politiker stoppten das Projekt mit der Begründung, es existiere schon ein Indianermuseum in Rio. Erst nach massiven Protesten indianischer Intellektueller, nicht zuletzt Darcy Ribeiros, war es elf Jahre später dann doch soweit: Brasília erhielt mit diesem Museum ein Denkmal für die Ureinwohner des Landes.


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00:00 27.01.2006

Ausgabe 39/2020

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