Krieg der Literaturen

Zeitschriftenschau Eine Zeitschrift für Germanistik und Literatur, klein und unbekannt, doch bereits im siebten Jahrgang und in einem etwas unhandlichen DIN A 4-Format ...

Eine Zeitschrift für Germanistik und Literatur, klein und unbekannt, doch bereits im siebten Jahrgang und in einem etwas unhandlichen DIN A 4-Format erscheinend, ist mir ins Haus geflattert. Sie nennt sich recht akademisch Kritische Ausgabe und wird herausgebracht von Germanisten der Universität Bonn. Jedes Heft steht unter einem besonderen Thema; das vorliegende handelt vom Krieg und bewältigt diese schwierige Aufgabe erstaunlich vielseitig, mit Geschick und Kenntnissen. Das bedeutet nicht, dass alle Beiträge gleich lesenswert sind; manches ist ausgesprochen zäh und sperrig und muss häufig erst aus dem Germanistischen ins Deutsche übertragen werden.

Der Krieg als Sujet in der deutschsprachigen Literatur, in Erzählungen von Gert Ledig, Heinrich Böll oder Dieter Forte - man muss es den Bonner Studenten um Marcel Diel hoch anrechnen, dass sie den Mut hatten, auf wohlfeile Statements zum gegenwärtigen Irak-Konflikt zu verzichten und sich auf literarhistorische Gegenstände und Fragen zu konzentrieren. Eröffnet wird das Heft mit einem enzyklopädischen Beitrag zum Thema Krieg von dem allgegenwärtigen wie übergescheiten Alexander Kluge. Er berichtet vom weiten Weg der "Zähmung des Krieges", der von den Metzeleien des Mittelalters zu den kalkulierten Schlachten des 18. Jahrhunderts führe, zum Kabinettskrieg, dem Krieg unter Herrschenden, die eigens Regeln entwickeln, hinter denen einer angeblich "in Ruhe Mittag essen" kann. Doch bald schon bricht, so Kluge, der moderne, der totale Krieg aus, der Volkskrieg; er ist von Anfang an Weltkrieg. Massenvernichtungswaffen, Wehrpflicht, Propaganda, Wirtschaftskrieg, Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung, Blitzkrieg und Guerilla sind die neuen Erscheinungen. Diese Art Krieg wird in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die atomare Abschreckung abgelöst.

Über ein mir bislang völlig unbekanntes spätmittelalterliches Versepos, nämlich Heinrich Wittenwilers Ring und dem darin stattfindenden grobianischen "Dörferkrieg" berichtet Nadja Nitsche, die Forschungsergebnisse zu diesem höchst seltsamen Stück Literatur ausbreitend, das wohl kaum ernsthaft als "sehr moderne Antikriegsdichtung" offeriert werden soll. Der Beitrag über Theodor Fontanes drei Kriegsbücher - sie behandeln den Feldzug gegen Dänemark, 1864 geführt von einer Allianz Preußens und Österreichs; zwei Jahre später den Krieg Preußens gegen Österreich und schließlich den Krieg, den die verbündeten deutschen Staaten 1870/71 gegen das Kaiserreich Frankreich führten - dieser Beitrag könnte weit anschaulicher und beispielsweise mit Textauszügen Fontanes ausgestattet sein, wie das im Fall der Vorstellung von Karl Kraus´ Lesedrama Die letzten Tage der Menschheit durch Rüdiger von Tiedemann durchaus gelungen ist - eine satirische Revue, entstanden während des Ersten Weltkriegs, die in über 200, zum Teil dokumentarischen Szenen ein Kaleidoskop des Geschehens von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo bis zum letzten Kriegsjahr liefert; eines der gewaltigsten Werke, das je gegen einen Krieg geschrieben wurde.

Im November-Heft der schrill, plakathaft auf Breitenwirkung zielenden Literaturen scheint es dem Kölner Autor Richard David Precht vor allem darum zu gehen, dem Dichter Raoul Schrott etwas anzuhängen, ihn intellektuell madig zu machen. Nach einem Besuch bei dem Dichter in Irland hat er einen Artikel geschrieben, der von hämischen Andeutungen, Vermutungen, Unterstellungen nur so strotzt. Ein sublimer Futterneid schaut beständig zwischen den Zeilen hervor. Precht nennt Schrott, der mit seinen Nachdichtungen aus der Antike für Aufsehen gesorgt hat, gönnerhaft: "Ein überaus talentierter Anverwandter fremder Stimmen". Man wird den Eindruck nicht los, hier missgönne ein Schriftsteller einem anderen den Erfolg.

Nur unter neidfreien, einander wohlwollend zugeneigten Dichtermenschen meint sich dagegen der Leser der lyrischen Zeitschrift Faltblatt zu bewegen, die der Poet und Kleinverleger Theo Breuer kenntnisreich herausgibt. Gerade ist Faltblatt Nr. 8 erschienen, keineswegs aus fliegenden Blättern bestehend, vielmehr ein 118 Seiten umfassendes Heft. Abgedruckt werden neue Gedichte von etablierten Autoren wie Hans Bender, aber auch gut gemeinte Verse von ganz unbekannten Leuten, Buch- und Zeitschriftenbesprechungen und Essays zur Lyrik. Und immer wieder wird aufmunternd und voller Lob auf die Arbeiten anderer Kleinverleger und Minizeitschriften hingewiesen. So scheint es dem geschäftigen Breuer gelungen zu sein, von seinem Wohnort in der Eifel aus ein lyrisches Kommunikationsnetz durch ganz Deutschland zu knüpfen. Früher, in den siebziger, vielleicht noch in den frühen achtziger Jahren, gab es irgendwo in der nordrhein-westfälischen Provinz einen rührigen Alternativ-Verleger namens Josef Wintjes, der das seltsam getaufte Ulcus-Molle-Info herausgab, das eine ähnliche Funktion wie heute das Faltblatt erfüllte.

Kritische Ausgabe: Heft 1, 2003 (Fachschaft Germanistik an der Uni Bonn, Am Hof 1 d, 53175 Bonn), 3 EUR

Literaturen: Heft 10 und Heft 11, 2003 (Reinhardtstr. 29, 10117 Berlin), je Heft 7,50 EUR

Faltblatt: Nr. 8, 2003 (Neustraße 2, 53925 Sistig/Eifel), 6 EUR


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00:00 28.11.2003

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